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Wirtschaft

Siemens-Chef von Pierer tritt zurück

Heinrich von Pierer ist als Aufsichtsratschef bei Siemens überraschend zurückgetreten. Er zog damit die Konsequenzen aus der Schmiergeldaffäre bei Deutschlands größtem Elektrokonzern.

Heinrich von Pierer (Archivfoto)

Der Erklärungsnotstand ist für Heinrich von Pierer zur groß geworden (Archivfoto)

Der von Korruptionsvorwürfen erschütterte Siemens-Konzern verliert seinen Aufsichtsratschef und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer. In einer Pflichtmitteilung für die Börse teilte Siemens am späten Donnerstagabend (19.4.) mit, Pierer stelle sein Amt kommende Woche bei der Aufsichtsratssitzung zur Verfügung.

Über Pierers Ablösung war in den vergangenen Wochen immer wieder spekuliert worden. Der langjährige Siemenschef wolle mit seinem Rückzug einen Beitrag dafür leisten, "unser Unternehmen allmählich wieder aus den Schlagzeilen und in ruhigeres Fahrwasser zu bringen", hieß es in der Ad-hoc-Mitteilung für die Börse.

"Keine persönliche Verantwortung"

Pierer betonte in der von Siemens veröffentlichten Erklärung, er stelle mit seinem Rücktritt seine persönlichen Interessen hinter die des Weltunternehmens mit 400.000 Mitarbeitern. "Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung."

Zu den Korruptionsermittlungen gegen sechs ranghohe Siemens-Mitarbeiter erklärte Pierer: "Siemens ist trotz einer hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens aufgrund von teilweise offensichtlichen, teilweise behaupteten Verfehlungen einer Reihe von Führungskräften und Mitarbeitern in eine prekäre Situation geraten." Sein Ziel sei es, das Unternehmen nachhaltig zu unterstützen und zu fördern. Durch die wirtschaftlichen Erfolge von Siemens falle ihm die Rücktrittsentscheidung leichter.

Von Pierer will aber an seinen Mandaten bei anderen Unternehmen festhalten. "Der Rücktritt bei Siemens ist ein isolierter Vorgang, der mit meinen Aktivitäten in anderen Gremien nichts zu tun hat", zitierte das Internet-Portal "Welt Online" von Pierer. Der 66-Jährige sitzt unter anderem im Aufsichtsrat von VW, der Deutschen Bank und der Münchener Rück.

Druck war zu groß

Pierer war von 1993 bis 2005 Vorstandsvorsitzender von Siemens. Einen Rücktritt hatte er bisher mit der Begründung ausgeschlossen, er habe nichts mit den Korruptionsaffären zu tun, die während seiner Führung stattgefunden haben sollen und wegen denen Ermittlungen in Deutschland, Italien und der Schweiz laufen.

In den vergangenen Wochen war der Druck auf Pierer gewachsen. In seiner Zeit als Vorstandschef war das System schwarzer Kassen bei Siemens aufgebaut worden. Das Geld - möglicherweise bis zu 420 Millionen Euro - soll im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden sein. Zwar waren die Rufe nach einem Rücktritt von Pierers zuletzt lauter geworden, die Entscheidung kam für viele im Unternehmen zu diesem Zeitpunkt dennoch überraschend.

Cromme übernimmt

Nach dem Rücktritt von Pierers soll Gerhard Cromme den Aufsichtsrats-Vorsitz beim Siemens-Konzern übernehmen. Der Wechsel an der Spitze des Kontrollgremiums soll am kommenden Mittwoch (25.4.) erfolgen. Cromme soll den Aufsichtsrat für den Rest der laufenden Amtsperiode bis zur Hauptversammlung der Siemens AG am 24. Januar 2008 leiten.

Cromme ist bereits Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp. Der Vorsitzende der Regierungskommission Corporate Governance leitet zudem bereits den Prüfungsausschuss im Siemens-Aufsichtsrat, der die Affäre aufklären soll.

Börse und IG Metall erfreut

Die Börse reagierte mit einem kräftigen Kursanstieg auf die Nachricht von Pierers Rücktritt. Der Kurs legte um zeitweise vier Prozent auf mehr als 90 Euro zu. Aktionärsschützer bezeichneten die Ankündigung von Pierers, sein Amt am 25. April zur Verfügung zu stellen, als konsequent. Allerdings hätte der Manager schon früher erkennen können, dass er als ehemaliger Vorstandschef des Konzerns an der Aufklärung der Affären nicht mitarbeiten könne, meinte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Das ist der richtige Schritt. Das nimmt jetzt viel Feuer aus dem Geschehen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer hat den Rücktritt von Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierrer als überfällig begrüßt: "Es geht ja nicht nur um die Frage der persönlichen Verantwortung, sondern auch um eine moralische Verantwortung", sagte Neugebauer dem Hessischen Rundfunk. "Das drückt auf die Motivation, da entstehen ja auch Schäden für das Unternehmen selber, und ich bin sehr froh, dass Herr von Pierer persönlich die Konsequenz gezogen hat", erklärte der IG-Metall-Bezirkschef. Zu von Pierers Beteuerungen, er habe von den Schmiergeldern bei Siemens nichts gewusst, sagte Neugebauer: "Das nicht zu wissen, glaubt vielleicht jemand, der sich bei Siemens nicht auskennt - ich glaube es nicht." (kas)

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