Sierens China: Frauen im Reich der Mitte wählen mit dem Geldbeutel | Asien | DW | 12.12.2017
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Kolumne

Sierens China: Frauen im Reich der Mitte wählen mit dem Geldbeutel

Chinas Frauen werden immer erfolgreicher - gleichberechtigt sind sie deswegen jedoch nicht. Ihr Rollenbild werden sie in Zukunft vor allem mit ihrer ökonomischen Macht und Kaufkraft beeinflussen, meint Frank Sieren.

China Dailan - Geschäftsfrau Jean Liu Qing (picture-alliance /MAXPPP/VCG)

Jean Liu, Chefin der chinesischen Uber-Konkurrenz Didi Chuxing, des wertvollsten Startups Asiens

Die Lektionen einer Lehranstalt im nordchinesischen Fushun über "weibliche Sittlichkeit" waren gelinde gesagt zweifelhaft: Frauen sollen den Mund halten. Mehr Hausarbeit verrichten. Es sei für sie vollkommen in Ordnung "gesellschaftlich auf der untersten Stufe zu stehen", wie eine Lehrerin ihren erwachsenen Schülerinnen in einem Video erklärte, das im November auf Chinas Social-Media-Kanälen für einen Sturm der Empörung sorgte. Anfang dieser Woche wurde die 2011 gegründete Schule der "Vereinigung für Untersuchungen von traditioneller Kultur in Fushun" schließlich von den Behörden geschlossen. Sie ist nicht die einzige ihrer Art in China.

Die empörten Sexismusvorwürfe illustrieren die schwierige Situation, in der sich viele Frauen in China heute befinden. Besonders die vielen gut ausgebildeten Städterinnen sind hin- und hergerissen zwischen traditionellen Werten, den Erwartungen ihrer Familien und dem Wunsch, unabhängig von alledem Karriere zu machen.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Bildungshungrige Frauen

Laut einer Weltbank-Studie beschreiten heute über 50 Prozent der chinesischen Frauen als Berufserfahrene den dritten Bildungsweg an einer Hochschule. Unter chinesischen Männern sind es nur 40 Prozent. Gleichzeitig gilt eine Frau, die über 27 und noch nicht verheiratet ist, als "Sheng Nu", "Übriggebliebene" - ein Stigma, das ebenso für geschiedene und kinderlose Frauen gilt.

Immer mehr Frauen stellen diese althergebrachten Geschlechterklischees in Frage. Die Scheidungsrate hat sich in China in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Einer 2017 veröffentlichten Studie des Karriereportals Zhaopin zufolge erklärten 70 Prozent der über 14.000 befragten Frauen, ihren Beruf nicht für Kind und Familie aufgeben zu wollen.

Besonders in Chinas junger Tech-Branche spielen Frauen heute eine herausragende Rolle. Die chinesische Regierung schätzt, dass über 55 Prozent der Internetfirmen des Landes von Frauen gegründet wurden. Auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, lässt sich nicht bestreiten, dass Chinas Startup-Szene zuletzt einige der erfolgreichsten Geschäftsfrauen der Welt hervorgebracht hat.

Jean Liu und Hu Weiwei - erfolgreiche Unternehmerinnen

Unter ihnen zum Beispiel Jean Liu, die den Fahrdienst Didi Chuxing zum wertvollsten Startup Asiens aufbaute, in dem sie den US-Konkurrenten Uber mitsamt seinem als Macho geltenden CEO Travis Kalanick aus dem chinesischen Markt drängte. Mutter dreier Kinder ist die 39-Jährige auch noch. Oder die 35-Jährige Gründerin Hu Weiwei, die als Präsidentin der Fahrradsharing-App Mobike nach dem chinesischen nun den europäischen Markt erobern will und mit ihrer Firma alleine dieses Jahr fast eine Milliarde US-Dollar Kapital einsammeln konnte.

