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Politik & Gesellschaft

Sex, Macht und Skandalprozesse

Hauptsache Sensation. In manchen Ländern ist die Berichterstattung über Promi-Prozesse gnadenlos. Anderswo schweigen die Journalisten lieber über die Affären ihrer Prominenten. Jüngstes Beispiel: der Fall Strauss-Kahn.

Foto: dapd

Sein Sex-Skandal traf mitten ins Herz der französischen Kultur: "Die Affäre Strauss-Kahn - ein Erdbeben für den Euro, den Währungsfond und die Linke", schrieb die Zeitung "Le Monde". Ähnliche Worte auch auf den Titelseiten der anderen französischen Zeitungen - und immer wieder Fotos eines zerknirschten Mannes.

Dominique Strauss-Kahn, 62, Politiker, Millionär und Chef des Internationalen Währungsfonds. Hellster Stern am sozialistischen Oppositionshimmel in Frankreich. Und jetzt: festgenommen. Am Samstag, 14. Mai 2011, wurde er von der New Yorker Polizei verhaftet. Versuchte Vergewaltigung einer Hotelangestellten wird ihm vorgeworfen.

"Ich bin - wie wir alle fassungslos", sagte Martine Aubry, die Vorsitzende der Sozialistischen Partei Frankreichs und appellierte an die Presse: "Warten Sie die Fakten ab und lassen Sie die Unschuldsvermutung gelten. Ich bitte Sie darum, den nötigen Anstand zu wahren."

Affären oder Zweitfamilien - kein Thema für die Medien

Foto: AP

Schock in Großbuchstaben: Frankreichs Presse nach der Festnahme von "DSK"

Anstand wahren, Diskretion - das können französische Journalisten gut: Sie wissen zwar um all die kleinen Affären und Skandale von Politikern und Promis - berichten aber nicht darüber oder nur mit einem kumpelhaften Augenzwinkern. Private Verfehlungen sind kein Thema, Seitensprünge ein Kavaliersdelikt.

"Es wurde in der Vergangenheit immer ein klarer Strich gezogen zwischen öffentlich und privat", erklärt Dominik Grillmayer vom Deutsch-Französischen Institut im süddeutschen Ludwigsburg. "Man hat gesagt: Wir interessieren uns für die Leistungen als Politiker, beschäftigen uns aber nicht damit, was jemand im Privatleben anstellt." So hatte der ehemalige Staatspräsident Francois Mitterrand eine Zweitfamilie, Ex-Präsident Jacques Chirac pflegte regelmäßige außereheliche Affären und auch Dominique Strauss-Kahn galt als wilder Schürzenjäger. Für die französischen Medien war all das jedoch kein Thema.

Der Schock über die entblößenden Bilder aus den USA - Strauss-Kahn, unrasiert, übermüdet und in Handschellen vor Gericht - war deshalb umso größer. Schnell kursierten Verschwörungstheorien. Umfragen zufolge glauben 57 Prozent der Franzosen, dass Strauss-Kahn Opfer eines Komplotts wurde. Bei Sympathisanten der Sozialisten sind es sogar 70 Prozent.

Zur Schau gestellt - noch vor dem Urteil

Foto: dapd

Vorgeführt in Handschellen: Strauss-Kahn auf dem Weg zum Gericht

Das Vorgehen der amerikanischen Justizbehörden befremdet die Franzosen, meint Grillmayer: "Die Stoßrichtung: Man könne einen Menschen - für den ja noch die Unschuldsvermutung gelten muss - nicht in Handschellen zeigen. Nicht zeigen, wie er unrasiert im Gerichtssaal vor dem Richter steht." Die US-Medien wiederum sähen den französischen Berichtsstil kritisch: "Die sagten dann: Nun, dieses Gesetz des Schweigens in Frankreich kann man ja auch nicht hinnehmen."

