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Asien

"Showdown gegen ein Symbol"

Das Ende von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden ist das beherrschende Thema auf den Meinungsseiten der deutschen Tageszeitungen. Die Kommentatoren denken über die Frage nach: Was bedeutet sein Tod und welche Folgen hat er?

Titelseiten deutscher Tageszeitungen (Foto: picture alliance / dpa)

Die Frankfurter Rundschau warnt in ihrem Leitartikel "Showdown gegen ein Symbol" davor, den Tod Bin Ladens als Erfolg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus überzubewerten:

"Die Jagd auf Bin Laden – "dead or alive" – mag am Ende zwar das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung befriedigen. Eine gerechte Ordnung wieder herstellen, das Leid der Opfer tilgen oder gar neuen Terror verhüten – all das kann der "erfolgreiche" Einsatz der US-Spezialeinheit im pakistanischen Abbottabad nicht. Im Gegenteil: Die uralte Erfahrung, dass Gewalt neue Gewalt gebiert, hat schon wenige Stunden nach Bin Ladens Tod zu Warnungen vor Racheakten und zu verstärkten Sicherheitsvorkehrungen geführt."

Die in Berlin erscheinende tageszeitung gibt sich nachdenklich und warnt:

"Natürlich ist es eine gute Nachricht. Osama bin Laden ist tot – zumindest er selbst kann seine mörderische Ideologie nicht mehr weiter verbreiten. Das aber ist auch alles. Anlass zu großem Jubel – ohnehin makaber nach dem Tod eines, wenn auch verhassten, Menschen – besteht eigentlich nicht. Der Fortbestand von der Idee al-Qaida hängt schon lang nicht mehr an bin Laden. Der Scheich, dessen Botschaften seltener und dessen Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkter geworden waren, spielte zuletzt keine Rolle mehr, die er nicht auch als toter 'Märtyrer' ausfüllen könnte."

Und auch die Stuttgarter Zeitung glaubt, dass das Vermächtnis Osama bin Ladens seinen Tod überdauert:

"Zwei Dinge hat Osama bin Laden uns hinterlassen. Dschihadistischen Terror wird es noch lange geben. Jeder Fanatiker kann sich darauf berufen. Es braucht keine Terrorzentrale mehr. Und der Erfinder Al Kaidas hat dem Westen ein Stück Freiheit und Humanität genommen. Das Reisen hat sich ebenso verändert wie unsere Sicht auf Gewalt. Gezielte Tötungen, die Haft von vermeintlich gefährlichen Personen, fragwürdige Gerichtsverfahren - all das ist bei vielen akzeptiert. Man sollte sich nicht daran gewöhnen."

Etwas anders dagegen interpretiert die Neue Osnabrücker Zeitung das Ende der jahrelangen Jagd auf Osama Bin Laden. Für das Blatt markiert dieser Fahndungserfolg gleichzeitig "Al-Kaidas Anfang vom Ende":

"Darauf haben die Angehörigen der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 lange gewartet: Al-Kaida-Führer Osama bin Laden ist tot. Der spektakuläre Einsatz eines US-Kommandos in Pakistan ist Grund zur weltweiten Erleichterung. Die Gefahr ist aber nicht gebannt. Das Netzwerk verfügt über viele Zellen, auch in Europa. Die Fanatiker werden jetzt auf Rache sinnen. Dennoch hat Al Kaida ihre Symbolfigur verloren, die große Anziehungskraft auf junge Extremisten ausgeübt hat. Bin Ladens Tod zerstört diesen Mythos und könnte den Anfang vom Ende der Terrorgruppe markieren. Das dürfte zwar keine Frage von Monaten, eher von Jahren sein. Doch die USA werden nicht ruhen, bis der letzte Kaida-Führer ausgeschaltet ist. Große Herausforderungen stehen bevor: Afghanistan muss befriedet werden, damit auch die deutschen Soldaten bald nach Hause kommen können. Zwischen Israel und Palästinensern sollte dringend der Nahost-Konflikt gelöst werden. Eine Herkulesaufgabe. Die Trauer der Hamas um den Tod Bin Ladens offenbart die ideologische Verblendung dieser radikalen Gruppe. Auch Pakistan bleibt ein Brennpunkt. Der Terrorpate konnte sich in dem Atomwaffenstaat fast zehn Jahre verstecken - hat Pakistans Geheimdienst davon wirklich nichts gewusst?"

