Siemens im Zentrum der Macht | Wirtschaft | DW | 29.05.2013
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Wirtschaft

Siemens im Zentrum der Macht

Mit 22 Milliarden US-Dollar Umsatz sind die USA der größte Markt für das deutsche Traditionsunternehmen Siemens. Den Erfolg verantwortet derzeit ein Amerikaner - mit einer gezielten Strategie.

Tue Gutes und rede darüber - so lässt sich ein Teil der Strategie von Siemens in den USA wohl am besten zusammen fassen. Eine Job-Training-Initiative für Veteranen, ein schicker neuer Schnellzug für die öffentliche Bahngesellschaft Amtrak, hergestellt mit erneuerbarer Energie. Ausbildung für Arbeitslose, die dann in der Gasturbinenfabrik in Charlotte, North Carolina Arbeit bekommen - bei allem, was das deutsche Traditionsunternehmen in den USA auf die Beine stellt, ist man stets auch auf die Wirkung bedacht. Die Anzeigenkampagne 'Siemens Answers', also 'Antworten von Siemens', "wirbt nicht unbedingt für ein bestimmtes Produkt", erklärt Siemens-Chef Eric A. Spiegel im Interview mit DW, "sondern zeigt, dass Siemens Amerika hilft, seinen großen Herausforderungen zu begegnen."

Der 54-Jährige gilt international als einer der besten Manager. Er hat über 20 Jahre bei Booz Allen Hamilton gearbeitet, eine der bekanntesten Technologieberatungsfirmen für die US-Regierung. Spiegel hat unter anderem vier Jahre in Asien gelebt, außerdem in Europa und dem Nahen Osten. Seit Januar 2010 ist der großgewachsene Mann der Chef von Siemens in den USA. Eines seiner Erfolgsrezepte: Knüpfe Kontakte. Seit 2011 ist Siemens dementsprechend nicht mehr in New York, sondern in Washington zuhause. Vom Konferenzraum im 10. Stock ist die Spitze des Kapitols nicht zu übersehen.

Siemens USA CEO Eric Spiegel zeigt US-Finanzminister Jack Lew die Fabrik in Alpharetta, Georgia copyright: 2103 James W. Barker

Eric Spiegel zeigt US-Finanzminister Jack Lew (M.) die Fabrik in Alpharetta, Georgia

Wie maßgeschneidert für das US-Regierungsprogramm

Denn Siemens möchte nicht nur bei Verbrauchern und Geschäftsleuten bekannt sein. Die Nähe zu Regierungsbeamten und Abgeordneten ist unerlässlich, wenn man mit der Regierung Geschäfte machen will. Rund fünf Prozent, sagt Eric Spiegel, beträgt der Anteil der Regierungsaufträge an den Verkäufen – doch es sollen mehr werden. So wurde eine eigene Firma gegründet, 'Siemens Government Technologies', die auch 'Top Secret'-Geschäfte abwickeln darf.

Ob das wohl der Grund sei, warum Siemens jetzt schon zweimal hintereinander in der Rede zur Lage der Nation vorkam? Spiegel lacht - und gibt sich bescheiden: "Ich weiß nicht, ob der Präsident überhaupt weiß, dass wir so eine Firma haben." Der Grund für die Erwähnung durch den Präsidenten, fährt er fort, sei ein anderer: "Es liegt daran, dass Siemens als eine Firma angesehen wird, die das Richtige tut in Bereichen, in der die US-Regierung ebenfalls Fortschritte sehen will." Das Siemens-Portfolio passt also zum Regierungsprogramm: Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ausbauen und erschwinglich machen, erneuerbare Energien fördern, aber auch Energie sparen und das Verkehrsnetz verbessern, zum Beispiel.

"Buy American"

Doch noch bei etwas anderem hilft die Nähe zum Kongress: Viele Bundesstaaten und auch die Regierung in Washington haben die Regel "Kaufe nur von amerikanischen Firmen" aufgestellt, wenn es um Regierungsaufträge geht. Doch hier, meint Spiegel, habe die Lobbyarbeit schon Früchte getragen: "Es ist nicht mehr so ein Problem wie in der Vergangenheit." Außerdem kann Siemens darauf verweisen, eine amerikanische Firma zu sein: "Wir haben über 60.000 Angestellte, über 130 Fabriken, und wir beliefern alle 50 Bundesstaaten".

