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Asien

Sierens China: Besser teuer als gar nicht

Es bleibt offen, ob Qualcomm in China gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen hat oder nicht. Der US-Konzern hätte fast jede Strafe angenommen, um im chinesischen Markt bleiben zu dürfen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

China Qualcomm CEO Steve Mollenkopf

Qualcomm-Vorstandschef Steve Mollenkopf im Juli 2014 in Peking

Verrückte Börsenwelt: Da wird der amerikanische Chiphersteller Qualcomm von den chinesischen Wettbewerbshütern zu einer Rekordstrafe von 975 Millionen Dollar (882 Millionen Euro) verurteilt - und was macht der Aktienkurs des Unternehmens? Er steigt. Um fast drei Prozent legten die Qualcomm-Papiere am Mittwoch vergangener Woche zu, nachdem die Nachricht veröffentlicht wurde. Das US-Unternehmen habe seine Monopolposition auf dem chinesischen Markt ausgenutzt und von Smartphone-Herstellern zu hohe Lizenzgebühren verlangt, lautete die Begründung des chinesischen Kartellamtes NDRC.

Peking reagiert sehr empfindlich, wenn westliche Unternehmen chinesische Unternehmen über den Tisch ziehen wollen und dabei ihre möglicherweise nicht ganz sauberen Geschäfte machen. In diesem Fall heißt das im Detail: Qualcomm soll in China höhere Lizenzgebühren verlangt haben als in anderen Ländern. Nach 14 Monaten Ermittlungen und zahlreichen Durchsuchungen wurde dann die Rekordstrafe von knapp einer Milliarde US-Dollar verhängt. Maximal zehn Prozent des Umsatzes dürfen die Behörden als Strafe festsetzen. Mit acht Prozent des China-Umsatzes liegt das Bußgeld noch zwanzig Prozent unter der Obergrenze.

Auf jeden Fall im Markt bleiben

Auch wenn die Strafe hoch ist, waren Anleger und das Qualcomm-Management erleichtert, dass die Sache endlich vom Tisch ist. Das Unternehmen erwirtschaftete 2014 bereits rund die Hälfte seines Umsatzes von insgesamt 26,5 Milliarden Dollar in der Volksrepublik. Eine Position, die zu wichtig ist, um sie im Streit über ein Urteil mit den Behörden zu gefährden: lieber weiterhin ein teurer größter Mobilfunkmarkt der Welt als gar keiner. Die Debatte, dass der Preis sich über den Markt definieren und nicht vom Staat bestimmt werden soll, wurde nicht geführt. Allerdings sorgen auch die Staaten im Westen dafür, dass keine Monopole entstehen, sondern genug Wettbewerb herrscht, damit ein fairer Preis entsteht.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Interessant ist auch der Zeitpunkt des Verfahrens. Es steht in Zusammenhang mit dem Investitionsschub, den der Ausbau des neuen G4 Netzes auslöst. Ob der weltgrößte Hersteller von Chips in Smartphones wirklich zu hohe Preise gefordert hat, werden wir wohl nie erfahren. Interessant ist allerdings, dass nur ein Monat nach Beginn der Ermittlungen das schnelle 4G oder LTE-Netz in China angeboten wurde. Seit Anfang 2014 gibt es nun das extra schnelle Netz in China und seitdem haben Smartphone-Hersteller höhere Verkaufszahlen verzeichnet. Als Chiphersteller hat Qualcomm daran natürlich seinen Anteil. Doch in Peking weiß man eben wie und wann man der eigenen Industrie ein wenig unter die Arme greifen kann. Und die Reaktion der Anleger zeigt, dass es maßvoll war.

Von nun an dürfen die Amerikaner nur noch 65 Prozent der Originalpreise für Lizenzen in China nehmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass chinesische Smartphone-Hersteller wie etwa Huawei, Lenovo oder Xiaomi gesetzlich einen Rabatt von 35 Prozent auf die Chips von Qualcomm bekommen. Genau deshalb sieht man das bei Qualcomm positiv: Einen Teil der geringeren Marge will man wieder reinholen, in dem die Manager mehr der nun günstigeren Lizenzen verkaufen. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, warum die Manager jetzt aber auch ein Geschäft wittern: Denn wenn chinesische Unternehmen einen Rabatt von 35 Prozent bekommen, dann werden mit Sicherheit auch mehr Lizenzen verkauft werden. Vor diesem Hintergrund hat Qualcomm sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnprognose für das kommende Jahr nach oben korrigiert. Insofern sollte sich das Mitleid mit Qualcomm in Grenzen halten. Das ist gewissermaßen Entwicklungshilfe für China. Es zeigt jedoch wieder einmal, wie sich die wandelnden Machtverhältnisse ändern, wenn es darum geht, die Spielregeln zu bestimmen. Noch vor zehn Jahren hätten sich die Chinesen das in der Form nicht leisten können. Die Moral von Geschichte: Man sollte genau hinschauen, wenn ein westliches Unternehmen sich über China beschwert.

Kritik an "selektiver und subjektiver" Kontrolle

Ausländische Unternehmen sind zunehmend unzufrieden damit, dass sie im Gegensatz zu den chinesischen Wettbewerbern auf dem Markt intensiv unter die Lupe genommen werden. Manchmal trifft es den Richtigen und manchmal nicht. Eine Umfrage der US-Handelskammer im vergangenen Herbst etwa ergab, dass die Hälfte der befragten US-Firmen das Vorgehen der Behörden als "selektiv und subjektiv“ empfindet. Klar, denn Jammern gehört zum guten Geschäft. Immerhin ist das kein Phänomen, das nur die Amerikaner betrifft.

Allerdings ist die Benachteiligung durch chinesische Behörden kein spezifisch amerikanisches Problem. So wurde das britische Pharma-Unternehmen GlaxoSmithKline im vergangenen September wegen Bestechung zu einer Strafe von 492 Millionen US-Dollar verurteilt. Nicht zimperlich ging es auch in der Automobilindustrie zu. Gegen zwölf japanische Auto-Zulieferer wurden Bußgelder von 202 Millionen US-Dollar verhängt. Ihnen wurden, wohl zu Recht, überhöhte Mindestpreise auf Ersatzteile und Serviceleistungen vorgeworfen. Gleichzeitig ging die Behörde auch gegen deutsche Autobauer wie Audi, BMW und Mercedes vor. Das Argument, auch Louis Vuitton Taschen kosten in China mehr als in Paris, ist taktisch nicht klug. Aber solange die Absatzzahlen stimmen, gilt hier wie vielerorts: Augen zu und durch. Denn die chinesische Regierung weiß, solange die westlichen Hersteller nur unwesentlich mehr verdienen, wenn sie im Markt sind, als wenn sie nicht im Markt sind, werden sie bleiben. Solche Fälle werden eher zunehmen. Denn in China lautet die Devise: China gehört den chinesischen Unternehmen und auch hoher Umsatz ist an der Börse viel wert.

Unser Kolumnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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