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Welt

Sexgeschäft mit Nigerianerinnen

Menschenhändler holen offenbar junge Frauen aus Afrika mit Studentenvisa nach Russland, um sie als Zwangsprostituierte auszubeuten. Wie das System funktioniert, hat DW-Korrespondentin Emma Burrows herausgefunden.

Vor zwei Jahren kam eine Frau in Blessing Osakwes Heimatstadt in Südnigeria und sagte ihr, es gebe Arbeit für sie in Russland - in einem Supermarkt. Nach nur fünf oder sechs Monaten werde sie die Kosten für Visum und Reise zurückgezahlt haben. Nachdem sie die 40.000 US-Dollar zurückgezahlt haben werde, könne sie alles weitere Geld behalten, habe die Frau versichert.

Osakwe (Foto) sagt, ihre Eltern seien sehr arm. Ihr gefalle die Vorstellung, nach Russland zu gehen, um ihnen zu helfen und für ihre Ausbildung zu sparen. Sie sagte ja.

Erst als sie in Russland ankam, stellte sie fest, dass alles, was die Frau gesagt hatte, erlogen war. Es gab keine Arbeit im Supermarkt. Stattdessen, so Osakwe gegenüber der Deutschen Welle, sei sie zur Prostitution gezwungen worden.

Sie wurde in Moskau herumgefahren, um Sex mit Männern zu haben. Eines Nachts wurde sie zu einem Wohnblock gebracht, in dem angeblich ein Mann auf sie wartete. Als sie in die Wohnung kam, merkte sie, dass es acht Männer waren. Sie wurde zum Sex mit jedem von ihnen gezwungen, sagt sie. Als sie Sex ohne Kondom abgelehnt habe, hätten sie ihr das Geld wieder abgenommen und sie geschlagen.

Dann warfen sie sie aus dem vierten Stock des Hauses. Durch den Sturz brach sie sich die Hüfte. Zwei Tage lag sie im Krankenhaus an einer Herz-Lungen-Maschine. Dann wurde die Behandlung abgebrochen, so Osakwe, weil sie sie nicht bezahlen konnte. Heute kann sie nicht mehr richtig laufen und sitzt im Rollstuhl.

Kenny Kehinde (Foto: DW/E. Burrows)

Aktivist Kehinde: Wie kann man Analphabeten zum Studium nach Russland holen?

Einreise mit Studentenvisum

Osakwes Geschichte ist kein Einzelfall, glaubt Kenny Kehinde. Er arbeitet mit mehreren Moskauer Hilfsorganisationen zusammen, die versuchen, gegen den Menschenhandel vorzugehen. Zwischen 2000 und 3000 junge Nigerianerinnen, viele aus armen, abgelegenen Dörfern, würden jedes Jahr zur Prostitution nach Russland geholt, sagt er.

"Das ist moderner internationaler Sklavenhandel. Die Mädchen werden mit Unterstützung von Leuten in den russischen und den nigerianischen Behörden und sogenannter Madames (Zuhälterinnen) hierher gebracht, die die Mädchen als Prostituierte ausbeuten", so Kehinde.

Er sagt, die meisten Mädchen, mit denen er zu tun gehabt habe, seien mit einem Studentenvisum nach Russland gekommen. Solche Visa sind nicht leicht zu bekommen, weil man für die Bewerbung Unterlagen der jeweiligen Universität braucht.

Usman Gafai, Geschäftsführer der nigerianischen Botschaft in Moskau, sagt, ihm sei das Problem bekannt. "Vor zehn Jahren war es noch kein so großes Problem", sagt er im DW-Gespräch. "Die Verantwortlichen bilden ein internationales Kartell. Das nimmt immer mehr zu, und sie verdienen gut dabei."

Die russische Regierung müsse "die Antragsteller in Nigeria genau überprüfen", fordert Gafai. "Die meisten von ihnen kommen mit einem Studentenvisum nach Russland, und ich möchte hier mehr Sorgfalt sehen."

