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Kolumne

Sierens China: Aus Liebe

Chinas Millennials sind teils gerade mal alt genug für Dates, doch sie müssen mehr denn je das nötige Kleingeld dafür mitbringen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

China 520 Valentinstag 20. Mai (Imago)

Der 20. Mai ist der chinesische Valentinstag, an dem man klassischerweise seine Liebeserklärung macht

"Wo ist mein iPhone 7?" fragt die 17-jährige Chen Ting aus Schanghai ihren Freund. Aber sie ist nicht etwa auf der Suche nach ihrem verlegten Telefon und bittet um seine Mithilfe bei der Suche, sondern sie fragt nach ihrem Geschenk zum Valentinstag. Das iPhone 7 ist nur ein Platzhalter für eine teure Aufmerksamkeit.

Mit dieser Erwartung steht sie nicht alleine unter den chinesischen Millennials, also denen, die zwischen 1980 und dem Jahr 2000 geboren  und damit heute zwischen 17 und 37 Jahre alt sind. Oft enden die Erwartungen aber nicht bei einem iPhone 7, das in der günstigsten Version in China immerhin rund 700 Euro kostet. Der gute alte Spruch, dass eine Beziehung vor allem Arbeit ist, würde unter Chinas Millennials eher heißen: Eine Beziehung ist teuer. Aber um das Feuer des Herzens richtig  aufflammen zu lassen, müssen immer mehr und am besten teure Geschenke her. Liebe geht durch den Geldbeutel.

Liebe in jungen Jahren kein Tabu mehr

Es klingt wie ein schlechter Scherz in europäischen Ohren, doch unter den jungen Leuten in China ist das eher schon ein alter Hut. Sie wollen eine Beziehung, niemand möchte ohne Freund oder Freundin dastehen. Das hat sich zumindest bei den über 16-Jährigen im Vergleich zu früher drastisch gewandelt. Noch vor ein paar Jahren wäre es nicht akzeptiert gewesen, so jung schon Beziehungen einzugehen. Da standen vor allem gute Noten und damit eine gute Karrieregrundlage im Vordergrund. Doch damit blieb vielen wiederum keine Zeit, sich zu verabreden oder einen Freund zu haben. Und plötzlich gab es eine Reihe gut ausgebildeter Chinesen, die mit Ende 20 noch kaum Erfahrungen in der Liebe hatten. Doch der soziale Druck ist groß: Immer noch ist der Großteil der Bevölkerung der Meinung, wer als Frau mit Ende 20 noch nicht unter der Haube ist, gilt als "übrig geblieben". Und hat entsprechend immer schlechtere Chancen auf dem Heiratsmarkt. Die Geschenke werden dann plötzlich kleiner.

Die andere Seite des sozialen Drucks kommt vor allem daher, dass man in China seine Gefühle nicht ausspricht. So auch nicht in der Liebe. Denn auf Teufel komm raus, möchte man die drei Wörter "Ich liebe Dich" auf gar keinen Fall in den Mund nehmen. Zu groß ist der Gesichtsverlust, wenn die Liebe nicht erwidert wird. Dafür drücken die jungen Leute dann auf allen anderen erdenklichen Wegen ihre Zuneigung aus. Ein iPhone 7 als Geschenk, um zu sagen "Ich liebe Dich" wird dafür gern in Kauf genommen.

Investitionen in die Angebetete sind ein Muss

Erwartet wird, dass dafür bis zu einem Viertel des monatlichen Gehalts ausgegeben wird, damit die Liebe Tiefgang hat. So mancher Jugendlicher hat nach sechs Monaten etwa 10.000 Yuan (umgerechnet 1300 Euro) in seine Liebste investiert, ohne sicher zu sein, dass es sich auch wirklich lohnt und er ans Ziel kommt. 

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Auch am vergangenen Valentinstag - der in China nicht im Februar gefeiert wird, sondern im Mai - wurde die Gelegenheit genutzt, durch Geldgeschenke Zuneigung auszudrücken.

Statt Schokolade, Blumen oder einer Karte mit einer persönlichen Liebesbotschaft gibt es Geldgeschenke. 520 Yuan (umgerechnet rund 80 Euro) müssen es auch da sein. Die Zahlen 520 (20. Mai) klingen hintereinander ausgesprochen wie "Ich liebe Dich". So unterscheiden sich die Geschenke unter den Turteltauben im Reich der Mitte enorm von denen im Westen. "Ich liebe Dich" in monetärer Form auszudrücken, gilt als pragmatisch und romantisch zugleich. Vorgelebt haben das den jungen Leuten vor allem ihre Eltern, die ihre Liebe zur Generation der Einzelkinder ebenfalls vor allem in Form von (Geld-)Geschenken ausdrücken. Kein Wunsch, der ihnen zu teuer wäre. Denn je teurer, desto mehr liebt man letztlich auch die kleinen Tyrannen.    

Eine Generation, die Wohlstand gewohnt ist

Die Millennials sind eben auch jene Einzelkinder, die während Chinas wirtschaftlicher Öffnung geboren wurden. Eine Generation, welche die schlechten Zeiten, die ihre Großeltern oder Eltern noch erlebt haben, glücklicherweise nur noch aus den Geschichtsbüchern kennt.
Sie sind, wenn sie aus guten Mittelschichtfamilien kommen und in den Metropolen Chinas wohnen, meist privilegiert. Denn sie müssen keine Studienkredite abzahlen wie Gleichaltrige in den USA. Und auch ein Eigenheim brauchen sie nicht mehr zu bauen, geschweige denn einen Bausparvertrag anzulegen, da dies meist schon von den Großeltern, spätestens aber von den Eltern übernommen wurde. Die Eigentumswohnung gehört also für die Familie des Mannes fast schon zur Grundvoraussetzung, um eine gute Partie abzubekommen. Die Millennials sind die kleinen Kaiser und Kaiserinnen, die es gewohnt sind, zu Geburtstagen oder chinesischen Feiertagen große Geldgeschenke in roten Umschlägen zu bekommen.

Ändern wird sich daran so schnell nichts. Ab dem Herbst wird die Frage wohl sein: "Wo ist mein iPhone 8?", da Apple wieder ein neues Modell vorstellt. Alles aus Liebe natürlich.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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