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Asien

Sierens China: Die Balance finden

Die Welt ist erleichtert über die jüngsten Konjunkturdaten Chinas. Viele internationale Stimmen loben Peking nun. Doch die gefundene Stabilität muss erst noch den Langzeittest bestehen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die IWF-Chefin Christine Lagarde brachte die Lage am vergangenen Wochenende gut auf den Punkt: Es sei "normal", dass China nun weniger wachse. China durchlaufe eine große Transformation. Eine "Transformation zu nachhaltigem Wachstum". Die Lage sei "schwierig, aber zu managen". Damit stützt sie den chinesischen Kurs, warnt aber gleichzeitig vor zu viel Euphorie. Weil die internationalen Märkte geradezu nach positiven Nachrichten dürsten, besteht nun die Gefahr, dass die guten Nachrichten genauso überbewertet werden wie die schlechten Nachrichten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres. Die Märkte sind nämlich zur einen wie zur anderen Seite nervös, weil sie mit billigem Geld vollgepumpt sind.

Keine Frage, es gibt Grund zur Freude. Vergangene Woche gab das Statistikbüro bekannt, dass die Ausfuhren der zweitgrößten Volkswirtschaft im März um satte 18,7 Prozent zulegten. Das Interesse ausländischer Investoren an China steigt ebenfalls deutlich. Auslandsinvestitionen legten in den ersten drei Monaten um 3,4 Prozent auf umgerechnet gut 30 Milliarden Euro zu – Fluchtreflexe sehen anders aus. Auch an der Währungsfront scheint sich die Lage zu beruhigen, da Peking im vergangenen Monat seine Währungsreserven nicht mehr benutzen musste, um den Yuan zu stabilisieren. Im Gegenteil: Erstmals seit über einem halben Jahr legten die Devisenreserven wieder zu. Sie stiegen im März um 10,3 Milliarden auf 3,21 Billionen Dollar.

Frank Sieren (Foto: DW)

Frank Sieren

Gelingt Umbau des bisherigen Wirtschaftsmodells?

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass China nun wieder auf alte Wachstumspfade zurückkehrt. Selbst eine Expertenkommission der chinesischen Regierung meint, die 6,7 Prozent könnten nur ein kurzzeitiger positiver Halt sein. Auf lange Sicht, also in den kommenden Jahren, ließe sich diese Zahl nicht halten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert 2016 ein Wachstum von 6,5 Prozent und 2017 von nur noch 6,2 Prozent. Das sagt allerdings nur wenig über die Kraft der chinesischen Wirtschaft aus. Die amerikanische Wirtschaft wuchs 1984 zum letzten Mal über sieben Prozent und strotzte auch danach noch 25 Jahren vor Kraft, bevor ihr 2008 vorübergehend die Luft ausging.

Die entscheidende Frage ist nun, wie schnell es Peking gelingt, die Wirtschaft umzubauen. Das bedeutet unter anderem: Mehr Dienstleistung, mehr Mittelstand, mehr Binnenkonsum. Auf dem Weg dahin hat die Regierung, wie die neuen Zahlen zeigen, die klassische Konjunkturmaschine noch einmal angeworfen, und die schwächelnde Wirtschaft punktgenau und gerade noch rechtzeitig auf den Boden aufgesetzt. Und zwar ohne alle Register ziehen zu müssen. Die chinesische Wirtschaft ist jedoch weiterhin in einer schwierigen Phase. Überkapazitäten in der Schwerindustrie, hoch verschuldete Firmen und reformbedürftige staatseigene Betriebe - viele Baustellen, die eng miteinander verknüpft sind.

Starke Wirtschaftsbereiche Absturz bislang verhindert

Doch genau das ist Glück und Unglück in einem. Denn so kann ein einzelnes Problem nicht die ganze Konjunktur mit sich reißen. Die starken Bereiche halten sie fest, gleichen die Schwachen aus. Und es hat auch in Zeiten sehr düsterer Zahlen immer auch starke Bereiche gegeben - zum Beispiel das Konsumwachstum. Wäre dem nicht so, dann hätte es den großen Knall schon längst gegeben. Dann wäre China ein zweites Brasilien. Doch so hat die Regierung noch Zeit, die Wirtschaft zu trimmen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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