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Asien

Sierens China: Bockige Zeiten

Chinas Ökonomie wächst langsamer. Das ist für normal für eine Volkswirtschaft dieser Größe. Die lahmende weltweite Nachfrage verstärkt den Trend. Eine Krise ist das jedoch nicht, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die westlichen Schlagzeilen über China in dieser Woche konnten Angst machen. "Chinas Wirtschaft fällt auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren". Das klingt nach einer großen Krise und einer harten Landung. Doch nur auf den ersten Blick. Denn das sinkende Wachstum in Volkswirtschaften und deren wahrscheinlicher Umbau sind ungefähr so schlimm und so wahrscheinlich wie die Pubertät bei Kindern. Ja, es sind bockige Zeiten - aber da muss man durch und danach ist es in der Regel besser.

Und die Pubertät Chinas, die Reifung zu einer ausgewachsenen Industriegesellschaft, verläuft sogar vergleichsweise geordnet: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist im vergangenen Jahr nur noch um 6,9 Prozent gewachsen. Das ist ein normales Wachstum bei dem Entwicklungsstand Chinas. China hat das Pro-Kopfeinkommen betreffend zu den USA einen Abstand von etwa 30 Jahren. Und tatsächlich sind die USA 1984 das bisher letzte Mal über sieben Prozent gewachsen. Für Deutschland endeten die Wirtschaftswunderjahre mit ihren Wachstumszahlen von über zwölf Prozent (1955) sogar mit einer kleinen Rezession: 1966 wuchs Deutschland nur noch um 0.2 Prozent, ohne, dass das Land deshalb im Chaos versunken wäre. Insgesamt fünf Rezessionen hat Deutschland seit Kriegsende inzwischen überstanden.

Keine Rezession in China

Davon ist China derzeit sehr weit entfernt. Die nervösen Reaktionen aus dem Westen über angeblich schlechte Nachrichten aus China sind daher überzogen. Fast genau vor einem Jahr ist Chinas Premier Li Keqiang nach Davos gefahren, um dem Westen Chinas "neue Normalität" zu erklären. Es ist überwiegend so gekommen, wie er vorausgesagt hat: China hat wieder 30 Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft beigetragen. Wie würden die USA und Europa ohne Chinas Wachstumsmotor dastehen?

Frank Sieren *PROVISORISCH*

DW-Kolumnist Frank Sieren

Der Umbau der chinesischen Wirtschaft schreitet voran. Im vergangenen Jahr stieg der Anteil der Dienstleistungen an der Wirtschaftsleistung erstmals auf über 50 Prozent. Damit läuft der tertiäre Sektor der Industrie langsam den Rang ab, wie es sich für eine moderne Volkswirtschaft gehört. Das ist wichtig, weil es den Exportweltmeister China von Exporten unabhängiger macht. Und je mehr verschiedene Quellen China für sein Wirtschaftswachstum hat, desto besser - auch für die Stabilität der Weltwirtschaft und damit für Deutschland. Stabilisierend für das soziale Klima wirkt sich aus, dass die Konsumentenpreise nur um 1,4 Prozent gestiegen sind und nicht etwa um drei Prozent, wie von der Regierung befürchtet.

In manchen Bereichen musste Peking eingreifen, um auf seine Zahlen zu kommen. Zum Beispiel mit Steuererleichterungen für die Autoindustrie, deren Verkaufszahlen im Laufe des vergangenen Jahres überraschend tief eingebrochen waren. Lagen die Wachstumszahlen im September noch bei 2,5 Prozent, ging es im Dezember mit 18 Prozent schon wieder deutlich bergauf.

Nicht alles verläuft nach Plan

Natürlich hat Ministerpräsident Li Keqiang nicht alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Zum Beispiel hatte sich Li ein Wachstum der Einzelhandelsumsätze um 13 Prozent gewünscht, bekommen hat er nur gut zehn Prozent. Am größten war die Fehleinschätzung beim Handelsvolumen: Eigentlich hätte es um sechs Prozent steigen sollen, stattdessen gab es jedoch um sieben Prozent nach. Erstaunlich ist, dass Chinas Wirtschaft in der Lage ist, einen solchen Einbruch abzufangen.

Trotz der dramatischen Schlagzeilen im Westen haben die asiatischen Börsen verstanden, dass China nicht in einer Krise steckt und den Erfolg Pekings in einem schwierigen Umfeld honoriert. Chinas Aktienmärkte zogen am Dienstag (19.1.) nach Bekanntgabe der Konjunkturdaten deutlich an. So stieg der Shanghai Composite um mehr als drei Prozent und auch der Hang Seng an der Hongkonger Börse kletterte um zwei Prozent nach oben. Das gleiche gilt für die japanische Börse.

Die deutsche "Bild"-Zeitung fragte stattdessen: Ist China bald pleite? Solche Schreckensszenarien lenken von einer vernünftigen Diskussion ab, die sich Fragen widmen müsste wie zum Beispiel: Was kann die chinesische Regierung noch besser machen, um den Umbau reibungsloser zu gestalten und die weltweiten Konjunkturrisiken zu minimieren? Da gäbe es viele Punkte, über die es sich diskutieren lohnte und über die auch in China bis in die Parteispitze hinein heftig gestritten wird. Punkte, die viel interessanter sind, als die am Ende müßige Frage, inwieweit die Zahlen aus Peking stimmen. Die wichtigste Frage für dieses Jahr lautet: In welchen Bereichen der Wirtschaft braucht China mehr Steuerung und in welchen mehr Freitraum?

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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