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Wirtschaft

Siemens-Aktionäre: harsche Kritik trotz guter Zahlen

Die Milliardengewinne konnten die Kritik der Aktionäre nicht mindern: Das alte Management habe die Glaubhaftigkeit des Unternehmen verspielt, so die Aktionäre. Die neue Führung will nun drohende US-Strafen abwenden.

Siemens Chef Peter Löscher bei der Hauptversammlung (24.1.2008, Quelle: AP)

Guter Start für Peter Löscher: Die Aktionäre begrüßten den Wechsel an der Spitze

Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hielt ihren Frust nicht zurück: "Die Glaubhaftigkeit des Unternehmens wurde leichtfertig durch das frühere Management verspielt", sagte sie am Donnerstag (24.1.2008) auf der Hauptversammlung des Konzerns in München. "Siemens hat durch sein eigenes Verhalten immensen Schaden genommen", fügte sie hinzu. Es müsse klar beantwortet werden, wer für die Affäre verantwortlich sei und wer die Verantwortung übernehme. Zugleich rief Bergdolt die neue Führung im Konzern auf, den "Neuanfang nicht halbherzig versickern zu lassen".

Aktionäre drängen sich am 24.1.2008 vor Beginn der Hauptversammlung der Siemens AG vor dem Eingang der Olympiahalle in Muenchen (Quelle: AP)

Der Frust der Aktionäre wollte raus: Großer Andrang bei der Hauptversammlung

Hans Hirt von der Londoner Fondsgesellschaft Hermes forderte eine raschere Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre. "Es ist unbefriedigend, dass die Untersuchung der Korruptionsaffäre weiter nicht abgeschlossen ist und auch heute kein Schlussstrich gezogen wird", sagte er. Zugleich begrüßte er, dass die Aufklärung der Korruptionsvorwürfe angegangen worden sei. Auch die Berufung von Peter Löscher zum Siemens-Chef bewertete er positiv.

Massive Gehältererhöhung trotz Schmiergeld-Krise

Auch Harald Petersen, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, forderte die rasche Fortsetzung der Aufklärung der Affäre. "Was hier geschehen ist, ist ein Verbrechen von einigen wenigen an den Aktionären und Mitarbeitern", sagte er. Die Aktionäre seien daran interessiert, Gewinne zu machen. "Aber nicht um jeden Preis". Die Fondsgesellschaft DWS kritisierte, dass parallel zur Schmiergeldaffäre die Gehälter der Top-Manager um rund 30 Prozent gestiegen seien. "Es befremdet, dass ein Milliardenschaden durch die Schmiergeldaffäre entstand und die damals verantwortlichen Manager auch noch Gehaltssteigerungen bekommen", sagte DWS-Manager Henning Gebhardt.

Eine Nachricht dürfte die Aktionärsvertreter beruhigt haben: Eine wegen der Korruptionsaffäre drohende Milliardenstrafe aus den USA will der Konzern in den kommenden Monaten durch Verhandlungen mit den US-Behörden abmildern. Gespräche über einen "fairen Vergleich" sollten nach Möglichkeit noch im Februar aufgenommen werden, kündigte Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme an. Siemens-Chef Peter Löscher, der zum ersten Mal in seiner neuen Funktion vor den Aktionären sprach, kritisierte die für die Schmiergeld-Affäre Verantwortlichen scharf. Der Konzern vermeldete trotz der Turbulenzen einen Milliardengewinn für das erste Quartal.

Vergleich mit US-Börsenaufsicht geplant

Logo der US-Börsenaufsicht SEC (Archiv, Quelle AP)

Der Konzern will sich mit der Börsenaufsicht SEC auf einen Vergleich einigen

Cromme sagte, die US-Börsenaufsicht SEC und das US-Justizministerium hätten zugesagt, in Kürze Gespräche "über einen umfassenden und fairen Vergleich" aufzunehmen. Sie würden sich mehrere Monate hinziehen. Wann ein Vergleich geschlossen werden könne, sei unklar. Die Verhandlungen seien bei einem Treffen von Cromme, Vorstandschef Löscher und Vertretern von Börsenaufsicht und Justizministerium Mitte Dezember vereinbart worden. Dabei hätten die Behörden die internen Untersuchungen des Siemens-Konzerns als "positive Entwicklungen" bezeichnet.

Diese Untersuchungen sollen parallel zu den Gesprächen fortgesetzt werden. Die US-Behörden prüfen die Schmiergeldvorwürfe bei Siemens, weil der Konzern seit 2001 an der New Yorker Börse notiert ist. Laut Medienberichten drohen dem Konzern aus den USA Strafen von bis zu vier Milliarden Euro.

Löscher betonte, Siemens verfüge über ein "sehr gutes und umfassendes Regelwerk". Versagt habe die Führungskultur, kritisierte er. Unter dem Applaus der rund 8000 Siemens-Aktionären in der Münchner Olympiahalle fügte Löscher hinzu: "Mir geht es um sauberes Geschäft immer und überall und um Spitzenleistung auf höchstem ethischen Niveau." Beides sei kein Gegensatz. "Erst im Zusammenspiel aus beidem kommt man zu nachhaltigem Erfolg."

Auch Medizinsparte im Visier der Fahnder

Bei der Korruptionsbekämpfung scheint sich der Erfolg aber partout nicht einstellen zu wollen: Neuesten Zeitungsberichten zufolge ist auch die bisher als weitgehend sauber geltende Sparte Medizintechnik ins Visier der Ermittler geraten. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" und des "Handelsblatts" soll es auch in diesem Geschäftsfeld ein dubioses Finanzsystem gegeben haben. Gut 140 Millionen Euro aus der profitabelsten Unternehmenssparte könnten den Angaben zufolge in dunkle Kanäle geflossen sein.

Einen Milliardengewinn erzielte das Unternehmen in den letzten drei Monaten des Jahres vor allem dank des Verkaufs der Automobilzuliefer-Sparte. Siemens verdiente im ersten Quartal des im Oktober beginnenden Geschäftsjahrs rund 6,5 Milliarden Euro. 5,4 Milliarden Euro seien auf den Verkauf der Automobilzuliefer-Sparte an den Continental-Konzern zurückzuführen. Im Vorjahreszeitraum hatte Siemens 788 Millionen Euro Gewinn gemacht. Der Umsatz stieg von Oktober bis Dezember um zehn Prozent auf 18,4 Milliarden Euro.Von der US-Immobilienkrise sei das Unternehmen "nicht unmittelbar" betroffen, so Löscher. Die Auftragsbücher des Konzerns seien "gut gefüllt". (mg)

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