China Dailan - Geschäftsfrau Hu Weiwei (Imago/VCG)

Hu Weiwei, Präsidentin der Fahrradsharing-App Mobike

2017 war ein gutes Jahr für Unternehmerinnen aus Festlandchina. Neun landeten zum ersten Mal auf der Forbes-Liste der weltweiten Self-Made-Milliardärinnen. Von den insgesamt 56 Unternehmerinnen stammten 21 aus China und fünf aus Hongkong. In der Venture-Capital-Szene sind die Chinesinnen noch tonangebender: Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung Bloomberg sind 17 Prozent der Investmentpartner in China weiblich und erstaunliche 80 der VC-Firmen haben mindestens eine Frau in ihren Reihen. In den USA sind es nur zehn Prozent, während rund die Hälfte der Firmen überhaupt keine Frau beschäftigt.

Dass Chinas Frauen in der Wirtschaft tonangebender werden, hat jedoch insgesamt nicht unbedingt zu mehr Gleichberechtigung geführt. Laut dem Anfang November veröffentlichten "Global Gender Gap Report" des Weltwirtschaftsforums rangiert China in Sachen Gleichstellung weltweit nur auf Platz 100 von 144 - hinter dem Senegal und Kambodscha. Viele Familien bevorzugen in China noch immer männlichen Nachwuchs. Frauen verdienen für die gleiche Arbeit im Schnitt 35 Prozent weniger als Männer. Sie werden seltener befördert und haben oft schlechtere Bewerbungschancen, weil sie als potenzielle Mütter ausscheiden könnten - umso mehr, seit im Oktober 2015 nach Jahrzehnten Ein-Kind-Politik abgeschafft wurde.

In der Politik noch keinen Einfluss

Auch in der Politik spielen Chinas Frauen kaum eine Rolle, wie man beim 19. Parteikongress der Kommunistischen Partei im Oktober sehen konnte. Nur zehn der 204 Mitglieder des Zentralkomitees sind weiblich. In den Ständigen Ausschuss, Chinas engsten Machtzirkel, hat es bislang noch keine Frau geschafft. Pekings hält sich in Sachen Gleichberechtigung, wie sie im Westen verstanden wird, zurück.

Der Staat hat ein Interesse daran, dass sich Frauen früh binden und Kinder bekommen um so der abzusehenden Überalterung, die die Ein-Kind-Politik verursacht hat, entgegen zusteuern. Feministische Aktionen sind nicht gern gesehen. Mitglieder einer Aktivistinnen-Gruppe, die landesweit vor U-Bahn-Stationen Handzettel und Aufkleber gegen sexuelle Belästigung verteilte, wurden verhaftet. NGO's und Internetportale, die sich Frauenrechten widmen, werden überwacht und mitunter blockiert - so geschehen mit dem Weibo-Account von "Feminist Voices", einem der bekanntesten feministischen Portale Chinas.

Berufstätige Frauen als Zielgruppe

Es sieht jedoch so aus, dass die Wirtschaft hier, wie in vielen anderen Bereichen Chinas, die Gesellschaft am nachhaltigsten verändern wird. Denn mehr und mehr Unternehmen entdecken die berufstätigen Frauen Chinas als wichtige Zielgruppe. Laut einem Report der Unternehmensberatung BCG Perspectives wird das Einkommen der weiblichen Bevölkerung bis zum Jahr 2020 bei vier Billionen Dollar liegen. Im Jahr 2000 waren es nur 350 Milliarden. Die Kaufkraft von Chinas Frauen ist heute größer denn je.

Besonders bei erfolgreichen Städterinnen sind Marken wie Chanel, Dove oder SK-II beliebt, die in ihren Werbekampagnen ein differenziertes Frauenbild transportieren, das sich nicht auf prinzessinnengleiche Schönheit oder harmonische Häuslichkeit festnageln lässt. Dass sie viel mehr sein können, als traditionelle Rollen ihnen zugestehen, haben Chinas unabhängige Unternehmerinnen längst bewiesen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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