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Amerika

"Sie haben mich wie Christus gekreuzigt"

Juan Carlos Herrera Acosta verbrachte zwölf Jahre in kubanischen Gefängnissen. Der Dissident ist mit der jüngsten Entlassungswelle freigekommen und warnt davor, dem Castro-Regime Zugeständnisse zu machen.

Juan Carlos Herrera Acosta (Foto: DW/ Heiner Kiesel)

Juan Carlos Herrera Acosta spricht leise, oft mit brüchiger Stimme. Der schlanke 44-Jährige sitzt dabei fast starr auf seinem Stuhl. Er hält sich an den Lehnen fest, dann knetet er wieder seine Hände. Er ist freier Journalist und aktiv in einer ganzen Reihe von kubanischen Menschenrechtsgruppen. Sein Einsatz für Meinungsfreiheit und Menschenrechte hat ihn über zwölf Jahre ins Gefängnis gebracht. "Wenn ich das Gefängnis nenne, dann ist das ja eigentlich eine Beleidigung für jedes normale Gefängnis - ich sollte Vernichtungszentrum sagen."

Sylvia Iriondo l. und Janisset Rivero Gutiérrez (Foto: DW/Heiner Kiesel)

Sylvia Iriondo, Präsidentin von "Madres y Mujeres Anti-Represión" und Janisset Rivero Gutiérrez vom "Directorio Democrático Cubano"

Während seiner Haft wurde der Oppositionelle mehrmals verlegt. Die Gefängnisse Kubas stehen den Foltereinrichtungen der Nationalsozialisten und des Stalinismus in nichts nach, sagt er. Herrera Acosta deutet auf seine Hände, die Haut ist fleckig und narbig. "Das kommt durch die Haft. Sie haben mich rumgeschleift, die Hände auf den Rücken gefesselt, geschlagen, getreten, wie einen Jesus gekreuzigt, ich musste auf mich selbst urinieren und koten." Sein Oberkörper sei von der unmenschlichen Behandlung gezeichnet. "Mit Schlagstöcken und was Ihnen in die Hände gekommen ist, haben sie mich geschlagen." Mehrmals sei er in Hungerstreik getreten, um auf die Unfreiheit in Kuba hinzuweisen. Herrera Acosta deutet auf die senkrechten hellen Narben auf seinen Lippen. "Ich habe mir aus Protest den Mund acht Mal mit Draht zugenäht."

Wird es demokratischer auf Kuba?

Herrera Acosta ist kürzlich freigekommen - zusammen mit 26 anderen politischen Gefangenen, weitere sollen folgen. Die Entlassung ist unter Vermittlung der katholischen Kirche zustande gekommen und hat neue Hoffnungen geweckt, dass die Regierung in Havanna zu einer weiteren Öffnung des Systems bereit sein könnte. Es ist ein Novum im politischen Geschehen Kubas, dass die Kirche als politischer Akteur auftritt und mit Staatschef Raúl Castro verhandelt. Und auch die jüngste Kritik von dessen Bruder, Fidel Castro, am kommunistischen Wirtschaftssystem - "es funktioniert nicht einmal bei uns selbst" - deutet in diese Richtung.

Kubas Ex-Staatschef Fidel Castro am 8. August im Gespräch mit Journalisten (Foto: AP)

Auch Fidel Castro kommen Zweifel am Wirtschaftssystem Kubas

Herrera Acosta zieht die Schultern nach oben, wenn er auf die Reformbereitschaft der kubanischen Regierung angesprochen wird. Nach seinen Erlebnissen kann er nicht daran glauben, dass sich unter den Castros Reformen realisieren lassen. "Das ist doch nur Augenwischerei, nur für das Image", sagt der Ex-Häftling. Die Bürgerrechtlerin Janisset Rivero Gutiérrez vom "Directorio Democrático Cubano" in Miami sieht das auch so, denn "die Castros brauchen Geld, um an der Macht zu bleiben und das Volk weiter zu knechten". Kuba stehe an einem Scheideweg, meint Sylvia Iriondo, Präsidentin der Nichtregierungsorganisation "Madres y Mujeres Anti-Represión", "entweder, man stellt sich jetzt auf die Seite des unterdrückten kubanischen Volkes oder man gibt dem korrupten System neuen Sauerstoff."

Oppositionelle fordern Europäische Union zur Härte auf

Die drei Oppositionellen reisen derzeit durch Europa und suchen das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Sie treten für eine harte Haltung der EU gegen Kuba ein. "Die Europäer müssen unbedingt ihre gemeinsame Position beibehalten", sagt Rivero Gutiérrez und bezieht sich damit auf eine EU-Regelung, die die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu der Insel solange einschränkt, bis sich demokratische Reformen abzeichnen und die politischen Häftlinge freikommen. "Mit dem Regime kann man nicht verhandeln", sagt Sylvia Iriondo bestimmt.

Portrait Günther Maihold (Foto: Stiftung Wissenschaft und Politk)

Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin

Die Skepsis der Kubaner wird auch von dem deutschen Politikwissenschaftler Günther Maihold geteilt. Er ist Lateinamerikaexperte und stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Ich kann insgesamt nicht erkennen, dass diese Freilassungen etwas mit einer Öffnung des Systems zu tun haben", stellt Maihold fest, "das ist ein krisengetriebenes Verhalten der politischen Klasse in Kuba, die nach Kassenlage Wirtschaftsreformen einleitet, aber letztlich kein umfassendes Transformationskonzept für das Land besitzt."

Allerdings beobachtet Maihold, dass sich Kuba derzeit in einer außergewöhnlichen Situation befindet. Das Land ist nahezu bankrott und in der Person des derzeitigen Staatschefs Raúl Castro sieht der Lateinamerika-Beobachter nur eine "Übergangsfigur". Was die gemeinsame Haltung der EU angeht, ist Maihold weniger dogmatisch: "Das ist eine moralische Frage ohne große Wirkung - wichtig ist letztlich, was die USA machen."

Autor: Heiner Kiesel

Redaktion: Oliver Pieper