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Asien

Sierens China: Der Zocker

Dem derzeit sichtbarsten Chinakritiker unter den amerikanischen Sinologen geht es mehr um Aufmerksamkeit als um Aufklärung, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Der Alltag ist wieder eingekehrt in China. Der Nationale Volkskongress zu Ende. Die Reformaufgaben verteilt. Der Frühling mit Temperaturen von über 20 Grad ist da. Die Chinesen sind zur Tagesordnung übergegangen. Da liegt allerdings noch ein Text auf meinem Schreibtisch, der anders als der Umwelt-Film "Unter der Glocke" in China keine große Rolle spielt. Denn mit dem Alltag der meisten Menschen hat er wenig zu tun. Journalisten und Geisteswissenschaftler interessieren sich umso mehr dafür. Denn bei dem Text geht es um nichts Geringeres als um den Untergang der Kommunistischen Partei - ja um den Zusammenbruch Chinas. Sein Autor ist der amerikanische Sinologe David Shambaugh (im Bild). Der Titel: "Endspiel der kommunistischen Herrschaft". Wow. Das funktioniert. Das klingt nach Kaltem Krieg und Tom Clancy, nach dem Sieg des Guten. Und das Gute sind die westlichen Werte.

Frank Sieren (Foto: privat)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Shambaughs Text ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, denen Chinas Kommunisten schon lange nicht geheuer sind. Insofern passt er gut in das gegenwärtige politische Klima in den USA. Wenn man schon dabei ist, Putin zum Teufel zu jagen, warum nicht auch gleich seine chinesischen Freunde. Und Journalisten lieben polarisierende Autoren. Vor allem solche, die bisher als artig bekannt waren. Bis zu diesem Text galt der 62-Jährige amerikanische Sinologie-Professor, der in Washington lehrt, als ein maßvoll abwägender Mann, der gerne in der chinesischen Politik herumgereicht wurde. Sein Text ist also vor allem interessant, wenn man verstehen will, wie Medien mit Texten umgehen. Schon viel weniger geeignet ist er, wenn man verstehen will, wie China funktioniert.

Schwache Argumente für starke These

Das Rezept solcher Texte ist einfach: eine große drohende These auf einem Fundament seltsam schwacher Argumente. Das Ende der Kommunistischen Partei sei "in Sicht", behauptet Shambaugh donnernd, und es werde "wahrscheinlich chaotisch und gewalttätig". Nur die Fassade der Kommunistischen Partei sei noch stabil. Für den bevorstehenden Untergang nennt der Professor fünf Gründe, auf die man nun schon gespannt ist.

1. Die wirtschaftliche Elite flüchte ins Ausland.

Das stimmt irgendwie und doch irgendwie nicht. Nicht weil die Partei zusammenbricht flüchten die Korrupten innerhalb der Eliten, sondern weil die Partei stärker denn je gegen Korruption kämpft. Die meisten Flüchtenden besorgen sich einen zweiten Pass oder eine Greencard. Sicher ist sicher. Doch dann kehren sie umgehend nach China zurück. Denn sie wollen ja weiter Geld verdienen.

2. Die politische Repression und die Einschränkung der Meinungsfreiheit habe sich unter Staats- und Parteichef Xi Jinping verstärkt.

Das kann niemand bestreiten und es ist ebenso inhuman wie inakzeptabel. Nur, warum soll deswegen China zusammenbrechen? Die inhaftierten Dissidenten sind in China nur wenigen Menschen bekannt. Und die Zensur kann jeder, der will, leicht umgehen. Das ist zwar unangenehm bis ärgerlich. Mit einem der preiswerten zum Teil kostenlosen VPN-Zugängen kann man jedoch jederzeit ungefiltert internationale Nachrichten lesen, auch aus Taiwan in Chinesisch. Selbst wenn die Regierung wie jüngst gegen einzelne VPN-Anbieter vorgeht, es gibt immer eine VPN-Alternative, über die man sich mit dem Ausland verbinden kann. Damit ist, anders als Shambaugh behauptet, viel Druck aus dem Kessel raus.

3. Die Propaganda habe ihre Kraft verloren. Selbst die Loyalen täten nur so als seien sie loyal.

Das mag stimmen, aber anderseits hat Xi Jinping so viel Rückhalt in der Bevölkerung wie lange schon kein chinesischer Politiker mehr. Ob das an seiner Überzeugungskraft liegt oder an wirkungsvoller Propaganda, mag einmal dahingestellt sein. Keine gute Zeit für einen Putsch jedenfalls. Denn dazu braucht es eine Bevölkerung, die mit dem gegenwärtigen Herrscher unzufrieden ist.

4. Die Antikorruptionskampagne könne Korruption nicht eindämmen.

Also, für diese Feststellung ist es noch ein wenig zu früh. Und einen Versuch ist es allemal wert. Der Zwischenstand: Viele Parteikader, die sich noch unbekümmert schmieren lassen, gibt es nicht mehr.

5. Die chinesische Wirtschaft stecke in "systemischen Fallen" fest.

Das kann man allerdings von der amerikanischen und europäischen Wirtschaft auch so behaupten. Nur, dass Chinas Spielraum für Reformen viel größer ist. Das boomende Reich ist der größte Gläubiger der USA und nicht etwa umgekehrt. Derzeit spricht kein seriöser Volkswirt vom Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft. Die sind alle mit kränkeren Patienten beschäftigt.

Aufmerksamkeit statt Aufklärung

Präsident Xi Jinping auf dem Nationalen Volkskongress (Foto: AFP/Getty Images)

Präsident Xi Jinping auf dem Nationalen Volkskongress

Alles in allem wird aus dem Untergangsszenario des Professors kein Schuh. Die Frage ist, warum macht Shambaugh das? Vielleicht, weil er den alten Staats- und Parteichefs Jiang Zemin und Hu Jintao näher steht als Xi. Es ist jedenfalls ein wenig auffällig, dass er beide für ihre umsichtige Reformpolitik ausdrücklich lobt. Denn eigentlich müsste Shambaugh beide ja ebenfalls für das Schlamassel der Partei verantwortlich machen. Xi Jinping ist ja erst zwei Jahre im Amt. Könnte es also sein, dass es sich bei Shambaugh um einen Alliierten der beiden Alten handelt, der genau aus diesem Grund von Xi nicht mehr ins Haus gelassen wird und deshalb nun behauptet, das Haus sei eh schon baufällig?

In jedem Fall kann man jedoch feststellen: Es geht hier nicht um Aufklärung, sondern um Aufmerksamkeit. Nicht um Mediation, sondern um Marketing. Und an diesem Ziel gemessen, war der Text ein großer Erfolg. Shambaugh ist schlagartig viel bekannter geworden. Mehr Journalisten denn je können seinen Namen jetzt fehlerfrei schreiben. Ob er auf Dauer Freude an dieser Bekanntheit haben wird, ist eine andere Frage. Denn Shambaugh ist ein Zocker, der mit einem schlechten Blatt um seinen Ruf spielt.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.