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Kultur

Siegfried Lenz - der Geschichtenerzähler

Der Schriftsteller Siegfried Lenz zählt zu den wichtigsten Autoren der Trümmer- und Gegenwartsliteratur. Mit seiner ersten Liebesgeschichte "Schweigeminute" gelang ihm mit 82 Jahren erneut ein Bestseller.

Der Hamburger Schriftsteller Siegfried Lenz, aufgenommen am 06.11.2002 in München auf einer Pressekonferenz. Am Abend wird Lenz für sein Lebenswerk mit dem internationalen Buchpreis «Corine» geehrt. In diesem Jahr erhalten insgesamt acht Autoren die Auszeichnung der bayerischen Verlage und Buchhandlungen. Der Preis wird zum zweiten Mal vergeben.

Siegfried Lenz ist leidenschaftlicher Angler. Geduld ist dabei die größte Tugend. Bedächtig, leise und mit viel Ausdauer ist er auch als Autor tätig. In der Öffentlichkeit gibt er sich hingegen eher bescheiden. Dabei gehört er neben Günter Grass und Martin Walser zu den prägenden Autoren der Bundesrepublik. Wenn man schreibend leben möchte, so sagt er, reiche Inspiration alleine nicht aus. Seinen Erfolg habe er sich von Beginn an durch Starrsinn, Ausdauer und "Sitzfleisch" erarbeitet.

Altmodisch, mit Stock und Pfeife

Die Schriftsteller Günter Grass (r) und Siegfried Lenz sitzen am Sonntag (01.06.2008) in Lübeck Pfeife rauchend im Garten des Günter-Grass-Hauses. Die beiden Literaten trafen sich im Rahmen einer am Sonntag beginnenden Ausstellung «Ein Bürger für Brandt. Der politische Grass» über ihr Wirken zugunsten des Politikers Willy Brandt in den 1960er Jahren. Beide hatten 1967 die Sozialdemokratische Wählerinitiative mitbegründet. Die Ausstellung, die bis zum 31. August im Günter-Grass-Haus in Lübeck zu sehen ist, beleuchtet die Entwicklung und die Hintergründe von Grass' bis heute andauerndem politischen Engagement. Foto: Wolfgang Langenstrassen dpa

Günter Grass und Siegfried Lenz

Das Rauchen wollte er sich schon lange abgewöhnen. Seinen Stock im Gepäck, pafft er auch im hohen Alter genüsslich seine Pfeife. Ebenso standhaft und altmodisch ist auch sein unverwechselbarer Schreibstil. Dass diese Einstellung zum Schreiben sich bewährt hat, belegt sein beachtliches Lebenswerk aus ca. 60 Büchern und Erzählungen. Für literarische Experimente hat Siegfried Lenz sich dabei nie begeistern können. Er wolle einfach nur Geschichten erzählen. "Über die Inhalte, die Motive meiner Arbeit war ich mir nie im Ungewissen. Sie wurden mir nahe gelegt durch meine Generationserfahrung und durch Zeitgenossenschaft. Und so schrieb ich über Auflehnung und Pflicht, über Flucht und Verfolgung, über Verstrickung und Niederlage. Schrieb über das, was meine Zeit mich erkennen ließ."

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Siegfried Lenz und seine Frau Liselotte hören sich am 28.11.2001 in der Universität Hamburg die Laudatio zur Verleihung der Ehrensenatorwürde an den Schriftsteller an. Lenz wurde von der Hochschule für seine schriftstellerischen Verdienste als Meister der Erinnerung und Mahner vor dem Vergessen zu deren Ehrensenator ernannt. In seiner Dankesrede ging der 75-jährige Verfasser des Romans Deutschstunde während einer Sondersitzung des akademischen Senats auf die Bedeutung von Literatur im Zeitalter der Wissenschaft ein. Gemessen an exakter Erkenntnis und gesicherter Einsicht sei die Literatur der Wissenschaft unterlegen, sagte Lenz. Doch im Gegensatz zur Wissenschaft verbannt die Literatur in ihrer Großherzigkeit nicht den Zufall. Lenz, einer der meistgelesenen deutschen Nachkriegsautoren, erhielt als 39. die Ehrensenatorwürde.

Siegfried Lenz und seine Frau Liselotte

Altkanzler Helmut Schmidt, beschreibt das Werk des langjährigen Freundes als "ein Mosaik der Nation in unserer Epoche. Wer Deutschland verstehen will, der solle seine Bücher und Erzählungen lesen." Das Leben von Siegfried Lenz ist, wie die Geschichte der Bundesrepublik, geprägt von Freiheit, Widerstand und von den Narben des Krieges. Am 17. März 1927 wurde er in Masuren geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters wuchs der sechsjährige Siegfried bei seiner Großmutter auf. Mit 13 Jahren trat er der Hitlerjugend bei, wurde später zur Kriegsmarine eingezogen, desertierte und geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung zog er nach Hamburg und arbeitete als Volontär bei einer Tageszeitung, wo er sich in seine Arbeitskollegin, die Illustratorin Liselotte verliebte und sie heiratete. Ihr Tod war ein großer Einschlag in seinem Leben. Mit 84 Jahren ging der Schriftsteller ein zweites Mal den Bund der Ehe ein, diesmal mit seiner langjährigen Nachbarin, die ihn in dieser schweren Zeit zur Seite stand. Seitdem ist sie seine erste Kritikerin. Liebevoll liest er ihr aus seinen Texten vor. "Aus der Befürchtung, nicht sinnlich genug zu schreiben, frage ich Ulla fast jedes Mal, 'hörst du nicht allein, sondern siehst du es? Siehst du den Charakter, das Gesicht, die veränderte Mimik des Gesichtes' und wenn sie sagt, 'ja, ich sehe es vor mir', dann bin ich häufig zufrieden." Seine letzte Nouvelle "Schweigeminute" erzählt die ungewöhnliche Beziehung eines Schülers zu seiner Lehrerin.

Handeln und Enthüllen

Der Schriftsteller Siegfried Lenz, aufgenommen während eines Interviews in seiner Wohnung im Stadtteil Othmarschen in Hamburg (Archivfoto vom 23.05.2008). Foto: Jens Ressing dpa

Siegfried Lenz

Über die Möglichkeiten und Sackgassen seines Berufes als Schriftsteller ist er sich im Klaren: "Ich glaube schon, dass unsere gemeinsame Anstrengung von allen Kollegen, die wir schreiben, dazu ausreicht, vielleicht nicht gerade große spektakuläre Gegenmodelle zu dem jetzigen Zustand der Welt zu entwerfen, aber doch Korrekturen anzubringen, Augen zu öffnen, bloß zu stellen, zu enthüllen. Literatur handelt, indem sie enthüllt." Und so wirft Siegfried Lenz nach 85 Jahren erneut seine Angel aus. Geduldig wartet er ab und zieht mit viel Gefühl den Köder ein. Am liebsten fängt er Forellen, die bekanntlich nicht leicht zu überlisten sind. Eine Schülerjury zeichnete ihn für seine ermutigende Menschlichkeit mit dem Weilheimer Literaturpreis aus. Wer hätte gedacht, dass ein Autor der älteren Generation gerade die Jugend anspricht. Wer mitten im Gewässer steht, kann eben nahezu sämtliche Fangstellen mit seinen Ködern anwerfen.

Autor: Rozbeh Asmani

Redaktion: Gudrun Stegen