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Ostmitteleuropa

Sic transit gloria mundi

- Die drei ehemaligen polnischen Präsidenten nach dem Ende ihrer Amtszeit

Warschau, 13.7.2002, POLITYKA, poln., Ryszard Socha

Alles hat mit der Darstellung von Lech Walesa unter dem Motto "Der Ex -Präsident kehrt an seine Arbeitsstelle als Elektriker zurück" begonnen. Im Januar 1996, kurz nach dem Ende seiner Amtsperiode, machte nämlich Lech Walesa mit seinen Besuchen in der Danziger Werft und seinen Äußerungen, dass er zu seiner Arbeitsstelle zurückkehrt, allen klar, dass der Status der Personen, die das höchste Amt in Polen bekleidet haben, überhaupt nicht geregelt ist. (...)

Erst durch das Ende der Amtszeit des Präsidenten Walesa, dem noch viele Jahre bis zum Ruhestand blieben, wurde deutlich, dass es in der polnischen Gesetzgebung eine Lücke gibt. Dann wurde diese Lücke vom Sejm geschlossen. Die Abgeordneten beschlossen, alle drei polnischen Präsidenten, d.h. Wojciech Jaruzelski, Lech Walesa und den Präsidenten der Exilregierung Ryszard Kaczorowski gleichzustellen. (...)

Wojciech Jaruzelski

Wojciech Jaruzelski hat noch vor der Bekanntgabe der finanziellen Details erklärt, dass er von seiner Generalspension leben möchte. Er beansprucht lediglich die Kosten für die Unterhaltung seines Büros. (...) Am Eingang des Hauses gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich hier das Büro von Wojciech Jaruzelski befindet. Um es zu finden, muss man schon die genaue Adresse kennen. Die zwei Zimmer, die mit einfachen Möbeln eingerichtet sind, dienen nicht Repräsentationszwecken (...)

"Durch dieses Büro bekam ich die Möglichkeit, weiter offiziell zu arbeiten, ich betrachte das als die Fortsetzung meines Dienstes und eine Pflicht, meine Erfahrungen weiter zu geben. Hier werden einige Bücher und sehr viele verschiedene Dokumente, darunter auch Briefe, verwahrt. Ich bekomme hunderte oder sogar tausende von Briefen (...)", erklärt Wojciech Jaruzelski und fügt hinzu: "Durch dieses Zimmer gehen hunderte Personen. Ohne dieses Büro wäre die Unterhaltung der vielen Kontakte, die ich habe, nicht möglich gewesen. Mein Haus hätte diesem Andrang nicht standhalten können". (...)

Im Büro gibt der ehemalige Präsident Polens auch Interviews. Viele Vertreter westlicher Medien, die sich für den gewaltfreien Wechsel des politischen Systems interessieren, wenden sich an den ehemaligen Präsidenten Jaruzelski. (...) Er wird aber auch von Politikern besucht, die heute auf der politischen Bühne aktiv sind. Er möchte jedoch keine Namen nennen. Die Treffen mit prominenten Politikern aus dem Ausland finden jedoch an anderen Orten statt. (...) Er selbst reist auch von Zeit zu Zeit ins Ausland.

Fast die Hälfte des ihm zugesprochenen Betrags in Höhe von 4 000 Zloty (etwa 1025 Euro im Monat) wird für die Miete ausgegeben. Dazu kommen noch Telefonrechnungen, die Kosten für Büromaterial und Briefmarken und das Gehalt für seine Sekretärin. Es kommt sogar vor, dass ihr Gehalt mit einiger Verspätung ausgezahlt wird. Der General nimmt kein Honorar für seine Artikel, die in der Presse veröffentlicht werden. (...)

Die Aktivität des ehemaligen Präsidenten Jaruzelski wird durch seinen Gesundheitszustand eingeschränkt. Seit 1996 war er sieben Mal im Krankernhaus und wurde fünf Mal operiert. Ein weiterer Grund ist die Anklage wegen der Massaker an Arbeitern der Danziger Werft im Dezember 1970, die seit einiger Zeit vor Gericht verhandelt wird.

Ryszard Kaczorowski

Ryszard Kaczorowski, der das Amt des Exilpräsidenten vom Juli 1989 bis Dezember 1990 bekleidete, hat sein Amt gleichzeitig mit Präsident Jaruzelski niedergelegt. Am 22. Dezember 1990 übergab er die Machtsymbole des polnischen Präsidenten, die der Präsident Ignacy Moscicki 1939 mit ins Exil genommen hatte, an Lech Walesa.

