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Afrika

"Sie drohte damit, mich umzubringen"

Die Nigerianerin Joy K. suchte ein besseres Leben in Italien - und geriet in die Hände skrupelloser Menschenhändler. Nun will sie gegen ihre ehemaligen Peiniger vorgehen. Trotz aller Gefahren für ihr eigenes Leben.

Deutsche Welle: Warum haben Sie Ihre Heimat Nigeria verlassen?

Joy K.: Das lag vor allem an den Bedingungen hier, unter denen ich leben musste. Damals wusste ich natürlich noch nicht, was diese Reise bedeutet und dass ich am Ende als Prostituierte ende. Ich bin mit großen Hoffnungen aufgebrochen. Ich wollte damit auch das Leben meiner Familie hier in Nigeria verändern. Allerdings dauerte es nicht sehr lange, bis ich verstanden habe, dass meine Träume nicht in Erfüllung gehen würden.

Wann haben Sie gemerkt, in was für eine Lage sie hineingeraten sind?

Als ich in Italien in dem Haus der Nigerianerin, bei der ich leben und als Babysitterin arbeiten sollte, ankam, war sie noch sehr nett. Ich habe mich allerdings schon gewundert, dass dort so viele andere junge Nigerianerinnen waren. Nach zwei Tagen kam sie mit Kondomen, einem kurzen Rock und einem BH an. Sie meinte, dass sei jetzt meine Arbeitskleidung. Ich sagte ihr, dass ich sie nicht verstünde. Dann erklärte sie mir, dass ich auf der Straße arbeiten müsse. Als ich ihr sagte, dass ich das auf keinen Fall tun könne, wurde sie sehr wütend. Ich habe nur noch geweint. Ich konnte wirklich nicht glauben, dass sie mich auf den Strich schicken wollte. Ich war zu der Zeit erst 17 Jahre alt.

Wie sind Sie damals überhaupt bis nach Italien gekommen?

Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich durch Agadez im Niger gekommen bin. Dort war es schrecklich. Die Schleuser, nigerianische Männer, haben sich uns untereinander aufgeteilt - sie haben auch mit Schwangeren geschlafen. Wir waren insgesamt zu siebt. Ungefähr zwei Wochen habe ich da verbracht. Danach war ich noch in Algerien und in Marokko. Dann bin ich in Spanien angekommen und von dort ging es weiter nach Italien. Aber an vieles kann ich mich nicht mehr erinnern - das hatte alles die "Madame" (nigerianische Zuhälterinnen an der Spitze der Schleuser-Netzwerke, Anmerk. d. Red.) organisiert.

Mit welchen Reisedokumenten sind Sie damals gereist?

Ich hatte einen Pass, auf dem ein anderer Name stand. Aber das Mädchen auf dem Foto sah mir sehr ähnlich.

Können Sie uns mehr darüber erzählen, wie die "Madame" sie behandelt hat, als sie in Italien angekommen sind?

Wie gesagt, die ersten beiden Tage war sie noch sehr nett zu mir. Da dachte ich noch, ich soll auf ihr Kind aufpassen. Sie ist mit einem Italiener verheiratet und sie haben Kinder zusammen. Erst als ich mich weigerte, mich zu prostituieren, fing sie an, mir zu drohen. Sie hatte Haare von mir und drohte mir mit Juju (ein in Südnigeria weit verbreiteter Glaube an magische Kräfte, Anmerk. d. Red.). Sie meinte, sie hätte sogar die Fähigkeit, mich damit zu töten, wenn ich zur Polizei gehe. Nach einer Woche habe ich dann angefangen, auf den Strich zu gehen.

Porträt Joy K. (Foto: Kriesch/Scholz)

Wieder zurück in Nigeria: Joy K. wurde Opfer von Menschenhändlern

Wie sahen dann Ihre Tage in Italien aus?

Tagsüber habe ich geschlafen. Abends gegen sechs Uhr bin ich auf den Strich gegangen und morgens gegen sechs Uhr bin ich zurückgekommen. Oft hat die "Madame" dann sogar für uns gekocht, sie konnte auch nett sein. Aber ich kann mich erinnern, dass ich ihr einmal nicht genug gezahlt habe. Da fing sie an, mich zu schlagen.

Mussten Sie Ihren ganzen Verdienst abgeben?

Ja, das ganze Geld. Sie hat mir gesagt, dass ich ihr 45.000 Euro für die Reise schulde und ich ihr das alles zurückzahlen muss.

Was waren ihre schlimmsten Erfahrungen in Italien?

Einmal, noch ziemlich am Anfang, kam ein Mann zu mir und wollte ohne Kondom mit mir schlafen. Damals habe ich noch nicht so gut Italienisch verstanden, deshalb habe ich auf seine Fragen einfach immer nur mit "ja" geantwortet. Als ich mich dann weigerte, ohne Kondom mit ihm zu schlafen, hat er eine Waffe gezogen und mich damit bedroht. Da hatte ich keine Chance mehr.

Haben Sie nie Ihrer "Madame" von den schlimmen Erfahrungen auf dem Strich erzählt?

Ja, aber sie hatte wenig Mitleid. Sie meinte nur: So sei das halt in dem Geschäft. Und dass sie früher auch das gleiche wie ich durchmachen musste. Ich habe mich so schlecht gefühlt, aber ich wusste nicht, was ich machen sollte. Irgendwann habe ich das alles einfach akzeptiert.

Was würden Sie jungen Nigerianerinnen sagen, die wie sie damals nach Europa gehen wollen?

Ich weiß, dass Nigeria kein einfaches Land ist, aber in Europa ist es für uns auch nicht einfach. So viele landen in der Prostitution. Das bedeutet, dass man jede Nacht mit Fremden schlafen muss. Und nicht mit einem oder zwei Männern, sondern mit fünfzehn, manchmal sogar achtzehn. Jede Nacht. Mein einziger Ratschlag ist, es nicht zu machen - nicht das durchzumachen, was ich durchgemacht habe.

Was denken Sie heute über ihre "Madame"? Würden Sie sie gerne im Gefängnis sehen?

Es geht ja nicht nur um meine "Madame". Es gibt so viele von ihnen. Und wenn sie mit ihrer schmutzigen Arbeit fertig sind, dann ziehen sie einfach weiter an einen anderen Ort. Nigeria und Italien müssen viel mehr tun, um das Problem zu bekämpfen. Es gibt so viele "Madames", die noch viel grausamer sind als meine. Wenn ich manchmal mit Freunden spreche, sagen sie, dass ich noch Glück hatte. Ich weiß nicht, ob ich sie im Gefängnis sehen will. Sie hat kleine Kinder, die dann ohne ihre Mutter aufwachsen müssten. Aber sie sollten sie zumindest aus Italien abschieben, so dass sie anderen jungen Frauen nicht mehr das antun kann, was sie mir angetan hat. Und ich bin bereit, mit allen Informationen, die mir zur Verfügung stehen, dabei zu helfen.

Joy K. (Name v. d. Red. geändert) wurde vor einem Jahr von den italienischen Behörden auf dem Straßenstrich aufgegriffen und in ihre Heimat Nigeria abgeschoben. Dort versucht sie sich nun mit einem kleinen Lebensmittelladen eine neue Existenz aufzubauen. Ihre Informationen waren der Ausgangspunkt unserer Recherchen für eine fünfteilige Serie über die Drahtzieher des nigerianischen Menschenhandels.