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Musik

Shantel - der ungekrönte König des Balkanpop

Stefan Hantel ist DJ, Musiker, Produzent, Label-Chef und Impresario. Vor allem aber ist der Hesse unter dem Künstlernamen Shantel bekannt.

DJ Shantel alias Stefan Hantel- der deutsche Musikproduzent und DJmit seinem Bucovina-Club beim Dockville Festival in Hamburg-Wilhelmsburg vom 13.08. - 15.08.2010.

Shantel und Bucovina-Club

Wo Shantel und seine Mannen vom Bukovina Club Orkestar antreten, ist Partystimmung angesagt. Ob sie in Frankfurt, Istanbul oder Tel Aviv auf der Bühne stehen, überall intoniert die Menge den Hit "Disco Partizani“ und jubelt den Musikern zu, allen voran ihrem Idol Shantel. Der nimmt es gelassen, denn man mag ihm manches nachsagen, aber bestimmt keine Starallüren. Stattdessen springt er einfach von der Bühne und mischt sich unters Partyvolk. Angefangen hat die Karriere von Stefan Hantel in dunklen Partykellern, wo er schon als Schüler fürs Plattenauflegen zuständig war. Als es später darum ging, das Grafikdesignstudium zu finanzieren, hatte er wenig Lust auf Kellnern oder Pakete austragen. Stattdessen verdingte er sich als DJ. "Das war natürlich aufregender", sagt er. "Man war unter Menschen und konnte mit dem Plattenspieler und der Technik kleine Sensationen kreieren."

Shantel war von Anfang an mehr als ein DJ, hatte er doch auch schon langjährige Erfahrung als Musiker gesammelt. Daher achtete er immer genau darauf, dass seine Mischungen nicht statisch, sondern voller Melodien daher kamen. Mit den hämmernden Rhythmen der Techno-Szene seiner Heimatstadt Frankfurt konnte er sich so gar nicht anfreunden, deswegen eröffnete er nach ein paar Lehrjahren in Paris im Frankfurter Rotlichtviertel seinen eigenen Club und präsentierte seinem Publikum zunächst mal Downbeat. 

DJ Shantel und Musikerkollege beim Dockville Festival (Foto: picture-alliance)

Shantel sorgt weltweit für Partystimmung

Musikalischer  Dunstkreis zwischen Ost und West

Im Jahr 2002 besucht Shantel auf der Suche nach seinen Wurzeln die Heimat seiner Großeltern, die Bukovina, jenes Vielvölkergebiet zwischen Rumänien und der Ukraine, wo die Roma-Blasorchester zuhause sind. Und obwohl die Bukovina als kultureller Schmelztiegel, wie Stefan Hantel sie aus den Erzählungen seiner Familie kannte, längst nicht mehr existiert, lässt ihn die Musik nicht mehr los. "Also ich wollte nie explizit Balkanmusik machen", sagt er, "sondern ich wollte einfach Musik machen, die einerseits mein Bedürfnis nach Popkultur befriedigt und andererseits Rhythmen aus meiner Kindheit wiederbelebt." Kurzum: Stefan Hantel begibt sich auf der Suche nach einer neuen musikalischen Sprache, die den Dunstkreis zwischen Ost und West repräsentiert und die ländliche Tradition ebenso einbringt wie großstädtisches Lebensgefühl.

Planet Paprika lässt grüßen

2002 lädt Stefan Hantel - fortan alias Shantel - im Frankfurter Schauspielhaus erstmals zum Bukovina Club ein. In einem noch nie gehörten ausgeklügelten Mix vermählt er elektronische Spielereien mit Danceflor und traditionellen Arrangements aus Südosteuropa. Melodien, die Jahrhunderte auf dem Buckel haben, mutieren zu modernen und tanzbaren Partykrachern. Das Konzept funktioniert, die Leute sind aus dem Häuschen. Was beim ersten Hören Assoziationen zu Osteuropa, Wodka und Volkstanz weckt, erweist sich schnell als undogmatisch und grenzübergreifend: "Planet Paprika" lässt grüßen, seine 2007 veröffentlichte dritte Scheibe. Den Planeten Paprika hat Shantel erfunden, weil ihn die ständige Frage nach seiner Nationalität ärgert und weil die serbischen Musiker in seiner Wanderzirkus-Band auf Tour ständig damit beschäftigt sind, Visa-Anträge auszufüllen. So mancher Auftritt musste schon gecancelt werden, weil dem Bukovina Orkestar die Einreise verweigert wurde. Als Shantel an der Grenze mal wieder von deutschen Polizisten angehalten wurde, die ihn für einen Ausländer hielten und ihn auf Englisch ansprachen, antwortete er lapidar: "I`m coming from planet paprika, I`m doing music without passport control." (Ich komme vom Planeten Paprika und ich mache Musik ganz ohne Ausweiskontrolle). "Leider gibt es diesen Planeten nicht wirklich", seufzt Shantel. Aber es gäbe die Vision eines Ortes, fährt er fort, wo die immer wiederkehrende Frage nach Nationalität nicht mehr gestellt werde. "Dort sind wir alle nur Menschen."

Die letzte Bastion Freiheit

DJ Shantel mit Gitarre beim Dockville Festival (Foto: picture-alliance)

Mitsingen ist angesagt

Obwohl Shantel in den Clubs in vielen Ländern rund um den Globus längst wie ein Superstar gefeiert wird, hat der offizielle Medienzirkus ihn bisher weitgehend ignoriert. Ein bisschen ärgert ihn das. "Wir sind über das Internet bekannt geworden", sagt er. "Die großen Fernsehsender und Zeitungen können uns wohl nicht einordnen und schieben uns einfach in die Balkanecke." Da gehören sie aber nicht hin, stellt Shantel klar, er und sein Bukovina Orchestar seien eine deutsche Band, die die spannenden Crossover-Bewegungen in diesem Land repräsentiere. Im Ausland hat man Shantels Genie längst erkannt, in Südosteuropa kursieren zahlreiche Plagiate seiner Stücke. Das sei schon sehr schmeichelhaft, lächelt Shantel. Der 42-jährige ist stolz auf das, was er in den letzten Jahren erreicht hat. Es sei schon ein enormer Kraftakt gewesen, sagt er, aber gelohnt habe es sich auf jeden Fall. 

Gefühlte 380 Tage im Jahr ist Shantel mittlerweile mit dem Bukovina Club Orkestar auf Tour - trotz aller bürokratischen Hindernisse. Längst ist aus dem DJ Shantel auch der Musiker geworden, der Gitarre spielt und singt. Sein Markenzeichen ist die Fellmütze, Partymachen das Ziel von Band und Publikum gleichermaßen. "Ich bin total gegen Botschaften und politisch hochtrabende Ziele, wir wollen einfach gute Musik machen", so lautet Shantels Credo. "Ein Konzert ist die letzte Bastion der Freiheit. Hier können wir die ganzen Sachzwänge und Beschränkungen, die auf uns lasten, einfach mal außer Kraft setzen und abfeiern."

Autorin: Suzanne Cords

Redaktion: Matthias Klaus

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