Ein öffentlicher Schlagabtausch zweier Kulturen. Denn in den USA ist der sogenannte "perp walk" - der Gang des Verdächtigen von der Zelle zum Termin beim Haftrichter - Teil der Justizkultur. Mit Blaulicht, Sirenen und dem unablässigen Geklacker ist es eine Inszenierung für Journalisten und Volk. Es geht um eingängige Bilder. Bilder, die einen Menschen herabwürdigen, seine Karriere zerstören, ihn entmächtigen können.

Aufnahmen, die das französische Staatsfernehen nicht zeigte. Sie würden die Meinung zu sehr beeinflussen, kämen einer Vorverurteilung gleich, sagen Kritiker. "In Frankreich und zum Glück auch in Deutschland ist es fast völlig undenkbar, dass ein bislang nur Beschuldigter bereits in Handschellen in einer sehr entwürdigenden Form gezeigt wird", sagt der Medienpsychologe Jo Gröbel. In Frankreich oder Großbritannien werden Verdächtige oft in Fahrzeugen mit abgedunkelten Scheiben ins Gerichtsgebäude gebracht.

Prozesse mit Sprengkraft - ein Medienspektakel

Für die Medien weltweit sind Promi-Prozesse ein gutes Geschäft. Die Verkaufszahlen der französischen Tageszeitungen stiegen in den ersten Tagen nach der Festnahme Strauss-Kahns rasant an: 93 Prozent Zuwachs allein für "Libération" im Großraum Paris.

Foto: dpa

Kassenschlager: Promi-Skandale steigern die Auflage

Neben der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung spielen vor allem emotionale Gründe eine Rolle, sagt Jo Gröbel: "Es geht um die große Geschichte des mächtigen Mannes, der tief fällt. Und um die Geschichte zwischen Männern und Frauen, zu der jeder sofort eine Meinung hat. Wenn dann noch die Bilder stimmen, haben wir eine große Mediengeschichte."

Es geht um Sex und Macht, so wie im Prozess um den ehemaligen israelischen Präsidenten Mosche Katzav. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er eine Mitarbeiterin vergewaltigt hat. Auch die mutmaßlichen Sex-Skandale von Italiens Staatschef Silvio Berlusconi und Wikileaks-Gründer Julian Assange sorgen für hohe Einschaltquoten.

"Die Medien haben inzwischen solche Bedeutung gewonnen, dass sie schlimmstenfalls sogar Prozessabläufe beeinflussen", kritisiert Medienpsychologe Jo Gröbel. Auch Karrieren würden unwiderruflich leiden: Strauss-Kahn trat bereits kurz nach seiner Festnahme vom Posten als Chef des Internationalen Währungsfonds zurück.

Neu denken - neu schreiben

Foto: AP

Sieben Jahre Haft: Israels Ex-Präsident Katsav wurde wegen Vergewaltigung verurteilt

In der französischen Gesellschaft haben der Skandal und die Aufregung darum auch ihr Gutes, meint Dominik Grillmayer: "Immer mehr Frauen äußern sich in den Medien. Es gab eine Erklärung in 'Le Monde', die von mehr als 1000 Frauen unterschrieben wurde. Darin wurden offen der Sexismus und die Verharmlosung sexueller Delikte in Frankreich angeprangert."

Seit der Fall Strauss-Kahn öffentlich wurde, haben mehrere Frauen sexuelle Übergriffe angezeigt, auch von hochrangigen Politikern. Und die Website "Eine Rose für Ophelia" hat Blumen für die Hotelangestellte gesammelt, die Strauss-Kahn sexuell bedrängt haben soll.

Am 6. Juni beginnt der Prozess gegen den Franzosen in New York. Bei einer Verurteilung könnte Strauss-Kahn für 25 und mehr Jahre hinter Gitter kommen. Beobachter sind gespannt, was die französischen Medien dann berichten.

Autorin: Monika Griebeler
Redaktion: Sabine Faber

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