Es schadet auch nicht, dass der Firmenchef jetzt ein Amerikaner ist. Zwar sind die transatlantischen Beziehungen bei Siemens gut - der Chef des Mutterkonzerns, Peter Löscher, habe lange in den USA gelebt und zwei seiner Kinder seien hier geboren, erzählt Spiegel, der selbst deutsche Vorfahren hat. Aber wenn es um Geschäfte geht, würden die amerikanischen Geschäftspartner schon erwarten, "dass ein CEO die Menschen und die Kultur versteht, und auch, wie hier Geschäfte gemacht werden und wie die Regierung funktioniert". Und das ist nicht immer einfach, liegen zwischen den USA und Deutschland doch manchmal Welten.

Erfolgreicher als in Deutschland ?

Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher Foto: Peter Kneffel/lby

Siemens-Chef Peter Löscher musste die Prognose kappen

Das zeigt sich auch im Geschäft. Anfang Mai musste der Siemens-Chef Peter Löscher eine Gewinnwarnung aussprechen und die Prognose für das laufende Geschäftsjahr nach unten korrigieren. Die Gründe: Verspätete Auslieferungen von Zügen, der missratene Anschluss von Windparks in der Nordsee, der Totalausfall des Solargeschäfts. Auf die Weltkonjunktur könne man sich nicht verlassen: Auch das Geschäft mit Fabrikausrüstungen laufe sowohl in China als auch in den USA nicht so wie erhofft, hatte Löscher erklärt. Die USA sind der größte Markt für das deutsche Traditionsunternehmen, ein Viertel der Geschäfte werden hier gemacht. Eric Spiegel ist optimistisch, selbst bei der Windenergie: "Wir haben ein gutes Gefühl bei den langfristigen Prognosen für die Windindustrie in den USA, allerdings wird sich die Zuwachsrate verlangsamen."

Was für einen weiteren Ausbau des Geschäfts in den USA spricht: die niedrigen Energiepreise, vor allem durch das in Mode gekommene "Fracking". Dabei wird durch ein in die Erde mit Hochdruck eingespültes Wasser-Chemikaliengemisch Erdgas gewonnen. Doch wie verträgt sich diese umwelttechnisch umstrittene Methode mit dem "sauberen" Image von Siemens? Man werde eben versuchen, saubere Lösungen beizusteuern, meint Spiegel, und verweist darauf, dass 40 Prozent des Portfolios von Siemens unter die Überschrift "umweltschützend" fallen.

Firmengeschichte wird betont

Und was bleibt noch vom deutschen Erbe übrig, wenn Siemens es hier anstrebt, dem Gütesiegel "Made in USA" auf den Produkten zu einem positiven Image zu verhelfen? Die Tradition, erklärt Spiegel. "Was wir immer besonders betonen: Es gibt Siemens seit 1847, also über 160 Jahre." Es gebe nur wenige Firmen, die auf eine solche Geschichte verweisen können. Die einzige, die noch halbwegs herankäme, sei General Electric - der große Konkurrent. Was bedeutet es, dem Erzrivalen auf heimischen Boden Konkurrenz zu machen? "Es hält uns auf Trab", lächelt Spiegel. Sich ständig Veränderungen anpassen zu können hält er für unerlässlich, wenn man Erfolg haben will.

Und noch etwas anderes trage zum Erfolg eines Geschäftsmannes und einer Firma bei, meint Eric Spiegel: ein gutes Team. Er verweist auf die Dame, die während des Interviews zu seiner Linken sitzt: Kommunikationschefin Camille Johnston. Sie war Pressesprechering von First Lady Michelle Obama und gehörte zum Beraterkreis des Präsidenten, bevor sie zu Siemens kam.

Infrastruktur als dankbares Projekt

Seine Beziehung zu Präsident Obama und den anderen Regierungsmitgliedern hängt Spiegel eher tief, erwähnt nur beiläufig, dass er beispielsweise beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel an einem Tisch mit ihr und der damaligen Außenministerin Hillary Clinton saß. Aber wenn es zum Beispiel darum geht, wie die marode Infrastruktur des Landes modernisiert werden soll, spricht er ein bisschen auch für Barack Obama: "Der Präsident und die Geschäftsleute suchen nach Firmen und öffentlich-privaten Partnerschaften."

Überhaupt ist die zerfallende Infrastruktur wohl der größte Kuchen, den es in naher Zukunft zu verteilen gibt. Die Amerikanische Gesellschaft der Bauingenieure hat ausgerechnet, wie viel investiert werden, um die Brücken, Straßen, Schienen und Stromnetze in den USA wieder auf einen vernünftigen Stand zu bringen: Zwei Billionen US-Dollar.

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