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Deutschland

Sieg für die Generation Lena

Auch die Popkultur, wozu der Eurovision Song Contest nun endgültig gehört, hat ihre historischen Momente. Der Sieg von Lena ist so ein Moment.

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Samstagabend, große Familiengartenparty in einem gutbürgerlichen Berliner Stadtteil. Nach den ersten Drinks tuscheln vereinzelte Erwachsenen besorgt, wo man denn nachher den Song-Contest sehen könne, trauen sich aber nicht, die Gastgeber zu fragen. Das liegt nicht nur daran, dass TV und Gartenparty nicht recht zusammenpassen wollen an einem so milden Abend, sondern auch daran, dass die Erwachsenen den Song-Contest entweder noch als Schlagerparade der 70er-Jahre kennen oder aber als Freak-Show der 90er. Da gibt es also gewisse Berührungsängste.

Ganz anders die halbwüchsigen Kinder. Die hatten sich rechtzeitig in das kleine TV-Zimmer zurückgezogen und freuten sich auf einen Lena-Abend. Hier saßen sie, ganz ohne sonstiges Licht, dicht gedrängt auf Sofa, Stühlen und Fußboden und verbrachten die Wartezeit bis zur Startnummer 22 - der Lenas - mit dem erstaunlich fachmännischen Kommentieren der musikalischen Aushängeschilder aus ganz Europa.

Weil Eltern dann aber doch immer mal schauen, was ihr Nachwuchs so treibt, gesellen sich die ersten Erwachsenen zu den TV-Kids, sehen das lustige Piano-Duo aus Rumänien - und bleiben. Denn gleich singt ja Lena.

lenas Auftritt beim ESC (Foto: AP)

Und wie sie gesungen hat! Schlicht in schwarz gekleidet und geschminkt wie Schneewittchen, legt Lena einen Auftritt hin, der musikalisch perfekt ist und eine verzaubernde Balance findet zwischen obercool auf der einen Seite und super-sympathischer Ausstrahlung auf der anderen Seite. Das kommt gut an.

Dann, alle Auftritte sind getan, der Countdown im Fernsehen zeigt: noch acht Minuten bis zur Punktevergabe. Die Mütter lüften mal kurz, bringen Getränke für die Kleinen und gießen sich selbst schnell einen Prosecco nach. Die Zimmertür geht inzwischen nicht mehr richtig auf, so voll ist es geworden. Als dann die ersten 12 Punkte für Lena vergeben werden, ahnen alle: es könnte klappen. Die Spannung steigt. Selbst die im Garten verbliebenen Gäste bleiben nicht verschont. Denn aus den umliegenden Häusern und Gärten dringt sofort Klatschen und Schreien, wenn Lena die nächsten 12 Punkte bekommt.

Und irgendwann ist klar: Lena hat die meisten Punkte, Lena hat gewonnen. Im Zimmer tanzen alle, die Kids mit ihren Eltern. Manche werden sentimental und sagen zum Nachwuchs, merkt euch diesen Moment, ihr werdet euch euer ganzes Leben daran erinnern. So wie wir uns immer an Nicoles Sieg 1982 erinnern und an "Ein bisschen Frieden".

Man kann es den Kids und diesem Land nur wünschen, dass es wirklich so ist. Denn Lena taugt in der Tat als Vorbildfigur. Noch vor wenigen Monaten war sie eine ganz normale Abiturientin aus Hannover, jetzt ist sie ein Star. Das motiviert auch junge Menschen. Und sie ist klug, professionell, charmant und irgendwie richtig süß - die perfekte Mischung für eine junge und moderne Lifestyle-Ikone. Und wer sich am Tag nach dem Sieg im Web-2.0-Netz umschaut, sieht sofort, wie sehr Lena von ihrer Generation geliebt wird. Von einer Generation, über die in Deutschland oft skeptisch berichtet wird, weil sie schlecht in der Schule sei oder weil sie ihre Zeit im Internet vergeude. Doch vielleicht lohnt sich ein genaueres Hinschauen, wie der Nachwuchs eigentlich wirklich tickt.

Am Ende beschließt die versammelte Gartenparty, dass man im nächsten Jahr live dabei sein will, wenn der Song-Contest in Deutschland stattfindet. Von der Scheu gegenüber diesem Pop-Event ist nicht viel übrig geblieben. Da haben die Eltern was gelernt von ihren Kindern.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Hartmut Lüning