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Politik & Gesellschaft

Sieg für Frauen-Doppel in NRW

SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Grüne Sylvia Löhrmann sind durch die Wähler in NRW bestätigt worden. Mit deutlicher Mehrheit im Düsseldorfer Landtag können sie weiter regieren.

Die Grüne Sylvia Löhrmann im Wahlkampf mit Bundestags-Fraktionschef Jürgen Trittin (Foto: DW)

Löhrmann und Trittin (li.) auf der Wahlkampf-Bühne in Dortmund

Ein Wahlkämpfer der FDP in der Dortmunder Innenstadt will Sylvia Löhrmann eine Broschüre in die Hand drücken: "So, etwas Neues für Sie." Als er ihr ins Gesicht schaut, stutzt er: "Sie sind ja von den Grünen, ojeh, ojeh." Sylvia Löhrmann lacht und geht weiter. Sie ist froh, dass man sie mittlerweile kennt in Nordrhein-Westfalen (NRW) mit seinen knapp 18 Millionen Menschen. Das war im Wahlkampf vor zwei Jahren noch ganz anders. SPD und Grüne konnten nach den Wahlen von 2010 nur eine Minderheitsregierung bilden. Sie setzten ihre Politik mit wechselnden Mehrheiten um, bis Mitte März ihr Haushaltsentwurf keine Mehrheit mehr fand und Neuwahlen nötig wurden.

Kurz nach der Begegnung mit dem FDP-Mann steht Löhrmann neben Jürgen Trittin, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, auf der Wahlkampfbühne vor der Reinoldi-Kirche in Dortmund. Der Moderator betont, wie gut es viele fänden, dass mit SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann zwei Frauen das Bundesland regiert hätten. Das Publikum reagiert mit Klatschen und Johlen. Auf die Frage, was die beiden Frauen denn anders gemacht hätten als ihre männlichen Vorgänger, antwortet Löhrmann: "Wir sind beide bodenständig, müssen uns nicht inszenieren. Wir haben die Ärmel aufgekrempelt und uns um NRW gekümmert, ohne großes Tamtam, pragmatisch."

Kraft verspricht, sich zu kümmern

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hält eine Frau an den Händen (Foto: DW)

Hannelore Kraft (re.) geht oft auf Tuchfühlung mit den Menschen

Sehr direkt geht Hannelore Kraft den Wahlkampf an. "Wem kann ich helfen? Nicht weglaufen", mit diesen Worten stürzt sie sich im münsterländischen Ahlen im Norden von NRW in den Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. Kraft hört zu, fragt interessiert nach, sie berät und umarmt, wo das gewünscht ist. Sie wirbt für eine vorsorgende Politik, die lieber Kinder früh fördern will, als später "Reparaturkosten" zu zahlen für alle, die im Leben gescheitert sind. Genau so ließe sich auch die Verschuldung ihres Bundeslandes bekämpfen, argumentiert Hannelore Kraft. Auf dem Marienplatz drängen sich die Menschen um die 50-Jährige: Schüler wollen besseren Unterricht, ein Student bedankt sich bei der "Landesmutter" für die Abschaffung der Studiengebühren, eine arbeitslose Frau sucht ebenso ihren Rat wie die Mitglieder des türkischen Schul- und Familienvereins und Rentner. Die Sozialdemokratin verspricht, sich um ihre Probleme zu kümmern.

Alt-SPD-Bürgermeister Günter Harms vergleicht Krafts Besuch mit der Ahlen-Visite eines früheren SPD-Regierungschefs: "Die macht es sehr gut, das gefällt mir. Es ist auch überraschend gut besucht, muss ich sagen", er schmunzelt, "hier habe ich schon mal mit Wolfgang Clement vor weniger Publikum gestanden - bei ähnlich gutem Wetter."

Ideologischen Schulkampf überwunden

NRW-Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen Sylvia Löhrmann mit dem Fraktionschef der Grünen im Bundestag Jürgen Trittin (Foto: DW)

Löhrmann (re.) empfängt Trittin zum Wahlkampf im Ruhrgebiet

Auch Jürgen Trittin meint, dass die rot-grünen Frauen in NRW trotz Minderheitsregierung fast zwei Jahre bestehen konnten, weil sie anders aufgetreten seien als ihre männlichen Vorgänger, die "in ihrer Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit eigentlich die Krise in Nordrhein-Westfalen eher verlängert haben. Der neue Politikstil von Sylvia Löhrmann und von Hannelore Kraft ist der des Zuhörens, des Zusammenführens von schwierigen und widersprüchlichen Positionen". Letztlich blieb dem Regierungs-Duo auch wenig anderes übrig, weil sie ja nicht über eine eigene Mehrheit verfügten. Tatsächlich gelang es ihnen, Gegensätze zu überwinden. Schulministerin Sylvia Löhrmann etwa verhandelte den Schulkompromiss, dem auch die oppositionelle CDU in Düsseldorf zustimmte. Kommunen können selber entscheiden, welche Schulen sie anbieten, wenn es immer weniger Kinder gibt. Die CDU setzte durch, dass die Gymnasien erhalten bleiben. Ein jahrzehntelanger ideologischer Kampf um die richtige Schulform wurde beendet, auch Gewerkschaften und Verbände stimmten zu. "Heute bedanken sich CDU-Bürgermeister bei mir", berichtet Löhrmann.

Frauen aus dem Ruhrgebiet

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD, l) und Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) gehen mit einem Korb durch eine Einkaufsstraße (Foto: dpa)

Kraft (li.) und Löhrmann beim Wahlkampf in Bochum

Beide Politikerinnen kommen aus dem Ruhrgebiet. Löhrmann wuchs neben einer Zinkhütte in Essen auf, von der Ruß auf die Wäsche flog, Kraft in einfachen Verhältnissen in Mülheim an der Ruhr. Beide schafften den Bildungssprung ins Studium und machten erst später die Politik zum Beruf. Löhrmann arbeitete zunächst als Lehrerin, Kraft als Unternehmensberaterin. Im Wahlkampf 2012 gab es auch gemeinsame Termine. "Im Gegensatz zu dem, was in der Bundesregierung abläuft, wo sich ja CDU und FDP permanent behaken", sagt SPD-Spitzenkandidatin Kraft, sei ihre Zusammenarbeit wohltuend, "das wollen wir gerne weitermachen."

Das Ruhrgebiet, die Heimatregion von Löhrmann und Kraft, war fast 200 Jahre lang durch die Kohle- und Stahlindustrie geprägt und kämpft immer noch um den Strukturwandel. Hier stößt Stadt an Stadt, fünf Millionen Menschen aus 200 Nationen leben in einem der am dichtesten besiedelten Ballungsräume Europas. Löhrmann ging als Kind immer mit ins Essener Fußballstadion, Kraft besucht heute noch die Bundesliga-Spiele von Borussia Mönchengladbach, wenn sie es zeitlich schafft.

Spannung bis zuletzt

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft am Wahlkampfmikrofon, hinter ihr steht ihr 19-jähriger Sohn Jan Kraft (Foto: DW)

Hannelore Kraft mit Sohn Jan im Wahlkampf-Endspurt

Kraft und Löhrmann hatten angekündigt, bis zur letzten Minute um Wählerstimmen für ihre Parteien zu kämpfen. Das Rennen in NRW galt gerade durch das Wiedererstarken der FDP und die neuen Mitbewerber von den Piraten als extrem spannend, zumal viele Bürgerinnen und Bürger laut Umfragen sehr kurzfristig entscheiden wollten, wem sie ihre Stimme geben.

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