1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kolumne

Sierens China: Im Nebel des Grauens

Der Wintersmog wird in Chinas Norden auch in diesem Jahr wieder gefährliche Rekordwerte erreichen. China muss die hochgesteckten Umweltschutzziele noch ernster angehen, meint Frank Sieren.

Man sei "nicht optimistisch", warnt Chinas Ministerium für Umweltschutz (MEP) auf seiner Webseite. Trotz im Durchschnitt besserer Luftqualität soll der Wintersmog den Norden Chinas auch in diesem Jahr wieder besonders stark heimsuchen. Die Kohleverbrennung könne man bekämpfen, nicht jedoch die durch den Klimawandel verursachte Warmwetterfront, die den Smog zusätzlich begünstigt, so die Behörde. Nachdem die Feinstaub-Belastung in Ballungszentren wie Peking bereits letzten Winter Höchstwerte von 475 Mikrogramm pro Kubikmeter erreichte – die Weltgesundheitsorganisation hält 25 Mikrogramm für unbedenklich - ist Chinas 2014 ausgerufener "Krieg gegen die Umweltverschmutzung" in eine neue heiße Phase eingetreten.

In einem 143-seitigen "Schlachtplan" kündigt Peking an, die Feinstaubwerte in 28 Städten Nordchinas zwischen Oktober und März jährlich um mindestens 15 Prozent zu verringern. Um diese Ziele durchzudrücken, werden ab Mitte September 102 Inspektionsteams in die industriereiche Region zwischen Beijing, Tianjin und der Provinz Hebei entsandt, um Umweltsünder auszumachen, Emissionen zu reduzieren und bessere Frühwarnsysteme für Smogwellen einzurichten. Vielen Stahl-, Aluminium- und Zementwerken drohen hohe Strafen, manchen sogar die Schließung. Preisanstiege, Angebotsengpässe und Entlassungen halten die Behörden nun angeblich nicht mehr davon ab, durchzugreifen.

"Bis tief in die Lungen der chinesischen Bevöllkerung"

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

760 Milliarden Yuan, umgerechnet knapp 100 Milliarden Euro, investiert China, um das Smog-Problemin den Griff zu bekommen. Doch noch immer ist das Land der weltweit größte Produzent und Konsument von Kohle. Dessen Verbrennung verursacht Feinstaub, der sich in den letzten zehn Jahren zum größten Gesundheitsrisiko für die Stadtbevölkerung entwickelt hat. Die Zahl von Lungenkrebserkrankungen ist signifikant angestiegen. Gasmasken und brummende Luftfilter gehören inzwischen zum apokalyptischen Alltagsbild. Die Menschen reagieren immer ungehaltener. Auch das Ministerium für Umweltschutz gibt mittlerweile offen zu, dass die Verschmutzung zu einem Problem geworden ist, das bis "tief in die Herzen und Lungen der chinesischen Bevölkerung reicht".

Wie schnell sich die "grünen Ziele" tatsächlich verwirklichen ließen, konnte man bei prestigeträchtigen Veranstaltungen wie dem Treffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) im Herbst 2014 oder bei der knapp ein Jahr später abgehaltenen Militärparade zum 70. Jahrestag der Kapitulation Japans beobachten. Um den anwesenden Gästen in Peking klare Sicht zu garantieren, wurden im Vorfeld tausende Fabriken heruntergefahren, Bauprojekte ausgesetzt und Fahrverbote erlassen. Sogar kleine Grill- und Garküchen mussten ihren Betrieb zeitweise einstellen und die Luft war sauber. Peking kann jedoch nicht auf Dauer der Wirtschaft die Luft nehmen.

Für saubere Luft "abstrampeln"?

Die Kohleindustrie hat sich in der Vergangenheit immer wieder gegen Regulierungen gewehrt oder Umweltauflagen schlicht ignoriert. Peking hat seine Kontrollen wiederum oft nur lasch umgesetzt, um die mächtige Industrie-Lobby nicht zu verärgern. Zudem konnten sich Provinzgouverneure immer wieder gegen Schließungen von überalterten Kohle- und Stahlwerken durchsetzen, indem sie vor sozialen Ausschreitungen warnten. Dabei wären gut 50 Prozent der chinesischen Bevölkerung bereit, für reinere Luft ein geringeres Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen, wie eine 2016 durchgeführte Studie des Meinungsforschungsinstitutes PEW nahelegt. Dass sich die Chinesen für saubere Luft geradezu abstrampeln würden, glaubt unterdessen das "Rent A Bike"-Unternehmen Ofo, das in den letzten Monaten maßgeblich daran beteiligt war, dem Fahrrad als umweltfreundliches Transportmittel auf Chinas Straßen eine Renaissance zu bescheren. Zusammen mit dem holländischen Designbüro Roosegaarde will das Start-up aus Peking nun einen besonders ausgeklügelten Drahtesel entwickeln, in dessen Lenker leistungsstarke Luftfilter integriert sind. Durch sie soll der Radler sich nicht nur in einem gereinigten Luftstrom fortbewegen, sondern zeitgleich auch das Klima der Stadt verbessern.

Wie das Staubsauger-Rad bei den Menschen ankommt wird sich zeigen, wenn das Gefährt Ende des Jahres erstmals auf Pekings Straßen zum Einsatz kommt.

Ein anderes Ereignis auf dem Weg zur smogfreien Zukunft ist bis dahin jedoch weit bedeutender. Am 18. Oktober wird die Kommunistische Partei Chinas zu ihrem 19. Parteitag in der Hauptstadt zusammenkommen und Neubesetzungen in ihrem innersten Machtzirkel beschließen - diese werden dann bestimmen, in welche Richtung sich die Umweltpolitik Chinas in Zukunft entwickelt. Urbane Lüftungskorridore und der Einsatz kleiner Reaktoren zur Wärmeerzeugung sind bereits im Gespräch. Das "Blaue vom Himmel" versprechen reicht jedoch nicht mehr. Man muss ihn auch tatsächlich sehen können.

Unser Kolumnist Frank Sieren  lebt seit über 20 Jahren in Peking.