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Kultur

Shabbat für alle zugänglich machen

Der neu eröffnete "Kosher Classroom" in Berlin zelebriert jeden Freitag ein Shabbat-Dinner in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule. Leonid Golzmann sorgt dafür, dass jeder Gang koscher ist.

Deutsche Welle: Herr Golzmann, Sie sind der so genannte Koscher-Inspektor, was heißt das?

Meinen Beruf nennt man Maschgiach, es gibt ihn in verschiedener Form. Es gibt einen Maschgiach für die Backkunst, für Kleidung, für Wein etc. und mein Bereich hat etwas mit dem Produzieren von Essen zu tun, mit dem Einkauf, mit den Zutaten. Ich prüfe, ob sie koscher sind, wo man sie kaufen kann, ob man sie bestellen muss. Ich bin vom Anfang bis zum Ende in der Küche mit dabei und es gibt auch verschiedene Küchengesetze, die eingehalten werden müssen.

Zum Beispiel?

Wenn ich die Küche betrete, mache ich das Feuer an. Das heißt, vom Beginn des Kochens bis zum endgültigen Produkt muss immer ein Teil von mir am Kochprozess beteiligt sein, das basiert auf der Halacha. Die Halacha, das sind Gesetze, die aus dem Talmud zusammengefasst wurden, die speziell nur das Kochen betreffen. Da steht geschrieben: "Wenn es Dir wichtig ist, dass das, was da ist, koscher ist, lass es kontrollieren von einem, dem es wichtig ist, weil er es selber essen würde." Sprich gläubige Menschen, die bei uns essen, sehen mich und haben die Garantie, dass die Mahlzeiten wirklich koscher sind.

Leonid Golzmann arbeitet als Maschgiach (Koscher-Inspektor) für die Jüdische Gemeinde Berlin. (Foto: Ricarda Otte)

Leonid Golzmann gehört zu der freundlichen Sorte Inspektoren.

Ist es schwierig, in einer Stadt wie Berlin koschere Gerichte zuzubereiten?

Die Tücke ist: Koschere Küche kostet. Koscheres Fleisch zum Beispiel wird niemals in einer Fabrik hergestellt. Das ist reine Handarbeit, die einer hohen Kunst unterliegt: dem Schächten. Der Schächter muss besondern ausgebildet sein, er muss selbst ein koscherer Mensch sein in Anführungsstrichen, das heißt, er muss den Shabbat einhalten, die Gebete befolgen und durch und durch ein guter Mensch sein, dem es leid tut, dem Tier das Leben zu nehmen. Wenn der Schächter einen Fehler gemacht hat, ist das Fleisch nicht mehr koscher. Ansonsten ist es gar nicht so schwierig: Alles, was aus der Erde kommt, ist koscher und wir müssen einfach darauf achten, dass Milch und Fleisch nicht zusammenkommen.

Woher stammte die Idee des "Kosher Classroom"?

"Kosher Classroom" hat einfach gepasst in die Historie, die wir hier in Berlin-Mitte haben mit der Oranienburger Straße als historischem Ort. Das Konzept ist, Menschen, die gerne koscher essen würden, die wissen, was koscher bedeutet, ihnen das näher zu bringen, zu zeigen, dass es keinen Grund für Berührungsängste gibt. Wir wollen zeigen, wie schön das Judentum ist, dass es in Berlin einfach zur Kultur gehört. Und koscher ist einfach grad so Trend.

Warum liegt koscher im Trend? Was macht koscheres Essen so reizvoll für Nichtjuden?

Ein Journalist hat mal zu mir gesagt: Koscher ist das neue Bio. Ich sage einfach mal: Koscher ist das alte Bio! Bio ist ein Trend, vegan auch und das noch einzubauen in eine alte Kultur, die das schon immer gelebt hat, schon seit Tausenden von Jahren, das mal zu zeigen, das ist einfach hip.

Gemeinderabbiner Yitzhak Ehrenberg und rechts der Maschgiach (Koscher-Inspektor) Leonid Golzmann, Schwarzweißfoto. (Foto: Albeck & Zehden Hotels & Gastronomie)

Sie stehen für koscheres Essen: Rabbiner Ehrenberg und Maschgiach Golzmann.

Was hat Sie zu diesem eher ungewöhnlichen Beruf gebracht?