Kehinde zufolge geht es um minderjährige Analphabeten. "Wie kann man ein 14 oder 15-jähriges Mädchen zum Studieren hierher holen, wenn es noch nicht einmal lesen und schreiben kann?"

nigerianischer Reisepass (Foto: DW/E. Burrows)

Wie sorgfältig wurden die Einreiseanträge überprüft?

Verletzung der Einreisebestimmungen

Die Deutsche Welle konnte die Pässe und Einreisedokumente von sechs nigerianischen Mädchen einsehen, darunter die von Blessing Osakwe. Aus ihnen ging hervor, dass sie mit Studentenvisa eingereist waren.

Das Smolny-Institut in St. Petersburg teilte der Deutschen Welle mit, es habe 2014 die Dokumente für ein Visum für Osakwe ausgestellt, um ihr einen Russischkurs als Vorbereitung für ein Universitätsstudium zu ermöglichen. In einer Erklärung per E-mail an die DW teilte Institutsleiter Gaidar Imanow allerdings mit, die junge Frau sei nie an der Hochschule eingetroffen, die Universität habe keine Kenntnis darüber, ob sie in Russland eingereist sei.

Das Baltic Humanitarian Institute in St. Petersburg bestätigte per E-mail ebenfalls, es habe einer Bewerberin aus Nigeria die notwendigen Papiere ausgestellt, die sich aber nie gemeldet habe, um ihr Studium in Russland aufzunehmen.

Beide Universitäten wiesen den Verdacht zurück, ihre Mitarbeiter könnten für die Ausstellung von Dokumenten an unechte Studenten oder für eine Mitwirkung an Menschenhandel zu Prostitutionszwecken bezahlt worden sein. Solche Behauptungen seien "erfunden" und "entbehrten jeder Grundlage".

Das russische Außenministerium, dessen Botschaften Visa ausstellen, ließ die DW in einer schriftlichen Erklärung wissen, "ausnahmslos alle" Studenten in Nigeria müssten an einem Bewerbungsgespräch teilnehmen. Weiter hieß es, Grenzbeamte ließen ohne eine Bestätigung der Universität, an der jemand studieren möchte, niemanden ins Land. Man weise außerdem "mit Nachdruck" darauf hin, dass jeder "persönlich dafür verantwortlich ist, die Einreisebestimmungen einzuhalten".

Ein Vertreter der russischen Einwanderungsbehörde erklärte gegenüber der Deutschen Welle, man "prüfe regelmäßig" Verstöße. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres seien in mehr als 325.000 Fällen Einwanderungsbestimmungen verletzt worden. Trotz mehrmaliger Anfragen erklärte die Behörde jedoch nicht, wie Blessing Osakwe und andere junge Frauen mit einem Studentenvisum in Russland einreisen und dann offenbar jahrelang vom Radar der Behörden verschwinden und in der Prostitution landen konnten.

"Bleibt Zuhause!"

Obwohl es in Russland Gesetze gegen den Menschenhandel gibt, geht das Land das Problem nur halbherzig an, meint Andrew Bogrand von der Organisation Democracy International. "Es gibt eine strafrechtliche Verfolgung, aber sie ist sehr begrenzt. Und was noch erschreckender ist, es gibt laut den wenigen russischen Frauenrechtsorganisationen so gut wie keine Zufluchtsstätten für Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution und häuslicher Gewalt geworden sind."

"Korruption und Menschenhandel sind eng miteinander verbunden, und Russland schneidet in den meisten weltweiten Korruptionsindices schlecht ab", so Bogrand. "Solange der Staat das Problem der Korruption duldet, wird auch der Menschenhandel blühen."

Blessing Osakwe ist kürzlich nach Nigeria zurückgekehrt und hofft, ihre Ausbildung fortsetzen zu können. Doch die Zeit in Russland hat ihr Leben verändert. Es ist unklar, ob sie je wieder richtig laufen kann.

Für nigerianische Mädchen, denen Arbeit im Ausland angeboten wird, hat sie diese Botschaft: "Bleib' Zuhause, such' dir eine Arbeit. Auch wenn die Bezahlung schlecht ist, ist das immer noch besser, als wenn man so leiden muss oder sogar sein Leben verliert."

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