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Wissen & Umwelt

"Sicherungssysteme haben total versagt"

Die Ölpest im Golf von Mexiko hat die Küste der USA erreicht. Wie konnte es zur Katastrophe kommen? Im Interview mit DW-WORLD.DE gibt Prof. Lorenz Schwark Auskunft. Er ist Geochemiker an der Universität Kiel.

Rauchsäule über dem Meer (Foto: AP)

Nach einer Explosion versank die Ölplattform "Deepwater Horizon" im Meer

DW-WORLD.DE: Seit dem Unfall strömen jeden Tag erhebliche Mengen Rohöl ins Meer. Die Rede ist von rund 600 Tonnen. Dazu kommen Chemikalien. Wie kann ein Ökosystem so etwas verkraften?

Prof. Dr. Lorenz Schwark (Foto: Universität Kiel)

Prof. Lorenz Schwark

Lorenz Schwark: Das Ökosystem kann das nicht besonders gut verkraften. Solch große Mengen Öl können nur abgebaut werden, wenn entsprechend viele Mikroorganismen vorhanden sind, die das Öl auffressen. Im Golf von Mexiko gibt es zwar solche Mikroorganismen, davon kann man ausgehen, denn es gibt natürliche Austritte von Rohöl im Golf von Mexiko. Aber die Mikroorganismen sind natürlich nicht in der Größenordnung vorhanden, die man braucht, um 600.000 Liter Rohöl pro Tag abzubauen.

Man hat das Öl, das sich auf See befindet, angezündet. Ist das eine Lösung?

Wenn man das Öl nicht mit mechanischen Geräten von der Wasseroberfläche entfernen kann – zum Beispiel mit speziellen Schiffen, die das Öl abschöpfen – dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, Bindemittel auf der Wasseroberfläche auszustreuen. Das Öl wird dann gebunden und sinkt als Teerklumpen auf den Meeresgrund. Das ist aber nur eine Verlagerung de Problems, denn am Meeresboden wird es sicherlich Jahrzehnte dauern, bis das Öl abgebaut ist.
Die andere Alternative ist, dass man das Öl auf dem Wasser abbrennt. Diese Technik ist nach meinem Kenntnisstand bisher nicht sehr oft angewendet worden. Das ist die "ultima ratio", also die letzte Möglichkeit, zu der man greifen kann. Sie ist mit vielen Konsequenzen verbunden. Das Öl verbrennt nicht vollständig, sondern es werden Rußpartikel gebildet, die durch die Luft transportiert werden und an Land ein Gesundheitsrisiko erzeugen. Außerdem könnte der Ruß- oder Ascheregen sich im Meer verbreiten, dort absinken und die Umgebung vergiften.

Nach einer Dauerlösung für die großen Mengen Öl, die dort im Moment austreten und vielleicht ja sogar noch über Monate hinweg austreten werden, klingt das nicht.

Nein, das ist auf keinen Fall eine langfristige Lösung. Die einzige langfristige Lösung besteht darin, dass man eine Entlastungsbohrung anbringt, die den Druck aus dem Förderrohr herausnimmt, damit keine Flüssigkeit mehr an die Oberfläche gedrückt wird. Wenn man es schafft, den Ausstrom abzuleiten und den Druck zu reduzieren, kann man das Bohrloch mit Zement verschließen. Das ist die einzige Möglichkeit, den Ölaustritt ultimativ zu stoppen. Alle anderen Möglichkeiten sind nur dazu da, akute Gefahren kurzfristig abzuwenden.

Brennende Ölplattform Deepwater Horizon (Foto: AP)

Vergeblich versuchten Helfer das Feuer zu löschen

Warum strömt das Öl jetzt am Meeresboden auf natürlichem Wege aus? Das hat es ja vorher nicht getan, bevor man die Quelle angebohrt hat.

Die Ölquelle liegt rund 1.500 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Ölvorkommen sind dort von einer dicken Salzschicht bedeckt. Unter dieser Schicht kann sich ein sehr hoher Druck aufbauen. Kohlenwasserstoffe, Gase und Öle werden aus dem Gestein freigesetzt und vergrößern sehr schnell ihr Volumen. Das erzeugt den hohen Druck. Perforiert man also die Deckschicht, so schießen die Flüssigkeiten, die eine geringere Dichte besitzen, an die Oberfläche.

Der Druck muss wirklich sehr groß sein, denn der auf der Quelle lastende Druck des Wassers ist schon sehr groß, aber auch der schafft es nicht, das Öl in der Quelle zu halten.

Nein, das schafft er nicht. Bohrkopf und Bohrgestänge befinden sich in einem Bohrungsschacht, der mit Flüssigkeit gefüllt ist. Die Flüssigkeit kühlt den Bohrkopf und treibt das los gebohrte Material an die Oberfläche. Sie dient aber auch als Gegengewicht für nach oben strömende Flüssigkeiten. Bei der Bohrung im Golf von Mexiko ist technisch etwas schief gelaufen: Es ist sehr schnell sehr viel Gas in den Bohrungsschacht eingedrungen, hat die schwere Flüssigkeit verdrängt und daraufhin ist das Ganze kollabiert.

Ist die Technik noch nicht ausgereift? Oder sind wir mittlerweile an die Grenzen der Fördertechnik gestoßen?

Ölpest Luftaufnahme(Foto: AP)

In dicken Schlieren treibt das Öl durch den Golf

Die Technik ist relativ ausgereift. Man muss hier noch einmal ausdrücklich betonen, dass es bei dieser Art von Bohrvorhaben – am Land und im Wasser – eigentlich automatische Sicherungsvorrichtungen gibt, die das Bohrloch verschließen, wenn es zu solch einem Überdruck-Austritt kommt. Das sind so genannte "Blow-Out-Preventer". Hier gab es ein technisches Versagen, bei dem nicht nur der Bohrvorgang selbst nicht vernünftig funktioniert hat, sondern auch die automatischen Sicherheitsvorkehrungen komplett versagt haben. Das ist sehr ungewöhnlich. Hier muss man die kritische Frage stellen: Warum haben die "Blow-Out-Preventer" nicht funktioniert?

Das Gespräch führte Jörg Brunsmann
Redaktion: Andreas Ziemons

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