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Türkei

Shafak: Türkei nicht den Rücken zukehren

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak sagt im DW-Interview, dass der türkische Präsident Erdogan nicht mit der Türkei gleichzusetzen ist. Sie warnt vor Populismus - auch in Europa.

Deutsche Welle: Sie kommen ursprünglich aus der Türkei und leben jetzt in London. In den Köpfen vieler Europäer hat sich das Bild der Türkei verändert und ist durch die aktuellen politischen Ereignisse oft negativ geprägt. Gibt es eine Seite der Türkei, die wir aus unserer Perspektive nicht sehen?

Elif Shafak: Die Türkei besteht nicht allein aus Erdogan oder der Elite seiner AKP-Partei. Die Zivilgesellschaft in der Türkei ist sehr komplex, sie ist zersplittert und vielfältig, anders als die derzeitige Regierung. Es ist natürlich wichtig, kritisch zu sein. Die türkische Regierung sollte für die vielen Menschenrechtsverletzungen und ihre Einschnitte in die Meinungs- und Pressefreiheit kritisiert werden. Aber wir müssen zwischen der Regierung und Volk unterscheiden.

Die Menschen in der Türkei brauchen unsere Unterstützung und wir müssen sie ermutigen, sich nicht von Europa abzuwenden. Der größte Fehler, den man in Europa machen kann, wäre, der Türkei gesamtheitlich den Rücken zuzukehren. Davon würde niemand profitieren. Ich möchte nicht, dass mein Heimatland sich von zentralen europäischen Werten abwendet, wie etwa dem Pluralismus, der Demokratie, Meinungsfreiheit oder Rechtsstaatlichkeit.

Wie sehen Sie die Zukunft der Türkei mit dieser Regierung?

Zurzeit ist die Lage sehr deprimierend. Viele Liberale und Demokraten fühlen sich demoralisiert und alleingelassen. Die AKP-Regierung spricht über Partnerschaften mit Russland, China und anderen demokratiefernen Ländern. Ich möchte nicht, dass dies die Zukunft der Türkei ist.

"Diesen Identitätskurs verlassen"

Es ist auch eine schwierige Zeit für Journalisten, Schriftsteller und Dichter. Mehr als 140 Journalisten sitzen in der Türkei im Gefängnis. Die Regierung ist brutal gegen Intellektuelle vorgegangen. Die türkische Politik und die Politiker stimmen mich daher eher pessimistisch. Wenn ich dagegen mit den Menschen spreche, vor allem mit der jungen Generation, mit Frauen, Kurden, Türken, Aleviten, Armeniern und Juden, dann habe ich mehr Hoffnung. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt von Menschen in der Türkei, denen kaum jemand Beachtung schenkt.

Türkei Religion Alewiten in Istanbul (AP)

"Erstaunliche Vielfalt": Aleviten am Grab eines Heiligen in Istanbul

Die Europäer konzentrieren sich sehr auf das, was in der Türkei schief läuft. Könnte Europa auch etwas aus der Entwicklung der Türkei lernen?

Auf der einen Seite ist die Türkei, geopolitisch und strategisch gesehen, ein sehr wichtiges Land. Aber wir können in der Tat auch viel von der Türkei lernen. Das Land hat sich über lange Zeit zu einer illiberalen Demokratie entwickelt. Es ist ein Land, in dem Nationalismus, Populismus, Religiosität und Autoritarismus auf dem Vormarsch sind. Nun sehen wir ähnliche Entwicklungen in Europa, in anderem Ausmaß.

Wir müssen aus der türkischen Erfahrung lernen, nämlich dass dieser Weg zu nichts führt. Wenn wir anfangen, uns in nationale, ethnische Kategorien zu unterteilen, wird nur der Status quo davon profitieren. Natürlich, wenn Sie etwa ein polnischer Schriftsteller sind, wird Polen Ihre Priorität sein. Aber zur gleichen Zeit ist doch Europa Ihre Priorität. Wir können mehrere Zugehörigkeiten haben. Deswegen wäre es ratsam, in der Politik diesen Identitätskurs zu verlassen.

"Dem Fremden ein Gesicht verleihen"

Sie sehen sich als Geschichtenerzählerin. Wie kann das Erzählen von Geschichten beim Umgang mit Extremismus und Populismus helfen?

Geschichten sind wichtig, weil sie zunächst auf Empathie basieren. In ihnen steckt die Fähigkeit, ein Problem aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Darüber hinaus finden die meisten der Konflikte, die wir heute erleben, im kulturellen Raum statt. Wir brauchen also Persönlichkeiten aus der Kunst und Kultur, um die Konflikte zu lösen.

Als Künstler kann man sich in der heutigen Zeit nicht mehr den Luxus erlauben, unpolitisch zu sein. Es gibt Dinge, die nur Schriftsteller in den öffentlichen Raum bringen können - darum sollten sie öfter ihre Meinung sagen. Ich glaube auch, dass wir mehr Vielfalt, mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit brauchen. Nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Europa. Zudem haben Schriftsteller die Fähigkeit, dem Fremden ein Gesicht zu verleihen, es zu vermenschlichen. Was Extremisten tun, ist das Gegenteil. Sie nehmen dem Fremden das Menschliche.

Türkei Istanbul Prozess gegen Journalisten (DW/A. E. Duran)

Künstler und Intellektuelle verfolgt - Protest vor einem Gericht in Istanbul anlässlich eines Prozesses gegen Journalisten

Sie schreiben nicht nur Romane, sondern auch Sachliteratur sowie Kolumnen für die britische Zeitung "The Guardian". Welche Art von Schreiben ziehen Sie vor, welche entfaltet eine größere Wirkung?

Beide haben ihre eigene Stärke, aber der Roman gewinnt immer mehr an Relevanz. Wir leben in einem schnellen Zeitalter und gerade deshalb brauchen wir mehr Romane. Wir sind ständig in der Gesellschaft anderer Menschen. Der Roman hingegen basiert auf Einsamkeit. Sowohl der Schriftsteller ist allein, wenn er schreibt, als auch der Leser, wenn er den Roman liest. Es geht also um den inneren Raum.

Gleichzeitig ist es eine wichtige Herausforderung für uns Schriftsteller, in unseren Romanen auch aktuelle soziale und politische Fragen anzusprechen. Ich fühle mich tatsächlich mutiger und freier, manchmal sogar klüger, wenn ich Fiktion schreibe. Romane stellen schwierige und wichtige Fragen. Dabei überlassen sie dem Leser, die Antworten zu finden. Wir brauchen dringend mehr solcher intellektuellen Übungen.

Elif Shafak (45) ist einer der bekanntesten türkischen Schriftstellerinnen. Sie gilt als wichtige intellektuelle Stimme der Türkei. 2006 wurde sie für ihre Darstellung des Völkermords an den Armeniern in ihrem Roman "Der Bastard von Istanbul" in der Türkei angeklagt und freigesprochen. In Brüssel sprach sie bei der vom Goethe-Institut mit veranstalteten Konferenz "European Angst".

Das Gespräch führte Vanessa Cotterell.

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