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Kultur

Sichten auf das Ruhrgebiet

Elf international renommierte Fotografen, die alle etwas mit dem Ruhrgebiet zu tun haben, zeigen ihre subjektive Sichtweise auf die Region: in der Ausstellung "Ruhrblicke" auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen.

Großformatiges Foto des Sanaa-Gebäudes, im Sanaa-Gebäude ausgestellt. Foto: Sola Hülsewig

Man blickt von einer Brüstung aus weit nach unten, in einen zylindrischen Raum. Die Wände sind aus rauem Beton, Schläuche führen nabelschnurartig nach unten, man kann ein paar Baugerüste ausmachen. Neonröhren tauchen einige Stellen des Bildes in gleißendes Licht und sorgen für starke Kontraste. Man fühlt sich an eine Raumstation erinnert.

Das Schild neben dem Foto verschafft Klärung: Abgebildet ist ein stillgelegtes Atomkraftwerk. Thomas Struth war von dem Motiv fasziniert: "Da sind die Dimensionen einfach ganz eigenartig und vermitteln einem mehr von der Gefahr und der Unheimlichkeit, die so ein Atomkraftwerk hat". Von außen, sagt er, sehen Atomkraftwerke glatt und abstrakt aus. "Durch die Perspektive, die ich gewählt habe, kommt der bedrohliche Aspekt des Bauwerks zur Geltung".

Bilder von Thomas Struth: Atomkraftwerk Würgassen. Foto: Sola Hülsewig

Das Atomkraftwerk Würgassen von innen. Arbeiten des Fotografen Thomas Struth

Fußball und Bergbau sind nicht alles

In zweien seiner Bilder hat sich Thomas Struth mit Energie befasst und greift damit ein Thema auf, das im Ruhrgebiet besonders brisant ist. Denn der Strukturwandel - weg von Kohle und Stahl - steckt der Region immer noch in den Knochen.

Jedes der Bilder zeigt andere Aspekte der Gegend. Die elf Fotografen haben schließlich ganz unterschiedliche Hintergründe und gehören zu verschiedenen Generationen. Was sie verbindet, ist der Ruhrpott – ob sie dort leben oder sich in ihrer Arbeit mit der Region befassen. Dementsprechend vielfältig sind die "Blicke" auf das Ruhrgebiet. Es geht um bekannte Klischees der Region, wie Fußball und Bergbau – Andreas Gursky widmet sich in seinen großformatigen Bildern diesen Themen. Andererseits zeigen viele Bilder auch Ausschnitte, die abseits der Stereotype liegen und trotzdem bezeichnend für das Ballungsgebiet sind: Innenräume öffentlicher Gebäude zum Beispiel bei Candida Höfer.

"Das Besondere an den Ruhrblicken ist, dass sehr viele neue Arbeiten zu sehen sind, die speziell für dieses Projekt angefertigt wurden", sagt Thomas Weski, Kurator der Ausstellung. Die einzigen Bilder, die schon vorher existiert haben, sind die Werke des Ehepaars Bernd und Hilla Becher, die ihr Leben lang Industriebauten im Ruhrgebiet, Europa und den USA fotografiert haben. "Man kann sich hier einen Überblick über die Strömungen zeitgenössischer Fotografie im dokumentarischem Bereich verschaffen, die aber immer ein Thema behandelt: das Ruhrgebiet", so Wesky.

Zwei Menschen vor Foto von Fankurve im Signal-Iduna-Stadion in Dortmund. Foto: Sola Hülsewig

Das Ruhrgebiet lebt den Fußball, Andreas Gursky hält das fest: Borussia-Dortmund-Fans im Stadion

Japanischer Kubus als Ausstellungsort

Die Räume, in denen die Bilder zu sehen sind, sind ungewöhnlich: Das japanische Architekturbüro Sanaa hat den hellgrauen Kubus auf dem Gelände der Zeche Zollverein gebaut. 2006 eröffnen, wurde der Bau bis jetzt nur sporadisch genutzt. Große Fenster durchbrechen in unregelmäßiger Anordnung die Fassade. Die großzügigen Innenräume sind lichtdurchflutet. Gleichzeitig wirken die Fenster wie Bilder an der Wand, die Blicke auf die Zeche, eine Wohnsiedlung und die wilde Natur einrahmen und so eine interessante Ergänzung zu den Fotos bilden.

Sanaa-Gebäude: ein weißer Kubus mit verstreuten Fenstern. Foto: Sola Hülsewig

Das Sanaa-Gebäude

Durch temporär eingezogene Wände hat jeder Fotograf seine eigenen Räume, die aber trotzdem offen zu den anderen sind. Jitka Hanzlová hat ihre Wände mit kleinformatigen Bildern behängt. Sie zeigen oft Natur in Verbindung mit Menschen oder menschlichen Spuren, zum Beispiel verwitterten Hausfassaden: "Hier ist die Natur in einer sehr widersprüchlichen Weise platziert, sie wächst in einer urbanisierten Umgebung und wirkt auf sie ein", erklärt die Künstlerin.

Ein persönliches Portrait der Wahlheimat

Jitka Hanzlovás Arbeiten sind dort entstanden, wo sie lebt: in Essen. Ihre Bilder lenken auf unaufdringliche Art den Blick auf das Besondere und Eigentümliche der Region, die mit großen Problemen wie hoher struktureller Arbeitslosigkeit und dem Strukturwandel zu kämpfen hat – in der aber auch großes Potential steckt. Ihre Portraits von Menschen ganz unterschiedlicher Altersklassen in ihrer gewohnten Umgebung scheinen das Wesen jedes Einzelnen einfühlsam hervorzuheben und zu würdigen.

Jitka Hanzlová vor einem ihrer Bilder, auf dem ein alter Mann zu sehen ist. Foto: Sola Hülsewig

Hanzlová und eines ihrer Bilder

Aus ihrer tschechischen Heimat kam Jitka Hanzlová 1993 ins Ruhrgebiet – und ist geblieben. "Ich mag Widersprüche, und die gibt es hier", sagt sie. Wie auch die anderen Künstler der "Ruhrblicke“ hat sie eine besondere Beziehung zu ihrer Wahlheimat aufgebaut. In allen Bildern ist dies deutlich zu spüren.

Autorin: Sola Hülsewig
Redaktion: Aya Bach

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