Der in London lebende Ex-Präsident, der von Beruf Buchhalter ist, erhält das Geld für die Unterhaltung seines Büros aus Warschau in englischer Währung. Seine Pension wird ihm jedoch in Zloty ausbezahlt. (...) Sein Büro befindet sich in Hammersmith, einem Londoner Viertel, das in der Vergangenheit von vielen Polen bewohnt war. (...) Der ehemalige Präsident kommt zwei Mal pro Woche hier hin und empfängt Besuche. Um ein Gespräch mit ihm bemühen sich vor allem Wissenschaftler, Militärangehörige, Politiker, Kriegsveteranen und Aktivisten der Selbstverwaltung.

Ryszard Kaczorowski fährt ein Mal pro Monat nach Polen. Er ist Vorsitzender des Rates für das Archiverbe und Mitglied des Rates für die Erinnerung an den Kampf und das Martyrium. Seine Auslandsreisen sind hauptsächlich mit Jubiläumsfeiern und Veranstaltungen verbunden, die von den Polen im Ausland oder von den Kriegsveteranen organisiert werden (...)

Die Zahl der Briefe und Faxe, die der Ex-Präsident bekommt, wird von seinen Mitarbeitern auf mehrere Dutzend pro Woche geschätzt. Dabei überwiegen Angelegenheiten, die mit den Kriegsveteranen verbunden sind, Bitten um materielle Unterstützung sowie Einladungen und Anfragen nach der Schirmherrschaftsübernahme bei verschiedenen Veranstaltungen als auch Fragen von Personen, die an historischen Abhandlungen arbeiten. Die Bitten um finanzielle Unterstützung kommen ausschließlich aus Polen. Die Polen, die jenseits der polnischen Ostgrenze leben, klagen über den Mangel an moralischer Unterstützung und darüber, dass die Polen, die jenseits der Westgrenze leben, eine wichtigere Rolle als sie spielen.

Lech Walesa

Lech Walesa, der nach seiner Amtszeit zuerst nur eine Ecke am Sitz der Gewerkschaft Solodarnosc in Danzig als Bürofläche zur Verfügung gestellt bekommen hatte, zog zuerst in das Zak-Gebäude und dann in das "Grüne Tor" in Danzig um. (...) Im Herbst 2000, als die Renovierung des Grünen Tors beschlossen wurde, sagte er bestimmend: "Ich gehe nirgendwo anders hin. In dieses Büro habe ich mehrere Millionen Zloty investiert und ihm mein Herz geschenkt. Diese Räumlichkeiten sind sehr schön und wurden frisch renoviert. Schönere Zimmer gibt es nicht einmal in Belweder" (Sitz des Präsidenten - MD.). (...)

Am 23. Januar 2002 ist jedoch ein Teil des Gebäudes eingesackt. "Wir haben den Zugang zu den Computeranlagen, zum Archiv und anderen Bürogeräten verloren. Wir haben jedoch die Hoffnung, dass wir dort Ende Juli wieder einziehen können", sagt Ewelina Wolanska, Direktorin des Büros von Lech Walesa.

Über die Probleme mit dem Büro von Lech Walesa haben wir vor kurzem berichtet, aber nicht davon, wie viele Briefe er bekommt. Täglich erhält er nämlich zwischen acht und zehn Briefe. Darunter gibt es sehr viele Bitten um finanzielle Unterstützung mit ausführlicher Beschreibung der Notlage des Verfassers. Einen großen Teil der Korrespondenz bilden jedoch die nicht nur anonymen Briefe, die den Zorn, den Ärger und die Feindschaft der Verfasser gegenüber Lech Walesa zum Ausdruck bringen. Er bekommt nämlich viel mehr negative Gefühle zu spüren als Wojciech Jaruzelski. Lech Walesa bekommt aber auch Post von Neidern oder von Menschen, die sich durch die Veränderungen, die von der Gewerkschaft Solodarnosc initiiert wurden, benachteiligt fühlen.

In sein Danziger Büro kommen - ähnlich wie im Falle der zwei anderen Präsidenten – hauptsächlich Journalisten, wobei die ausländischen Vertreter der Medien öfter als die polnischen Journalisten um einen Termin bitten. (...)

Auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen antwortet Lech Walesa: "Ich werde genau dasselbe weiter machen, was ich bisher gemacht habe. Ich war verfolgt und inhaftiert und dann wurde ich zum Präsidenten gewählt. Jetzt bin ich ein Ex-Präsident. Ich mache immer dasselbe. Wohin mich das jedoch führen wird, das weiß ich nicht." (sta)

  • Datum 18.07.2002
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