Immer, wenn der Rabbiner Yitzhak Ehrenberg auf einer Bar Mitzwa, einer Hochzeit oder einer Beschneidungsfeier war, bekam er so einen Pappteller mit Essen, was irgendwie unwürdig war, aber koscher. Gemeinsam mit dem Unternehmen Albeck & Zehden hat er dann ein koscheres Catering aufgebaut, das auch hinter "The Kosher Classroom" steckt. Ich hatte schon mal als Maschgiach gearbeitet in einem Koscher-Restaurant, das geschlossen wurde, und dann dachte sich der Rabbiner: Naja, das ist der Mann, den wir da einbauen können. Die meisten Juden hier in Berlin kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, 80 Prozent sagen wir mal, und das passte, ich bin aus Moldawien, aber da ich hier aufgewachsen bin, ist Russisch zwar meine Muttersprache, doch ich kann auch Deutsch, kann also gut die Vermittlung übernehmen.

Kommen auch Gemeindemitglieder zu diesen Shabbat-Dinnern? Oder ist das letztendlich doch eher für Leute von außerhalb, für Touristen?

Wir schauen nicht auf eine bestimmte Klientel, wir machen Shabbat für alle Mann zugänglich. Wichtig ist einfach nur, dass es in dieser Stadt auch diese Möglichkeit gibt für Juden, die gerne koscher essen wollen, auch hier essen zu können. Aber eigentlich ist jeder herzlich willkommen. Und ich freue mich auf jeden, der kommt.

Wie läuft das Shabbat-Dinner ab, aus welchen Elementen besteht es und was gibt es zu essen?

Wir machen die Zeremonie, das heißt, ich erkläre die verschiedenen Rituale, welche Gegenstände wichtig sind, warum wir das gerade machen, warum wir welche Lieder singen, warum Wein und Brot, Salz, warum die Kerzen, also alles, was dazu gehört. Der Ritus empfängt den Shabbat, wir müssen ihn sozusagen auf uns nehmen. Die Zeremonie fängt mit dem Kerzenanzünden an, dann kommt der Wein, der alles einleitet, danach werden die Hände gewaschen, es wird Brot gegessen und Brot ist der Beginn des normalen Essens. Wenn jeder ein Stück Brot gegessen hat, dann ist der Shabbat da.

Und was gibt es nach dem Brot?

Nach dem Brot kommen vier Gänge, immer dabei sind die Pflichtmahlzeiten Fisch, Suppe und Fleisch. Diese drei ergeben gemeinsam eine kabbalistische Zahl, wenn man sie auf Hebräisch ausspricht. Die hebräischen Buchstaben sind gleichzeitig Zahlen und diese drei ergeben die Zahl sieben, die sich verbindet mit dem Shabbat.

Gedeckter Tisch im Raum des The Kosher Classroom in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule Berlin. (Foto: Albeck & Zehden Hotels & Gastronomie)

Der letzte Nichtjude macht hier das Licht aus.

Welche Regeln müssen Juden während des Shabbats befolgen?

Es gibt 39 Gesetze, die mit den Gewohnheiten der Woche zu tun haben. Wir befreien uns am Shabbat von Handlungen, die etwas herstellen. Beim Lichtanschalten etwa verbindet sich ein Kreis, beim Handy genauso, das ist diese Qual aus Gewohnheit, davon machen wir uns frei. Auch das Tragen eines Taschentuchs zum Beispiel, egal was. Wenn es nur wie Arbeit aussieht, muss man sich schon davon distanzieren.

Das heißt auch kein Krawattenknoten, keine Brille wird geputzt?

Die Dinge, die man braucht, die sind erlaubt.

Aber Licht braucht man auch, das lässt man dann an, ja?

Den ganzen Shabbat über bleibt das Licht angeschaltet bzw. es gibt einen koscheren jüdischen Trick: Zeitschaltuhren, dann geht das Licht von alleine aus. Wenn wir an einem Ort wie hier sind, können Nichtjuden sowieso alles machen, was zu ihrer Arbeit gehört. Besteht diese darin, das Licht auszuschalten, dann schalten sie das Licht aus. Das machen sie ja nicht für mich. Wenn sie etwas für mich tun würden, wäre das genau so, als würde ich das selber machen. Die Logik ist, Nichtjuden zu nutzen.

Das ist ja dann etwas sehr Soziales?

Ja, so steht es in der Bibel schon geschrieben: "Auch du warst Fremdling in Ägypten, du sollst den Fremden in deinem Hause genauso behandeln, wie du gerne behandelt worden wärst, als du noch Fremdling in Ägypten warst." Also, ein Fremdling ist immer willkommen.

Audio anhören 01:19

Leonid Golzmann singt ein Shabbat-Lied

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