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Asien

Sierens China: Auf Pump leben

Chinesen können ab sofort per Mausklick einen Kredit bekommen. Und sollen das Geld natürlich gleich wieder ausgeben. Damit setzt Peking seine Staatsbanken weiter unter Druck, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Im Westen gehören Kredite zum Alltag. In den USA wird fast alles auf Kredit gekauft. Schulden gehören dort zum guten Ton. Werden in Europa zumindest noch das Haus und das Auto auf Pump finanziert, sind in China bisher nur gut 30 Prozent der Privatimmobilien kreditfinanziert und nicht einmal 20 Prozent der Autos.

Das ist in China eine Frage der Mentalität: Geld leiht man sich - wenn überhaupt - im weitverzweigten Familienkreis. Alles andere ist immer noch verpönt. Damit sich das ändert, muss die Regierung das gezielt fördern und die Kreditwirtschaft sich anstrengen. Beides ist nun der Fall. Geld gibt es ab sofort schon nach einer Reihe von Mausklicks.

Geld für alle bei der Internetbank

Zu Beginn dieses Jahres hat die erste Internetbank eröffnet: Die WeBank. Schon im Juli vergangenen Jahres haben Chinas Regulierer der WeBank eine Lizenz erteilt. Denn zu Chinas Finanzreform gehört der Plan, nun endlich ein paar neue Privatbanken entstehen zu lassen, so dass der Mittelstand und auch der kleine Mann mit Geld versorgt werden. Gleichzeitig erhofft sich die Regierung, dass die Staatsbanken durch den neuen Wettbewerb unter Zugzwang geraten, ihre Finanzprodukte auch für Privatkunden attraktiver zu machen. Und insgesamt erhoffen sich alle dann besseren Service bei den Staatsbanken, damit diese kundenfreundlicher werden.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Die neue Bank wird von Investoren betrieben, die sich im Internet auskennen. 30 Prozent der Anteile hält Tencent, einer der größten Betreiber von sozialen Netzwerken. Der Internet-Gigant aus dem Reich der Mitte ist nach Amazon, Google, Facebook und Ebay mit mehr als 8,6 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr das fünftgrößte Internetunternehmen weltweit. Erfolgreich betreibt Tencent nicht nur soziale Netzwerke und entwickelt Videospiele, sondern vor allem die weltweit äußerst erfolgreiche Instant Messaging App WeChat. Tencent Chef Ma Huateng ist einer der erfolgreichsten und auch reichsten Unternehmer Chinas.

Doch die Konkurrenz schläft nicht, und auch Alibaba, Tencents größter Rivale auf dem chinesischen Markt, betreibt schon einen Bezahldienst namens Zhifubao, mit dem man bequem auch von unterwegs ohne Kreditkarte bezahlen kann. Doch das Geld dafür wird direkt vom Konto der Hausbank abgebucht. Kredit hat man bei Zhifubao nicht. Und auch das Tagesgeldkonto von Alibaba namens Yuebao, auf dem die Zinsen weitaus höher sind als bei den Staatsbanken, bietet kein Kreditgeschäft an.

Die Regierung will Reformen im Kreditwesen

Damit haben die Staatsbanken noch ein wenig Vorsprung. Doch wie sehr der chinesischen Regierung am Herzen liegt, die Banken kundenorientierter werden zu lassen, lässt sich daran erkennen, dass Premierminister Li Keqiang die WeBank selbst eröffnete, indem er per Mausklick einem LKW-Fahrer einen Kredit in Höhe von umgerechnet 4.800 Euro erteilte. Bis zu einer Million Yuan, das entspricht 134.000 Euro, können sich Chinas Mittelständer und Privatleute nun bei der neuen Bank leihen.

Die Idee dahinter stammt allerdings nicht aus der Chefetage von Tencents Hauptquartier in Shenzhen, sondern aus Peking. Denn bisher war es in China fast unmöglich, als Privatmann einen Bankkredit zu bekommen. Zumindest nicht bei den großen Staatsbanken. Die haben in der Vergangenheit lieber großen Firmen, meist Staatsunternehmen, Kredite gewährt. Das war bequemer. Denn zahlt das Unternehmen nicht zurück, hat nur der Staat den Staat geprellt. Da diese Milchmädchenrechnung nicht lange gut gehen konnte und zudem ein wuchernder Markt von Schattenbanken entstanden ist, gibt es nun endlich Reformen.

Auch andere Unternehmer stehen bereit

So wird Tencent den neuen Markt für Online-Banken nicht lange für sich alleine haben. Denn von den verbliebenen vier Privatbanklizenzen hat sich Alibabas Chef Ma Yun schon eine ergattert. Bald will er eine eigene Bank aufbauen, die sein Internetimperium bereichern soll. Dann könnten Kunden, die im Internet einkaufen, direkt einen Kredit bei der Alibank aufnehmen, sollten zu gerade nicht flüssig sein. Ein Bezahlsystem namens Alipay betreibt der Milliardär schon. Mit dem Paypal-ähnlichen System können aber nur geringe Beträge überwiesen werden, und die müssen in Form von Guthaben überhaupt erst vorhanden sein.

Peking hofft zu Recht, dass die IT-Manager kreativer, schneller und unkonventioneller sind als die eigenen Staatsbanker. Der Wettbewerb um Marktanteile im Kreditgeschäft wird die Kreditmentalität der Chinesen schnell ändern. Hoffentlich wird die Entwicklung nicht in der Kreditmaßlosigkeit der Amerikaner enden, die vielfach in vollkommener Überschuldung endet, sondern in einer moderaten Kreditnachfrage wie in Nordeuropa. In dieser Frage wird die chinesische Regierung sicherlich Spielregeln für die neuen Kreditinstitute einführen müssen.

Unser Kolumnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.