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Kultur

Shakespeare zwischen Genie und Fälschung

Er gehört zu den am häufigsten aufgeführten Dramatikern der Weltliteratur. Damit könnte man zufrieden sein. Doch die Europäer entfachten im 19. Jahrhundert eine Debatte über seine Identität. Bis jetzt ohne Lösung.

William Shakespeare

William Shakespeare

Der erfolgreiche deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich gehört zu den Zweiflern an Shakespeares Identität. Er hat einen Film über den "wahren" Shakespeare gedreht, "Anonymus" heißt der Streifen, der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Emmerich schließt sich darin der These an, dass Shakespeares Werke in Wirklichkeit von Edward de Vere, dem 17. Earl of Oxford stammen. Damit wird die alte Debatte um die wahre Identität des großen englischen Dramatikers neu aufgelegt. Shakespeares Zeitgenossen haben nicht in Frage gestellt, dass seine Stücke auch wirklich aus seiner Feder stammen. Und viele Generationen nach ihm haben das auch nicht getan. Der Zweifel wurde spät geboren, um genau zu sein, erst rund 250 Jahre nach Shakespeares Tod, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Amerikanerin Delia Bacon vertrat die These, dass der Renaissance-Philosoph Francis Bacon der wahre Autor hinter den Shakespeare-Werken sei.

Zweifel kamen mit dem Geniekult der Romantik

Alexander Scheer als Othello während einer Fotoprobe der Aufführung des Dramas 'Othello' von William Shakespeare beim Theatertreffen 2005 in Berlin (Foto: AP)

Othello - zu genialisch für den bürgerlichen Shakespeare?

Dass diese Idee im 19. Jahrhundert entstand, ist kein Zufall, betont Tobias Döring, Professor für Englische Literaturwissenschaft an der Uni München und Vorsitzender der Shakespeare-Gesellschaft: "Die Zweifel entzünden sich an der bürgerlichen und reichlich unspektakulären Existenz dieses Mannes aus Stratford, dem man ein so genialisches Werk nicht zutraut. Und deshalb ist es auch ein ganz spezifischer historischer Moment, wo dieser Zweifel aufkommt, nämlich der Moment, in dem die Genie-Theorie ihren Durchbruch hat". In der Genievorstellung der Romantik waren große Dichter über allem stehende Persönlichkeiten. In diese Vorstellung des Grandiosen passte Shakespeare mit seiner schlichten Herkunft nicht hinein. "Und für dieses genialische Wesen musste dann eine Identität gefunden werden, und da wurde eben zunächst der Philosoph Francis Bacon bemüht, der zweifellos ein ganz wichtiger Autor der Renaissance ist, aber diese Theaterstücke hat er mit Sicherheit nicht geschrieben." Für Shakespeare war Dichtung auch Brotberuf, er war Teilhaber einer Theatergruppe, mit der er sein Geld verdiente. Das war manchen, die vom Genie-Gedanken begeistert waren, einfach zu schnöde.

Jede Generation bastelt sich ihren Shakespeare neu

Im Grunde, so Tobias Döring, hat sich jede Zeit und Generation ihren Shakespeare selber gebastelt, grad so, wie sie ihn gebrauchen konnte und er in die jeweilige Denkmode passte. Der Dichter als Projektionsfläche für eine Gesellschaft und ihre Bedürfnisse nach Identifikation: "Zunächst gab es das Bild von Shakespeare als begabtem Naturburschen, das war ganz groß in der deutschen Shakespeare-Rezeption des 18. Jahrhunderts." Später kam das Bild vom gelehrten Dichter hinzu, dafür musste der Renaissance-Philosoph Francis Bacon herhalten. Aber es ging noch weiter: "Ziemlich genau mit den Jahren des Ersten Weltkrieges erscheint erstmals ein Buch, das diesen Earl of Oxford namens Edward de Vere ins Spiel bringt. Diese These stammt von einem frustrierten Laienprediger, der den Ersten Weltkrieg als Zerstörung erlebt hat, wo alle Ordnung und Gewissheiten wanken ."

Reichlich Lücken in den Theorien

Außenansicht des 1997 eröffneten 'Globe Theatre' in London (Foto: dpa)

Das Globe Theatre in London - Ort vieler Shakespear-Aufführungen

Rund 5000 Bücher gibt es, die an Shakespeare als wahrem Autor zweifeln, mehr als 100 Kandidaten wurden im Laufe der Jahrhunderte gefunden, die als echter Shakespeare gelten sollten. Doch alle diese Theorien haben Lücken, sagt Christopher Schmidt, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Shakespeare-Kenner. William Shakespeare aus Stratford sei immer noch der sicherste Kandidat als Autor der berühmten Bühnenstücke, auch wenn er keine akademische Bildung besaß: "Er war nicht unermesslich gebildet, sondern er war eben mit einer unermesslichen Fantasie begabt. Ein Haken an der Oxford-These ist auch: Edward de Vere ist bereits 1604 gestorben. Das war mehr als zehn Jahre bevor Shakespeare aufgehört hat, Stücke zu schreiben. Dieser Earl müsste sie also im Voraus produziert haben." Das ist wenig wahrscheinlich.

Ein anderer Autor würde am Wert des Werks wenig ändern

Mit letzter Sicherheit kann man Shakespeares Identität nicht herausfinden, denn es gibt kein verlässliches historisches Material. Dass andere an seinen Werken mitgeschrieben haben, dass er Ideen von Schauspielern und Dramatikerkollegen übernommen hat, das war allerdings in der Zeit, in der Shakespeare lebte, vollkommen normal. Man müsse sich das wie eine Entertainment -Industrie vorstellen, ähnlich wie Hollywood, meint Literaturwissenschaftler Tobias Döring: "Es gab kein Copyright, es gab nicht den Begriff des geistigen Eigentums. Die Texte gehörten den Schauspielgruppen, die sie sich zueigen machten, in dem sie sie auf die Bühne stellten."

Bleibt zu fragen, was sich denn überhaupt ändern würde, wenn Shakespeares Werke nicht von Shakespeare selbst stammen. In Grenzen bedeutend wäre das allenfalls für Literaturwissenschaftler. Die müssten einige Bezüge und Interpretationen neu überdenken. Mehr aber auch nicht. Ein Absetzen vom englischen Dichterthron hätte kurzfristig etwas Spektakuläres und damit Unterhaltsames. Das ist vielleicht der eigentliche Grund für die ganze Suche nach dem einzig wahren Shakespeare. Zumindest gibt Star-Regisseur Roland Emmerich zu: "Zuallererst wollte ich eine spannende Geschichte erzählen." Da ist es reichlich egal, ob hier Fakten oder Fiktion in ansprechende Bilder verpackt werden.

Autor: Günther Birkenstock
Redaktion: Gabriela Schaaf

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