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Wirtschaft

Sie können nur billig

2001 war ein schlechtes Geschäftsjahr für die Medienhäuser. Die Verleger sparen dort, wo sie am wenigsten Geld verdienen: Viele Online-Projekte stehen vor dem Aus.

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Verlage erleiden Schiffbruch mit ihren Multimedia-Geschäften

Am 26. November meldete das Verlagshaus Gruner+Jahr, dass es das Web-Angebot "Computerchannel" einstellt. Das Hamburger Medienunternehmen will seine Multimedia-Aktivitäten in die Unternehmenssparte "Zeitschriften Deutschland" integrieren. Dabei fallen 75 Stellen weg. Bereits vor Wochen war Gruner+Jahr aus der Web-Gebrauchtwagen-Börse FairCar ausgestiegen und hatte den Wirtschaftsinformationsdienst "Business Channel" eingestellt.

"Fehlende wirtschaftliche Perspektive"

Grund für die Stellenstreichungen sind nach Gruner+Jahr die "deutlich verschlechterten Marktbedingungen" und die "fehlende wirtschaftliche Perspektive". Der Verlag hatte im Geschäftsjahr einen Gewinneinbruch hinnehmen müssen, der auch auf hohe Investitionen im Online-Bereich zurückzuführen ist. Schuld sind die sinkenden Einnahmen aus den Werbemärkten: Gruner+Jahr hatte bis einschließlich Oktober einen Rückgang der Anzeigen von zwölf Prozent zu verkraften.

Die Hamburger Medienmacher sind in guter Gesellschaft: Alle großen Verlagshäuser haben im Jahr 2001 mit erheblichen Rückgängen im Werbegeschäft zu kämpfen. Die Anzeigenkunden schalten weniger Stellenangebote und halten sich mit Werbekampagnen zurück. Die geschmälerten Budgets bekommen vor allem die Multimedia-Ableger zu spüren: Die Liste der geschrumpften Online-Projekte geht quer durch alle Häuser: Springer mit bild.de, der Verlag Milchstrasse mit Tomorrow Internet und Burda mit Focus Digital.

Warnsignale aus den USA

Die Krise der schönen neuen Online-Welt war indes abzusehen: Amerikanische Großverlage gerieten schon Ende letzten Jahres ins Schleudern, als ihre deutschen Mitbewerber noch vom Boomjahr 2000 schwärmten. Nach der Pleitewelle zahlreicher kleiner Internetfirmen waren die Onlinesparten großer Konzerne wie Disney, AOL Time Warner und der New York Times dran. AOL Time Warner verkündete zum Jahreswechsel 2000/2001 massive Einsparungen bei seinem Zugpferd CNN-online. Weniger später gab Rupert Murdochs News Corp. die Schließung ihrer 1997 gegründeten Tochter News Digital Media bekannt – 200 Beschäftigte mussten gehen.

Selbst Renommee schützt nicht vor Einsparungen. Im Januar 2001 erhielten 69 Online-Mitarbeiter der New York Times den "pink slip", ihr Kündigungsschreiben. Die Jahresbilanz 2000 der New York Times Digital ist typisch für die Internet-Ökonomie: Der Gewinn stieg rasant von 15 auf 37,2 Millionen Dollar. Die Verluste wuchsen jedoch noch schneller – von 17,8 Millionen Dollar 1999 auf 46,2 Millionen Dollar im Jahr 2000. Die personelle Aufstockung des Online-Sparte baute auf wachsende Einnahmen durch Banner-Werbung; diese blieben aus, weil die Dotcom-Unternehmen sich keine kostspieligen Werbekampagnen mehr leisten konnten.

Ein besonders eindringliches Beispiel für den Niedergang der Online-Publikationen lieferte das IT-Fachmagazin Industry Standard. Es führt auf seiner Seite einen so genannten "Layoff-Tracker", der die Zahl der Entlassungen zählt. Am achten Januar 2001 trieb der Industry Standard selbst die Zahl nach oben: die Zeitschrift feuerte 36 Mitarbeiter, ein Siebtel seiner Online-Belegschaft. Der Abwärtstrend beschleunigte sich nach den Terroranschlägen: im Herbst 2001 entließen ABC.com und ABC News.com Redakteure. Nicht einmal Sex und Erotik, ansonsten eine sichere Bank im Internet, verkaufen sich mehr. Der US-Verlag Playboy Enterprise teilte im Oktober mit, er werde 90 Stellen streichen, die Hälfte davon im Online-Bereich.

Spätes Erwachen

Auf der anderen Seite des Atlantiks kam das böse Erwachen mit einigen Monaten Verspätung: Der großankündigte Internet-Auftritt bild.de wurde monatelang verschoben und verschlang Millionenbeträge – laut dem "Spiegel" rund 30 Millionen allein im Jahr 2001. Von den 100 vorgesehenen Redakteursstellen bleiben wohl nur 20 übrig. Der Springer-Verlag kooperiert nun mit dem Provider T-Online, um über dessen Website seine Inhalte an den Surfer zu bringen. Auch der Burda-Verlag und die Verlagsgruppe Milchstrasse legen ihre verlustreichen Internet-Töchter zum neuen Internet-Medienkonzern Tomorrow Focus AG zusammen. Das Unternehmen soll Online-Content vermarkten, aber auch technische Lösungen liefern und externe Kunden betreuen.

Inhalte zum Nulltarif

Mit Online-Journalismus in seiner derzeitigen Form ist kein Geld zu verdienen. Die New York bietet deshalb bestimmte Inhalte nur gegen Bezahlung, etwa das legendäre Kreuzworträtsel. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überlegte man zwischenzeitlich, das erst zu Jahresanfang aufgelegte Internet-Angebot FAZ.NET kostenpflichtig zu machen. Mit einer Beschränkung der kostenfreien Inhalte würden sich die Verlage wohl aber ins eigene Fleisch schneiden: Die für Werbung relevante Zahl der Clicks ginge drastisch zurück.

Die Preise für Banner-Werbung sind ohnehin schon im Keller. Der Internet-Dienstleister Tomorrow Internet AG sah Ende September 2001 für die nähere Zukunft keine wesentliche Belebung des deutschen Online-Anzeigengeschäfts. Online-Publishing wird so auch mittelfristig ein Zuschussgeschäft bleiben. Prognosen rechnen mit ersten Gewinnen im Jahr 2010. Als einzige Lösung bleibt für die Verlage wohl die "Content Syndication", die Mehrfach-Vermarktung der eigenen Inhalte, oder aber die Platzierung von exklusiven Inhalten gegen Bezahlung. Problem: Die verwöhnten Nutzer müssen mitziehen. (jf)

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  • Datum 29.11.2001
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1Q07
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