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Kultur

"Shoot Shoot Shoot"

Den klassischen Kinorahmen sprengen. Britische Avantgardefilmer der 60er-Jahre versorgten 'Swinging London' mit subversivem Touch. Ihre Untergrundfilme sind seit Mai 2002 auf Welttournee. Mitte September in Deutschland.

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Freunde der Deutschen Kinemathek

Das Licht ist seit geraumer Zeit erloschen. Das Londoner Publikum räkelt sich in den Plüschsesseln. Nur der Filmvorführer scheint noch am ersten 16mm-Film herumzunesteln. Dann geht es los. Kleine geometrische Figuren - aus Tonpapier gebastelt - fliegen den Damen und Herren auf den vordersten Sitzreihen förmlich um die Ohren. Schließlich erscheint eine schwarze männliche Hand auf der Leinwand. Munter klopft der dazugehörige Mann auf einem weißen weiblichen Popo herum.

Experimentelles Engagement

Film Shoot Shoot Shoot Freunde der Deutschen Kinemathek

Shoot Shoot Shoot

Anfang Mai 2002 begann im kleinen Kinosaal der "Modern Tate Galerie" am Südufer der Themse die Filmretrospektive "Shoot Shoot Shoot". Die erste umfassende Ausstellung britischer Avantgardefilme der 60er und 70er-Jahre ist bis April 2004 auf Welttournee. Bevor die Filmrollen des Londoner Künstlerzentrums "Film-Makers Co-operative" nach New York, Tokyo und Moskau weitergeschickt werden, kann der deutsche Filmfreund einen cineastischen Blick über den Kanal wagen.

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"Da gibt es einiges zu entdecken", verspricht Stefanie Schultestrathaus vom Verein "Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.". Schultestrathaus ist die deutsche Kuratorin der Filmschau, die in Berlin, Karlsruhe, Frankfurt, Bremen und Hamburg Station machen wird. Zeitlich abgestimmt mit dem Kulturaustauschprojekt "Berlin-London 2002", zeigt zunächst das Filmhaus am Potsdamer Platz das "erste Jahrzehnt der unabhängigen Londoner Filmemacher". Zu sehen gibt es diverse filmische Bastelarbeiten, irgendwo zwischen spielerischem Experiment und politischem Engagement.

"Glotzt nicht so romantisch!"

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Shoot Shoot Shoot

"Ausprobieren". Das scheint das Credo der britischen Filmschaffenden in den 60er-Jahren gewesen zu sein. Schließlich kann man ja mit dem schnöden Filmband wesentlich mehr anfangen, als es nur in den Projektor zu stopfen. Beispielsweise Sequenzschleifen basteln. Oder es nachträglich bemalen. Natürlich kann man es auch noch bei der Vorführung live herauszerren und abschneiden. Auch empfiehlt sich die gleichzeitige Nutzung von mindestens zwei oder drei Filmprojektoren. Spielerisch wurden die Grenzen des klassischen Erzählkinos ausgelotet.

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Shoot Shoot Shoot

Dialoge und erzählerische Stringenz waren verpönt. In Opposition zum filmischen "Mainstream" besann man sich in London gar der brecht´schen Tradition des Verfremdungseffekts. Unter dem Slogan "Kein Bild ist neutral" fanden grelle Blitzlichter ihren Einsatz im Film. Äquivalent zum berühmten Theatersatz "Glotz nicht so romantisch!" sollten die Zuschauer wachgerüttelt werden. Wach wurde in jedem Fall die Londoner Kunstszene. Und aus der Bastelei einer Hand voll Filmemacher entwickelte sich eine ernstzunehmende Kunstgattung.

Kinos sprengen?

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Shoot Shoot Shoot

Nicht zu unterschätzen ist - im Rückblick - der Einfluss des kreativen Potenzials auf spätere kommerzielle Film- und Fernsehproduktionen. Ein Blick ins aktuelle Musikvideo- oder Werbeprogramm mag als Bestätigung dienen. Schnelle Schnitte und Schleifen dienen heute sogar dem vorabendlichen Verkauf von Käsecräckern. Mögen sich die ehemaligen Protagonisten der Filmszene daran stören oder nicht. Die deutsche Kuratorin von "Shoot Shoot Shoot" interessiert sich derweil für die künstlerische Reichweite der historischen Filmstreifen.

"Können diese Filme, die damals den Kinorahmen gesprengt haben, heute noch politisch wirken?", fragt sich Schultestrathaus. Die Antwort kann wohl nur direkt vom Publikum gegeben werden. Auf den hinteren Reihen im Londoner Kino rutschte manch einer nach wenigen Minuten Experimentalfilm tiefer in den Sessel. Ganz unpolitisch fiel der ein oder andere in den Schlaf.

"Shoot Shoot Shoot". Internationale Tour bis April 2004

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