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China

Sierens China: Büßen für die Sünden

Noch mehr Investitionen in erneuerbare Energien sollen die Umweltsünden der Vergangenheit reparieren. Dass die Rechnung aufgeht, ist nicht garantiert, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

China steht mit dem Rücken zur Wand. Diese Wand besteht aus giftigem Smog. Sie hinterlässt beim Atmen einen bitteren Beigeschmack im Mund und veranlasst immer mehr Chinesen, ihre Wut darüber hemmungslos in den sozialen Medien kundzutun. Vergangene Woche haben in Peking Eltern aufgrund des seit Monaten andauernden Smogs bei den Behörden durchgesetzt, dass nun auch in allen Pekinger Kindergärten und Grundschulen Luftfilteranlagen eingesetzt werden sollen. Dass dies nicht längst der Fall ist, ist erstaunlich genug. Nur die internationalen Schulen in China garantieren den Eltern für teures Schulgeld gesunde Luft.

Es ist jedoch noch besser, die Ursachen zu bekämpfen als die Folgen. Innerhalb von nur drei Jahren will China nun 360 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investieren. Wen diese Nachricht überrascht, wird es noch mehr überraschen, dass dies nicht die erste große Umweltinvestitionswelle ist. China investiert so viel, dass die Volksrepublik nun Weltmarktführer in Sachen Umweltschutz ist. Allein 100 Milliarden US-Dollar hat das Land 2016 in Wasserkraft-, Solar- und Windkraftanlagen gesteckt. Doppelt so viel wie die USA. Und wie es aussieht, wird China mit Donald Trump als neuem US-Präsidenten seinen Vorsprung in dem Bereich noch weiter ausbauen können. Trump möchte nämlich wieder verstärkt auf fossile Energiequellen setzen und damit die Umweltprobleme für sein Land, aber auch international vergrößern.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking

Grüne Technologie schafft auch neue Jobs

China löst aber mit seinen Investitionen in grüne Energien gleich mehrere Probleme. Einerseits erhofft sich die chinesische Umweltbehörde, dass die Karbonemissionen bis 2020 um 1,4 Milliarden Tonnen reduziert werden. Zusätzlich soll der Energieverbrauch bis 2020 dadurch um 15 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig entstehen in der Branche jedes Jahr über drei Millionen Jobs - bis 2020 sollen es dann 13 Millionen sein. Und das Wirtschaftswachstum wird so oben gehalten.

Trump, der seinen Wählern versprochen hat, dass die Jobs nicht mehr nach China abwandern sollen, wird es gar nicht gefallen, dass die Internationale Energiebehörde (IEA) errechnet hat, dass schon jetzt 3,5 Millionen Jobs der weltweiten 8,1 Millionen in der Umweltbranche in China entstanden sind. In den USA sind es hingegen nur 800.000 Jobs. Und wer den Zahlen der US-Energieagentur misstraut: Von Greenpeace bekommt Peking Spitzennoten: Im Bereich neuer Solaranlagen wird China seine für 2020 gesetzten Ziele schon zwei Jahre vorher erreichen.

Teils große Widerstände in den Provinzen

Einfach ist der Kampf für den Umweltschutz nicht. Denn Peking muss in den eigenen politischen Reihen immer wieder auch gegen Widerstände kämpfen. Die mächtige Kohleindustrie hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit Händen und Füßen gegen die politischen Zumutungen aus Peking gewehrt oder sogar die Umweltauflagen aus Peking einfach ignoriert. Peking wiederum hat es, um noch mehr Ärger zu vermeiden, mit den Kontrollen nicht so ernst genommen. Zudem konnten sich Provinzgouverneure immer wieder gegen endgültige Schließungen durchsetzen, indem sie vor sozialen Ausschreitungen gewarnt haben.

Auch wenn Peking realistische Ziele setzt, die Betroffenen werden sich dennoch wehren. Ihnen sind Arbeitsplätze wichtiger als saubere Luft. Dass dies vor nur sechzig Jahren auch im Ruhrgebiet noch so war, haben wir in Deutschland längst vergessen. Heute ist China noch immer der größte Produzent und Konsument von Kohle. Und erst Anfang des Jahres wurde aufgrund von steigenden Energiepreisen die Produktionsobergrenze für viele Kohleminen wieder herabgesetzt. Gleichzeitig jedoch sollen künftig die größten Umweltsünder ihre Emissionsdaten in Echtzeit öffentlich zugänglich machen. Der Umweltpranger soll die Sünder bloßstellen. Wenn sie schon nicht aus Einsicht handeln, dann wenigstens, um nicht ihr Gesicht zu verlieren.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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