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Asien

Sierens China: Inkonsequenter Drogenkampf

Die Null-Toleranz-Kampagne der chinesischen Regierung bedient sich Prominenter als Abschreckung - das kann nicht funktionieren, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

"Drogen sind die moralische Korruption der Gesellschaft", predigen die chinesischen Medien. Doch leider sind Drogenhandel und Prostitution in China allgegenwärtig. Selbst im Zentrum von Peking, dem vornehmen Geschäfts- und Vergnügungsviertel Sanlitun, fällt es einem schwer, abends spazieren zu gehen, ohne dass man Rauschgift angeboten bekommt. Und es gibt noch einen anderen Trend: In Massagesalons und Karaoke Bars locken käufliche Frauen zusammen mit dem Angebot einer Runde "Ice-Skating" - dem gemeinsamen Konsum der synthetischen und stark süchtig machenden Droge Crystal Meth. Mit der Bestellung von Gerichten mit dem Zusatz "Happy" im Namen sollte man aufpassen. Gerne wird dort auch mal ein bisschen Kokain in den Pizzateig gerührt.

Über zweieinhalb Millionen regelmäßige Drogennutzer leben in China, 60 Prozent davon sind heroinabhängig. Und das sind nur die von der Polizei Registrierten. Die Dunkelziffer liegt schätzungsweise bei über zwölf Millionen Drogenabhängigen. Schon bei seinem Amtsantritt letztes Jahr hatte Präsident Xi Jinping nicht nur eine harte Antikorruptionskampagne ausgerufen, sondern gleichzeitig auch zu „Null Toleranz für Prostitution, Glücksspiel und Drogen“ aufgefordert. Und im Laufe des Jahres kamen hin und wieder Erfolgsmeldungen.

Polizeirazzien statt Aufklärung

Anfang des Jahres führten die Behörden im südchinesischen Guangdong die größte Razzia in der Geschichte der Volksrepublik durch. Die chinesische Polizei hob ein ganzes Dorf von Drogenschmugglern aus. 180 Personen wurden verhaftet und drei Tonnen Crystal Meth konfisziert. Insgesamt wurden dieses Jahr im Zusammenhang mit Drogengeschäften bisher mehr als 7800 Verdächtige festgenommen - das sind 72 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr. Doch solange die Nachfrage da ist, wird sich der Handel mit Drogen immer wieder erholen. Vor allem junge Menschen müssten besser über die Folgen des Drogenkonsums aufgeklärt werden. Drogenaufklärung an den Schulen gibt es kaum. Das ist viel teurer und viel aufwendiger als spektakuläre Razzien. Viele Lehrer blocken bei dem Thema sogar ab: "Über solche schlechten Dinge redet man nicht" und "Drogen sind nicht gut", heißt es dann oft nur.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China (Frank Sieren hat die Rechte. Die DW darf die Bilder nutzen.)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Seit neuestem versuchen es die Drogenfahnder mit einer neuen Strategie: Sie werfen ein Auge auf Prominente, von denen sie denken, dass sie Vorbilder oder Idole von jungen Menschen sind. Eines der bislang prominentesten Opfer dieser Kampagne wurde im August Jaycee Chan, der Sohn des Hongkonger Hollywood-Schauspielers Jackie Chan. Vor zwei Wochen dann erneut eine Meldung: Der Regisseur Wang Quan’an, Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2007, wurde verhaftet, weil er Frauen für Sex bezahlt haben soll. Er ist ein weiterer der über zehn Prominenten, die in diesem Jahr bereits wegen Rauschgiftdelikten oder Prostitution verhaftet wurden.

Medial inszenierte Verhaftungen

Die Meldungen über die ertappten Promis verbreiten sich schnell in den chinesischen Medien. Im Falle Jaycee Chans zeigte das Staatsfernsehen Aufnahmen davon, wie bei der Wohnungsdurchsuchung des 31-jährigen Schauspielers Rauschgift gefunden wurde. In gelbblauer Gefängniskleidung führte der Sender CCTV auch den taiwanesischen Star Kai Ko vor, der bei Chan Junior zu Gast war. Unter Tränen bat er seine Familie und Fans um Entschuldigung.

Wird dies die Chinesen dazu bewegen, keine Drogen mehr zu nehmen? Wohl eher nicht. Ja sogar im Gegenteil. Denn nun ist bekannt, dass auch die Idole Drogen konsumieren. Zwar ist die Empörung nach den medial inszenierten Verhaftungen groß und die verärgerten Reaktionen in den sozialen Netzwerken heftig - doch wie viele werden sich im Alltag der nächsten Wochen wirklich noch an Jackie Chans Sohn erinnern? Die Kampagne wird allenfalls dazu führen, dass man Drogen weniger sichtbar konsumieren wird.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.