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Nahost

Seufert: "Kobane symbolisiert die Zukunft der Kurden"

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" ist in Kobane eingerückt. Türkei-Experte Günter Seufert erklärt im DW-Interview, warum die syrische Grenzstadt vor allem für die Kurden von großer Bedeutung ist.

DW: Welche strategische Bedeutung hat die Stadt Kobane?

Günter Seufert: Für den "Islamischen Staat" hat Kobane eine große strategische Bedeutung, weil es sich dabei um den mittleren der drei autonomen kurdischen Kantone in Syrien handelt. Damit kann sich der IS praktisch aussuchen, ob er weiter Richtung Westen expandiert oder nach Osten. Außerdem hätte er an der Grenze zur Türkei ein sicheres Hinterland, weil die Türkei sich ja offensichtlich nicht dazu entschließen kann, einzugreifen.

Auf vielen Fotos können wir sehen, dass die Türkei an der Grenze zu Kobane Panzer aufgefahren hat. Inwiefern hat die Stadt eine psychologische Bedeutung?

Der Führer der türkischen Kurden, Abdullah Öcalan, hat vor eineinhalb Jahren einen Friedensprozess mit der Türkei begonnen. Andererseits hat er ein Gesellschaftsmodell für ein neues Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Konfessionen im Nahen Osten verkündet, das sich sehr stark auf direkte Demokratie und Partizipation stützt. Dieses Modell hat man in Kobane ein Stück weit zu verwirklichen versucht. Das heißt: Für die türkischen Kurden, vor allem die Anhänger der Arbeiterpartei Kurdistans, die PKK, ist Kobane von großer symbolischer Bedeutung als der Ort, wo zum ersten Mal das Gesellschaftsmodell ihres politischen Führers verwirklicht worden ist. In ihren Augen symbolisiert Kobane die Zukunft der Kurden im Nahen Osten.

Günter Seufert (Foto: DW)

Türkei-Experte Günter Seufert

Kobane scheint derzeit von drei Seiten belagert zu sein. Die vierte Seite ist die Grenze zur Türkei. Können die Menschen aus Kobane in die Türkei fliehen?

Die Menschen aus Kobane konnten in der vergangenen Woche in großer Zahl in die Türkei fliehen. Die Türkei hat aber immer wieder die Grenze für türkische Kurden geschlossen, die nach Kobane wollten, um dort die Kämpfer gegen den "Islamischen Staat" zu unterstützen.

Aber die Grenzen zu Syrien sollten doch ohnehin geschlossen sein?

Sie mussten vor allem auf Druck der Europäer und der USA geschlossen werden, die die Türkei seit längerem beschuldigen, allen möglichen salafistischen und dschihadistischen Kämpfern ohne große Kontrolle die Einreise nach Syrien über die Türkei erlaubt zu haben. Das ist eine Politik der Türkei gewesen, die sicherlich bis vor fünf, sechs Monaten fortgesetzt wurde. Die Kurden beschuldigen die Türkei nach wie vor, an dieser Politik festzuhalten. Andererseits muss sich die Türkei natürlich auch schützen vor eventuellen Anschlägen in der Türkei, von Salafisten, Dschihadisten oder vom "Islamischen Staat". Von daher muss man natürlich die Grenze kontrollieren. Allerdings bleibt die Frage, ob man nicht wenigstens humanitäre Hilfe hätte erlauben müssen - zum Beispiel für das umzingelte und umkämpfte Kobane.

Und das ist zurzeit nicht der Fall?

Das ist zurzeit nicht der Fall. Die türkische Regierung macht die Erlaubnis für den Transport humanitärer Hilfe abhängig davon, dass die Kurden nicht nur den Islamischen Staat bekämpfen, sondern gleichzeitig auch das Assad-Regime.

Wenn der Islamische Staat Kobane nun einnimmt: Welche Folgen hätte das?

Das hätte für den "Islamischen Staat" die Folge, dass die Scharte, die ihnen die kurdischen Kämpfer im Sindschar-Gebirge im Nordirak beigebracht hatten, ein Stück weit ausgewetzt wäre und der Islamische Staat wieder als eine Bewegung erscheinen würde, die militärisch nicht zu stoppen ist. Für die Türkei hätte es sehr schwerwiegende Konsequenzen, weil die kurdische Bevölkerung in der Türkei mit dem Fall Kobanes das Ende des Friedensprozesses in der Türkei verbinden würde - ganz einfach deshalb, weil die türkischen Kurden keine Grenze ziehen zwischen sich und den syrischen Kurden. Die syrischen Kurden sind zum großen Teil verwandt mit den türkischen Kurden, sie sind teilweise Mitglieder derselben Stammesföderation, viele syrische Kurden sind in den Dreißiger Jahren aus der Türkei nach Syrien ausgewandert, sie sprechen die gleiche Sprache. Die PKK rekrutiert seit zwei Jahrzehnten junge Leute aus dem syrischen Kurdistan für ihren Kampf in der Türkei, das heißt: Es gibt eine ganz große Gemeinsamkeit, und die türkischen Kurden sähen einen Fall Kobanes, der von der Türkei zugelassen würde, als einen feindlichen Akt der Türkei, und würden dann den Friedensprozess abbrechen.

Die türkische Regierung hat sich vom Parlament die Erlaubnis für Militäreinsätze in Syrien geben lassen. Warum hält sie sich jetzt zurück?

Sie hat sich diese Erlaubnis geben lassen, um diplomatisch unbegrenzt handeln zu können, ohne das Parlament fragen zu müssen. In diesem Text sind die PKK und das Assad-Regime als tatsächliche Bedrohung für die Türkei namentlich genannt, doch der "Islamische Staat" nicht. Das heißt, für die Türkei ist nicht der IS die erste Priorität, sondern ihr Kampf gegen die PKK, und in zweiter Linie gegen das Assad-Regime. Ankara hat damit eine ganz andere Priorität als die USA, als Europa und als die arabischen Verbündeten der USA.

Und das ist einer der Gründe, warum sich die Kurden im Stich gelassen fühlen? Es gibt ja Forderungen von Kurden, dass die Türkei eingreifen soll.

Ja. Sie fühlen sich im Stich gelassen und sind äußerst empört darüber, dass der türkische Staatspräsident Erdogan erst vor wenigen Tagen die Welt rhetorisch gefragt hat, warum sie gegen den Islamischen Staat aufstehe, aber nicht gegen die PKK. Er setzte damit den Islamischen Staat mit der PKK gleich, und das entbehrt jeglicher Grundlage.

Günter Seufert ist Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Das Interview führte Anne Allmeling.

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