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Asien

Sierens China: Elektro-Blues

Bislang kommt das E-Auto in China nicht richtig ins Rollen. Aufgeben sollten die Hersteller nicht. Peking will es. Also wird es kommen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die neue chinesische Automarke Qiantu Qiche macht es genau richtig. Obwohl es in den vergangenen Wochen und Monaten fast nur schlechte Nachrichten vom chinesischen Markt für Elektroautos gab, setzt Qiantu voll auf diese Karte. In den vergangenen Tagen wurde auf der Shanghai-Motorshow ihr bisher einziger Wagen vorgestellt: der "Qiantu K50 Event!". Für den Spurt von 0 auf 100 benötigt der Wagen mit dem langen angespitzten Bug laut Herstellerangaben rund vier Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa 200 Kilometern pro Stunde. 5000 Exemplare von der Marke mit dem Libellen-Logo sollen noch im ersten Jahr produziert werden. Das ist angesichts einer Reichweite von wohl nur 255 Kilometern eine sehr optimistische Schätzung.

Der kalifornische Elektro-Autobauer Tesla kommt mit seinem Luxusmodell immerhin schon auf 500 Kilometer – und hat sein Verkaufsziel in China von 5000 im vergangenen Jahr dennoch verfehlt. Rund 3000 Fahrzeuge wurden verkauft. Anfang des Jahres wurde das Management ausgetauscht, nachdem im Januar nur 120 Autos verkauft wurden. Wenn zu dem Mut, neue Wege zu gehen, auch noch Geduld hinzukommt, ist das die richtige Strategie. Denn die Politik will E-Autos und deswegen wird es auch kommen. Der Druck aus der Bevölkerung, etwas gegen die Umweltverschmutzung in großen Städten zu tun, ist groß.

Hohe Entwicklungskosten

Noch können die Hersteller mit E-Autos kein Geld verdienen. Sie müssen noch zu viel in die Forschung und Entwicklung investieren. Die Fortschritte kommen nur in kleinen Schritten. Eine neue Reichweite, minus Gewicht, plus kürzere Ladezeiten, plus Ladestation um die Ecke, lautet die komplexe Formel des Geschäftes. Einige der sonst so erfolgreichen deutschen Autobauer wirken derzeit wie Kinder, die ihr Elektrospielzeug nicht gleich zusammengebaut bekommen, und nun die Lust daran verlieren. Die Zahlen sind allerdings auch wirklich schlecht. Statt der 500.000 Fahrzeuge mit alternativem Antrieb, die die Regierung 2016 sehen wollte, werden bislang pro Jahr nur Zehntausende Elektroautos verkauft. Daimler-Partner BYD setzte im vergangenen Jahr 18.648 E-Fahrzeuge ab und wurde damit zum Marktführer. Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Porträt von Frank Sieren, Kolumnist für das Handelsblatt und Bestseller Autor, Foto: Frank Sieren

Der Kolumnist Frank Sieren lebt in China

Auch das chinesische Technologie-Ministerium hinkt hinterher: Die Subventionen bei der Anschaffung eines E-Autos und das kostenlose Nummernschild reichen als Anreiz nicht aus, so lange nicht genug Ladestationen zur Verfügung stehen. Eigentlich sollten in diesem Jahr landesweit 400.000 Ladestationen gebaut werden. Doch schon jetzt ist klar: Das Ministerium wird das nicht ansatzweise schaffen. Doch nur, weil die Chinesen im Zeitplan hinterher hinken, bedeutet es nicht, dass das Projekt bereits gescheitert ist. Es ist ein wenig wie beim Jagen. Statt sich zu fragen, warum das Wild nicht auf die Lichtung kommt, ist es besser, sich zu überlegen, an welcher Stelle es durch das Dickicht brechen könnte.

Elektroauto als Luxusartikel?

Vielleicht kommt die Revolution dann tatsächlich von oben aus dem Luxussegment. Ein E-Auto gehört dann als Zweit- oder Dritt-Fahrzeug in jede Garage der Oberschicht. EE für "Edel und Elektro". Oder der große Innovationsschub kommt von unten. Die elektrischen Motorroller sind schon seit Jahren auf der Straße. Sie sind die beliebtesten Fahrzeuge in Peking und lassen sich zu Hause an der Steckdose aufladen. 120 Millionen gibt es bereits in China. Daraus eine Art Smart in Leichtbauweise zu entwickeln, könnte eine andere Lösung sein. Eines ist sicher: Der Erste, der den Durchbruch schafft, bekommt viel Rückenwind von der Regierung und kann sich an drei Fingern abzählen, dass ein Welterfolg in Reichweite liegt. Huawei und Xiaomi machen es bei den Smartphones gerade vor.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.