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Kultur

Siegfried Lenz - Chronist deutscher Zustände

Mit Werken wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" zählt der Schriftsteller zu den wichtigsten Autoren der Nachkriegsliteratur. Im Alter von 88 Jahren ist Siegfried Lenz jetzt in Hamburg gestorben.

"Ich habe früh festgestellt, dass, wenn man schreibend leben möchte, dazu Sitzfleisch gehört", sagte Siegfried Lenz einmal in einem Interview. Genialität hielt der Schriftsteller für überschätzt. Er war ein bekennender Vertreter des konventionellen chronologischen Erzählstils: "Das Leben verläuft chronologisch, warum sollte es in einem Roman dann anders sein?", fragte er daher.

Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck im damaligen deutschen Ostpreußen geboren. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und arbeitete als Dolmetscher. Nach Kriegsende begann er zunächst ein Studium in Hamburg, wurde aber bald Volontär der Axel Springer-Zeitung "Die Welt". In dieser Zeit heiratete er seine Frau Liselotte – eine Malerin und Zeichnerin, die 2006 verstarb. 1951 machte er sich als freier Schriftsteller selbstständig.

Schriftsteller mit hohen moralischen Prinzipien

Nachdenken mit Zigarette: Lenz galt als Autor mit hohen moralischen Prinzipien (Foto: dpa)

Nachdenken mit Zigarette: Lenz wollte mit seiner Literatur ein "kollektives Gedächtnis" schaffen

Die Aufarbeitung der nazi-deutschen Verbrechen war sein großes Anliegen. Siegfried Lenz war ein Schriftsteller mit hohen moralischen Prinzipien. Literatur galt ihm als kollektives Gedächtnis der Menschen, und er verstand sich als dessen Chronist. Sein 1968 veröffentlichter Roman "Deutschstunde" wurde zu einem Welterfolg. Das Werk handelt von einem Polizisten während der NS-Diktatur, der aus pervertiertem Pflichtgefühl heraus das Malverbot seines Freundes überwacht.

In seinem Roman "Heimatmuseum" von 1978 beschrieb er in 15 Rechtfertigungsprotokollen des Teppichknüpfers Zygmunt Rogalla die Lebenswelt der ostpreußischen Gegend Masuren, die im heutigen Polen liegt. Die Aussöhnung insbesondere mit Polen und Israel sah Siegfried Lenz als seine Lebensaufgabe an.

Seine Romane und Erzählungen führten oftmals die Bestsellerlisten an – die Literaturkritik war nicht immer überzeugt: 2006 urteilte ein Kritiker der "Frankfurter Rundschau", dass Lenz' Publikumserfolg "seit je in einem seltsamen Missverhältnis zur Unzufriedenheit der Kritik" stehe.

Mitbegründer der "Gruppe 47"

Siegfried Lenz im Gespräch mit dem Schriftstellerkollegen Günter Grass (l.) (Foto: dpa)

Diskussion mit dem Schriftstellerkollegen Günter Grass (l.)

Lenz gilt zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass als einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur. Er ist Mitbegründer der

"Gruppe 47"

– einem Schriftstellertreff mit vielen bekannten Autoren und Kritikern.

In den 60ern und 70er Jahren engagierte sich Lenz für den Wahlkampf der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und begleitete den damaligen Bundeskanzler

Willy Brandt

1970 nach Warschau zur Unterzeichnung der deutsch-polnischen Verträge. Dabei verzichtete die Bundesrepublik Deutschland endgültig auf die ostpreußischen Gebiete, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehören.

Vorwurf der Mitgliedschaft in der NSDAP

Im Juli 2007 bestätigte das Bundesarchiv einen Zeitungsbericht, dem zufolge Siegfried Lenz und andere bekannte Schriftsteller wie Martin Walser zu Jugendzeiten Mitglied in der nationalsozialistischen Partei NSDAP gewesen waren. Lenz ging davon aus, ohne sein Wissen in einem Sammelverfahren in die Nazi-Partei aufgenommen worden zu sein. Die Zeitung "Die Welt" kommentierte dazu, "dass eine mögliche NS-Mitgliedschaft von Lenz und anderen keinesfalls ihre Lebensleistung infrage stellt."

Nimmermüder Autor: Lenz veröffentlichte bis ins hohe Alter (Foto: dpa)

Nimmermüder Autor: Lenz veröffentlichte bis ins hohe Alter

Auch im hohen Alter veröffentlichte Lenz fast jährlich ein neues Werk. Zuletzt brachte er 2012 ein "Amerikanisches Tagebuch 1962" heraus, ein Jahr zuvor war der Roman "Die Maske" erschienen. Insgesamt umfasst sein mehrfach ausgezeichnetes Werk mehr als 45 Romane, Novellen und Erzählungen, die in mindestens 35 Sprachen übersetzt wurden. Die Weltauflage dürfte bei über 30 Millionen liegen.

Im

Interview mit der "Welt"

sagte Lenz 2011: "Ich für meinen Teil bin nie dazugekommen, mein Leben explizit zu rechtfertigen. Ich schaue auf meine Bücher und denke mir, mein Verlag hat ja gerade eine zwanzigbändige Ausgabe herausgebracht. Andere sollen darüber befinden, ob es damit in meinem Leben genug gewesen ist."

Siegfried Lenz verstarb am Dienstag (7. Oktober) im Alter von 88 Jahren im Kreis seiner Familie in einer Hamburger Seniorenresidenz. Er war bereits seit einigen Jahren gesundheitlich schwer angeschlagen und saß im Rollstuhl. Er hinterlässt seine zweite Ehefrau Ulla Reimer, die er 2010 geheiratet hatte.

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