1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kolumne

Sierens China: Armdrücken unter Atommächten

Nicht nur in Asien fürchtet man eine Eskalation der Grenzstreitigkeiten zwischen den Atom-Großmächten Indien und China. Immerhin reden die Streithähne noch ohne Vermittler mit einander, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Himalaya Grenze zwischen Indien und China Patrouille indischer Soldaten (Imago/Indiapicture)

Indische Patrouille entlang der chinesisch-indischen Grenze im Himalaya

Man habe bereits ein großes Maß an Zurückhaltung bewiesen, aber guter Wille habe eben auch seine Grenzen, so ein Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums. Ihre Grenzen haben die beiden asiatischen Atommächte Indien und China tatsächlich schon lange nicht mehr so gefährlich ausgereizt, wie in jenem Kräftemessen, das seit Mitte Juni in der Hochebene des Himalaya die Welt in Atem hält.

Aug in Aug auf 150 Meter

Auslöser war ein von der chinesischen Volksbefreiungsarmee durchgeführtes Straßenbauprojekt in einem Gebiet, das neben China auch Bhutan für sich beansprucht. Das kleine Binnen-Königreich sah seine Souveränität verletzt, was das verbündete Indien auf den Plan rief, um mit Soldaten die Bauarbeiten zu blockieren. Die indischen Soldaten wiederum drangen auf ein Gebiet vor, das als chinesisch gilt. Mittlerweile stehen sich in der malerischen Gebirgslandschaft laut indischen Medienberichten etwa je 300 indische und 300 chinesische Soldaten auf einer Distanz von 150 Metern gegenüber. Das sind nicht viele, aber dennoch ist die Lage gefährlich. Denn es geht ums Prinzip. Peking droht mit "Gegenmaßnahmen", sollte der Gegner seine Truppen nicht "unverzüglich" abziehen.

Obwohl Indien in dieser Auseinandersetzung eigentlich nur die "dritte Partei" ist, geht es für das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde um weit mehr. Das von Bhutan und China beanspruchte Doklam-Plateau (bzw. Donglang, wie China es nennt), um das sich der Konflikt dreht, hat für Indien strategische Bedeutung. Die Regierung in Neu Delhi fürchtet, dass die Ausweitung der chinesischen Infrastruktur in der Region die Sicherheit des naheliegenden, an seinem schmalsten Punkt gerade mal 27 Kilometer breiten Siliguri-Korridors, gefährden könnte. Dieser Korridor verbindet Indiens Festland mit seinen nördlichsten Bundesstaaten. Im Fall eines Konfliktes könnten chinesische Streitkräfte den "Hühnerhals" genannten Übergang sprichwörtlich durchschneiden und damit Indiens Versorgungslinien kappen. Chinas Vordringen in der Region sei "eine direkte Herausforderung unserer Sicherheit", sagt Indiens Außenministerin Sushma Swaraj.

China bewertet die Entsendung indischer Truppen als Einmischung in innere Angelegenheiten. Man werde sein Territorium "um jeden Preis verteidigen", heißt es von chinesischer Seite.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

China-Experte Frank Sieren

Bereits 1962 führten beide Länder einen kurzen Krieg um Gebietsansprüche in der Himalaya-Region, der weitgehend ergebnislos blieb. In jüngerer Vergangenheit waren indische wie chinesische Grenztruppen meist ohne Waffen unterwegs, um den zerbrechlichen Status quo nicht durch Leichtsinnigkeit zu gefährden.

Handelspartner, aber geopolitische Konkurrenten

Doch nun scheint ein kompletter Abzug der Soldaten unabdingbar, damit sich der Konflikt wieder entspannt. Diesen Schritt will bislang jedoch keiner machen. Derweil werden die politische Rhetorik, die Kommentare in den Zeitungen und die Stimmung in den sozialen Netzwerken zunehmend schärfer. Damit wird der Spielraum vernünftig mit einander zu reden immer kleiner. Auch ohne militärische Eskalation ist abzusehen, dass die Auseinandersetzung das Misstrauen und die Rivalität zwischen den beiden Völkern vertiefen wird. Obwohl einerseits wichtige Handelspartner, konkurrieren Indien und China geopolitisch und wirtschaftlich in Asien. Dass dies ein ungleicher Kampf ist macht die Lage nicht einfacher. 

Wenn China und Indien weiter so wachsen wie bisher, bräuchte Indien über 120 Jahre, um China einzuholen. Argwöhnisch beobachtet die Regierung in Neu Delhi beispielsweise Chinas enges Wirtschaftsbündnis mit Pakistan und seine Marine-Aktivitäten im Indischen Ozean. Die Chinesen bauen einen Wirtschaftskorridor von China durch Pakistan bis an die iranische Grenze, gewissermaßen im Rücken Indiens. China hat es Indien wiederum nicht verziehen, dass es dem Dalai Lama bis heute Exil gewährt und dem prestigeträchtigen Projekt der "Neuen Seidenstraße" jüngst eine Abfuhr erteilte. Immerhin ist es Peking kürzlich gelungen, Indien und Pakistan gleichzeitig in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) aufzunehmen. Sie wurde 2001 gegründet und ihr gehören die Volksrepublik China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Indien und Pakistan an. Die SOZ beschäftigt sich mit sicherheitspolitischen Fragen der Mitgliedstaaten, aber auch mit Wirtschafts- und Handelsfragen. Derzeit vertritt die SOZ circa 40 Prozent der Weltbevölkerung und ist damit die weltweit größte Regionalorganisation. Auch das ist einer der Kanäle über die man nun aktiv wird. 

Noch reden sie miteinander

Hinter den Kulissen versuchen Diplomaten unterdessen jede weitere Eskalation der brandgefährlichen Pattsituation zu verhindern. Die Stabilität im gesamten südasiatischen Raum steht auf dem Spiel. Immerhin sprechen die beiden Länder direkt miteinander und brauchen, wie bei anderen Krisenherden der Welt, keine Vermittler. Europa und die USA sind bei diesem Streit außen vor. Und noch sieht es nicht danach aus, dass Indiens Premierminister Narendra Modi Anfang September nicht zum Gipfel-Treffen der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) nach China reist, ein anderes Gremium, das einen guten Rahmen für Gespräche bildet. Es ist sogar noch möglich, dass sich beide Seiten für diesen Termin aufeinander zubewegen. Wenn das nicht klappt, könnte das Wetter als unparteiischer Schlichter helfen. Der harte Winter macht es schwierig, dauerhaft größere Truppenverbände in der Himalaya-Hochebene zu stationieren.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China"), lebt seit über 20 Jahren in Peking.