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Kultur

Sicher ist sicher

Bitter für die deutsche Landwirtschaft: Nach Maul- und Klauenseuche, BSE, Schweinepest und Nitrofen-Skandal geht es mit der Geflügelpest nun auch den Hühnern an den Kragen.

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Seuchengefährdete Spezies: Legehennen

Vorbei die sorgloseren Zeiten, als sich die Zentralstelle für Agrainformation darüber freuen durfte, dass Bundesverbraucherministerin Renate Künast "Kater Krümels Bauernhof - die bunte Spielekiste" an zwei Berliner Kindergärten übergab. Oder dass das Dünge-Lexikon nun auch im Internet einsehbar ist. Schon wieder hat die Agrarwirtschaft ein gewaltiges Problem: Die in Nordrhein-Westfalen (NRW) ausgebrochene Geflügelpest kann vielleicht gerade noch rechtzeitig eingedämmt werden, bevor es zu einer katastrophalen Epidemie kommt. Die direkten Schäden der Landwirte werden von den Tierseuchenkassen der Bundesländer getragen – doch der Imageschaden für die Landwirtschaft wird erneut verheerend sein. "Der unmittelbare Schaden mag ersetzbar sein, aber der Vetrauensverlust ist enorm", sagt der Viersener Landrat Hans-Christian Vollert (CDU) vom betroffenen Landkreis in NRW.

Flugverbot für Brieftauben

Geflügelpest in Nordrhein-Westfalen

Spezialkräfte desinfizieren ein Auto auf einem Hof in Schwalmtal, an der deutsch-niederlaendischen Grenze, Freitag 9. Mai 2003. Die Hühner auf diesem Hof mussten nach dem Verdacht auf Geflügelpest getötet werden.

Die am 10. Mai 2003 erlassene Tierseuchenverordnung bedeutete den Einbruch der Katastrophe in die niederrheinische Provinz. Über den Kreis Viersen, wo ansonsten die Veranstaltung "Offene Gartenpforte" und die neuen Angebote des Kreiswandertages für nur dezente Aufregung sorgen, brach ein wahres Horrorszenario ein: Ein Sperrbezirk wurde eingerichtet, Männer in Schutzanzügen desinfizieren Fahrzeuge, Ställe und Personen, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr und Polizei sind im Dauereinsatz, Bauern bangen um ihre Existenz, Fernseh-Teams suchen ihre Story - ein Kreis im Ausnahmezustand. Sogar ein Flugverbot für Brieftauben wurde erlassen.

Seit dem 13. Mai 2003 steht es nun auch offiziell fest: In Deutschland wütet derselbe Erreger der Geflügelpest wie in den Niederlanden, gab der Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium, Alexander Müller, bekannt. Mit dem Hubschrauber waren die Proben in die Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen auf der Ostseeinsel Riems geflogen worden – man wollte sich wohl nicht nachsagen lassen, zu langsam zu handeln. Es zeugt aber auch von dem Respekt, den man vor den verheerenden Folgen der Geflügelkrankheit völlig zu Recht hat – obwohl der Virus beim Menschen nur sehr selten zu einer Erkrankung führt. Der Verzehr von Geflügelprodukten sei sogar völlig unbedenklich, wie von allen Seiten versichert wird.

Sterblichkeit zwischen 80 und 100 Prozent

In den Niederlanden grassiert die Seuche bereits seit dem 28. Februar 2003. Bisher sind 26 Millionen Hühner – etwa die Hälfte des gesamten Bestandes der Niederlande - der Krankheit zum Opfer gefallen oder wurden vorsorglich getötet. Schnell wurde festgestellt, dass es sich um die "klassische Geflügelpest" oder "Hochpathogene Aviäre Influenza" handelt. Auf das Federvieh wirkt dieser Virus verheerend: Zwischen 80 und 100 Prozent der Tiere sterben innerhalb weniger Tage. Nur bei Enten ist die Sterblichkeit deutlich geringer. Die Krankheit ist zudem hoch ansteckend und breitet sich in Windeseile aus. Möglichkeiten der Verbreitung gibt es viele: Die Tiere scheiden den Virus über Kot, Speichel und andere Körperflüssigkeiten aus. Mittels infizierter Transportkisten, Eierkartons und Lieferwagen, aber auch über Menschen und Wildtiere kann der Virus auf andere Bestände überspringen. Aufgrund der Vielzahl der Verbreitungsmöglichkeiten und der schwierigen Verflechtungen der modernen Agrar-Industrie ist es bisher noch unklar, wie der Virus schließlich den Weg nach Viersen fand.

Sicher ist hingegen, dass nur drastische Maßnahmen Erfolg versprechen: NRW-Landesumweltministerin Bärbel Höhn (Bündnis 90/Grüne) hatte nach Abstimmung mit der Europäischen Union beschlossen, im Umkreis von 3000 Metern um den betroffenen Hof in Schwalmtal alle Geflügelbestände vernichten zu lassen. Mehr als 80.000 Tiere wurden in der Gemeinde Schwalmtal mit Gas getötet - beziehungsweise "unschädlich beseitigt", wie es das Verbraucherministerium ausdrückt.

Geflügelpest in Nordrhein-Westfalen

Desinfetionsmaßnahmen auf dem betroffenen Hof in Schwalmtal

Doch nicht nur Puten und Hähnchen, so manchem Wellensittich wird es ebenfalls ans Gefieder gehen, auch das Ziergeflügel in der Drei-Kilometer-Zone rund um den Infektionsherd wird getötet - sicher ist sicher. In einem Umkreis von 20 Kilometern gilt für die nächsten drei Wochen ein totales Transportverbot für Tiere und Geflügelprodukte – ausgenommen gekochte Konsum-Eier. Die EU hat ein Exportverbot für Hühner und Eier aus Nordrhein-Westfalen verhängt – und sogar für Kadaver und Mist.

Aus Erfahrung klug

Gut ein Dutzend Tierärzte untersuchen nun 330 weitere Geflügelbetriebe nach dem Virus, die schon betroffenen Höfe werden desinfiziert. Bisher seien glücklicherweise "keine weiteren Anzeichen der Krankheit" im Umkreis von zehn Kilometern gefunden worden, wie Helmut Theißen vom Kreisveterinäramt Viersen mitteilte. Nachdem in den benachbarten Niederlanden ein Tierarzt an Lungenversagen gestorben ist und 80 Helfer an einer Bindehautentzündung erkrankten, schützt man sich im Kreis Viersen besonders gründlich. "Aus Erfahrung wird man klug", wie es aus dem örtlichen Krisenstab verlautet. Die rund 50 eingesetzten Bekämpfer vor Ort sind mit Schutzanzügen, Atemschutzmasken und Schutzbrillen ausgerüstet, haben eine Grippeimpfung erhalten und nehmen Virenhemmer ein. Zudem wurden Lungenfunktionstests durchgeführt und Röntgenbilder gemacht - sicher ist sicher.

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