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Kultur

Sieben Wochen ohne

Bei der Fastenaktion 2009 der evangelischen Kirche geht es um die Entscheidungsunlust der verunsicherten Gesellschaft - ein Ansatz, der ankommt.

Ein Mann steht auf einem Sprungbrett und zögert ins Wasser zu springen

Plakat der Fastenaktion

Gemütlich ist es in der kleinen Kirche der Paul-Gerhard-Gemeinde. Etwa 30 Personen sitzen in dem skandinavisch anmutenden Kirchenraum in Frankfurt-Niederrad beisammen. An die Wand hinter dem Altar ist groß das Bild einer Torte projeziert. "Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig über ein Geschenk gefreut?", fragt Pfarrerin Angelika Detrez. Schweigen. Einfache Frage, nicht ganz so einfache Antwort.

"Lass Dich beschenken!", heißt das Thema der Fastenandacht an diesem Abend. Eine lebhafte Diskussion bricht los. Geschenke bedeuteten für sie Stress betonen einige. Man müsse sich frei machen vom sozialen Druck des gegenseitigen Beschenkens und einem lieben Menschen einfach etwas schenken, kontern wieder andere. Schenken aus Überzeugung heiße die Devise.

Entscheiden Sie sich: A oder B?

Arnd Brummer, der geschäftsführer der Fastenaktion blickt zuversichtlich in die Kamera (Foto: Martin Meuthen)

Geschäftsführer der Fastenaktion Arnd Brummer

Dieses Ziel verfolgt auch die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche mit ihrem Motto "Sich entscheiden! Sieben Wochen Ohne Zaudern". Man soll sich zu Entscheidungen bekennen und diese nicht ewig vor sich her zu schieben. Das gilt für kleine Dinge wie einem gebackenen Kuchen genauso wie für die wichtigen Lebensentscheidungen.

"Der Attentismus, die Ideologie des 'Ich brauch noch mehr Infos, kann das jetzt noch nicht entscheiden und lebe lieber auf Probe' greift in einer Weise um sich, dass wir der Meinung sind, es beschränkt die Freiheit der Menschen", begründet Arnd Brummer das Motto. Egal ob Handytarife, Freizeitangebote oder die eigene Familienplanung - irgendwann müsse man sich einfach entscheiden. Heute sei das schwieriger denn je, ist der Geschäftsführer der Fastenaktion überzeugt. Er denke zum Beispiel an das Phänomen der Akademikerpärchen. "Die warten und warten und warten. Das Studium ist fertig, dann schauen sich beide erstmal nach einem guten Job um. Ist der Job da, kommt die Wohnung dran und so weiter - auf einmal ist man vierzig". Derartige Probleme hätten unsere Vorfahren nicht gehabt. Es gehe bei der Fastenaktion nicht darum, Menschen zu vorschnellen Entscheidungen zu motivieren, betont Brummer. "Wir wollen nicht, dass die Leute Münzen werfen, sondern sich sagen, okay, jetzt haben wir alles nach bestem Wissen und Gewissen geprüft - machen wir jetzt A oder B?"

Bedürfnis nach Orientierung

Evangelische Kirche in Frankfurt wäherend der Fastenandacht (Foto: Martin Meuthen)

Teilnehmer der Fastenaktion in einer Andacht

Die mittlerweile 26. Fastenaktion spricht mit ihrer Aufforderung, dem Zaudern ein Ende zu bereiten, in diesem Jahr offenbar besonders viele Menschen an. Pfarrerin Angelika Detrez begrüßt auf einmal viele Leute zu den Fastenandachten, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Es gebe ein neues Bedürfnis nach Orientierung. "Viele Träume und Ideen vom Leben, die man so hatte, sind ja durch die Bankenkrise im letzten Jahr zusammengebrochen. Das ist vielleicht der Hintergrund, weswegen mehr Leute als sonst zu uns kommen."

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sieht in dem diesjährigen Motto fast schon einen wütenden Gegenprotest zum Alltag. "Uns wird jeden Tag durch apokalyptische Meldungen das Zaudern geradezu eingeimpft", sagte Schirrmacher während des Eröffnungsgottesdienstes der Fastenaktion am Aschermittwoch. Die größten Zauderer seien zurzeit die internationalen Finanzkonzerne, die durch ihr Verhalten die Krise maßgeblich mitverantworteten. Resignation dürfe nicht das Gebot der Stunde sein. "Deshalb ist es wichtig auch mal sieben Wochen ohne Zaudern zu leben, und sich von diesen Meldungen nicht anstecken zu lassen."

Neben dem Umgang mit den großen Fragen des Alltags versprechen sich viele Teilnehmer der Frankfurter Fastengruppe von der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag vor allem Raum für Besinnung und Ruhe. "Ich will endlich mal wieder aus dieser Hektik rauskommen", wünscht sich eine Mittvierzigerin. Ein älterer Herr denkt indes an seine Steuererklärung, die er endlich erledigen müsse. Das Motto "ohne Zaudern" leiste ihm dabei bestimmt gute Dienste, hofft er: "Meistens sagt man sich ja doch hinterher: Siehste, hat sich alles schön von selbst gelöst!"

Autor: Martin Meuthen

Redaktion: Conny Paul

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