Auch der Berliner Tagesspiegel beschreibt das Aufspüren Bin Ladens als "Ende einer Mission" - und erläutert:

"Osama bin Laden rief den Heiligen Krieg nicht etwa aus, weil er den Westen fürchtete, sondern weil er ihn für feige, verwöhnt und dekadent hielt. Im Jahre 1998 bündelte er seine Verachtung in einem legendären Satz: 'Der Westen ist bereit, kalte Kriege zu führen, aber unvorbereitet, heiße Kriege zu führen.' (…) Der Wahn gipfelte in den Anschlägen vom 11. September 2001. Greift der Schwache zur Gewalt, ist es oft Ausdruck seiner Verzweiflung. Wendet sich der Fanatiker dem Terror zu, ist es Ausdruck seiner Arroganz. Knapp zehn Jahre später sieht die Wirklichkeit radikal anders aus. Der Westen hat zwei heiße Kriege geführt – Afghanistan und Irak –, er hat durchgehalten, Opfer gebracht, Nervenkraft bewiesen. Die Taliban wurden verjagt, Saddam Hussein und dessen Schergen gestürzt. In beiden Ländern gab es freie Wahlen, die ersten dort überhaupt. Und schließlich haben sich die arabischen Massen zwar tatsächlich vereint, aber nicht im Kampf gegen Demokratie und Menschenrechte, sondern in deren Namen. Sie wollen Despoten stürzen, keine grenzenlose radikalislamische Region errichten. Als Alternative zur Autokratie eifern sie ausgerechnet jenem Modell nach, das die Symbolfigur des internationalen Terrorismus als das Böse schlechthin gebrandmarkt hatte. Eindrucksvoller hätte Osama bin Ladens Wahn kaum widerlegt werden können. Insofern markiert sein Tod durchaus eine Zäsur. Die Terrorgefahr ist mitnichten gebannt, sie mag sich sogar nur unwesentlich verringert haben, überdies lässt sich lange über die Legalität außergerichtlicher Tötungen philosophieren. Doch unbestreitbar symbolisiert der getötete Oberterrorist die innere Verwundbarkeit der von ihm verkörperten Ideologie. Mit ihm stirbt auch der in den Tora-Bora-Tagen erworbene Mythos der Unverwundbarkeit. Daran wird selbst die Glorifizierung des Märtyrertodes nichts ändern. Ein teleologisch entleerter Fanatismus läuft langsam leer. Ein geschlagener Märtyrer glänzt allenfalls matt."

Die in München erscheinende Süddeutsche Zeitung schließlich meint:

"Weil die USA und vor allem die Regierung Bush den Terror personalisierten, wurde aus Osama bin Laden eine Ikone. Natürlich war bin Ladens Ruf auch zuvor schon mythenbeladen. Er war es schließlich, der das mächtige Amerika herausgefordert hatte. Aber das Böse braucht auch in den USA ein Gesicht, weshalb die Jagd nach Osama stärker symbolische als tatsächliche Bedeutung erhielt. Die Tötung des Mannes wird nun in Washington und in New York wie eine Befreiung und vor allem wie ein Sieg empfunden. Beides sind trügerische Gefühle: Der Terror ist nicht besiegt, und der Tod mag Genugtuung verschaffen, gar etwas Erleichterung. Ein düsteres Kapitel in der nationalen Geschichte ist damit zu Ende gegangen. (…) Osama bin Laden steht militärisch für den Beginn einer gewaltigen Rüstungsanstrengung und politisch für eine manchmal irrsinnig anmutende Orientierungslosigkeit."

zusammengestellt von Esther Felden
Redaktion: Martin Schrader

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