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Politik

Service-Wüste Deutschland

Zwei Jahre liegt das internationale Jahr gegen die Wüstenbildung, ausgerufen von den Vereinten Nationen, nun schon zurück. In Deutschland aber breitet sich die Wüste ungehindert weiter aus - die Servicewüste nämlich.

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Nach fünf Jahren im Ausland nun wieder zurück in der Bundeshauptstadt muss ich jeden Tag aufs Neue erfahren, dass das Leben im Industrieland Deutschland ganz schön mühsam, umständlich und fürchterlich bürokratisch sein kann. Ja, manchmal sehne ich mich sogar nach dem Nahen Osten zurück, wo ich bis Ende letzten Jahres als ARD-Hörfunkkorrespondentin gearbeitet habe. In Ramallah beispielsweise hätte ich inzwischen längst einen Telefonanschluss. Sogar in Tel Aviv, wo es natürlich auch unpersönliche Callcenter und computergesteuerte Menüführungen und viel Bürokratie gibt, kann man eher etwas erreichen als in der Bundesrepublik. In der Regel hilft dort spätestens ein gut choreographierter Tobsuchtsanfall weiter. Immerhin gibt es dort in jedem Callcenter auch immer einen Vorgesetzten, zu dem man sich weiterverbinden lassen kann, um den eigenen Forderungen Nachdruck zu verleihen. "… auch ohne Unterschrift gültig …" Darüber hinaus gibt es in Israel bei jeder Behörde, jeder Bank und jedem Dienstleister eine Beschwerdestelle, bei der man richtig schimpfen kann (was allein ja schon Erleichterung verschafft) und - wo man auch gehört wird. In Deutschland dagegen bekommt man - wenn man Glück hat - auf schriftlich vorgebrachte Beschwerden erst nach Wochen eine Antwort - meistens einen Formbrief, der vom Computer angefertigt und deswegen "auch ohne Unterschrift gültig ist“. Meine Kollegen hatten mich gewarnt und mir geraten, schon vor meinem Einzug in Berlin einen Telefonanschluss zu beantragen. Ich suchte mir den günstigsten Anbieter aus und bestellte dort im November das ganze Paket. Telefon, Internet, Fax-Anschluss mit allem Drum und Dran. Ende Dezember sollte der Anschluss endlich geschaltet werden. Voller Vorfreude schloss ich mein schönes rotes Telefon an, den nagelneuen Router und das Fax. Seither werfe ich jeden Abend hoffnungsvolle Blicke auf die beiden Geräte - doch leider vergebens. Drei Monate nachdem ich den Anschluss bestellt habe, kann ich immer noch nicht vom Festnetz aus telefonieren oder im Internet surfen. Dafür habe ich inzwischen auf meinem Mobiltelefon Rechnungen in schwindelerregender Höhe. Gefangene des Konkurrenzkampfes Inzwischen habe ich erfahren, dass die Verzögerung offenbar daran liegt, dass die früher staatliche Telekom die Leitungen für die Konkurrenten nicht freischaltet. Und dass es an die Hunderttausend Bundesbürger gibt, die wie ich Gefangene dieses Konkurrenzkampfes sind und vergeblich monatelang auf ihren Anschluss warten müssen. Doch kann sich ein hochindustrialisiertes und angeblich modernes Land wie Deutschland so etwas leisten? Dass Bürger monatelang auf ihren Telefonanschluss warten müssen? Und was macht eigentlich die Regulierungsbehörde, die eigens dafür geschaffen wurde, die ehemaligen Monopolisten zu beschränken und den privaten Anbietern den Zugang zu den Leitungen und Netzen zu ermöglichen, die ja schließlich mal mit Steuergeldern aufgebaut wurden? Und so träume ich manchmal von meiner Wohnung in Tel Aviv mit den in allen Zimmern vorhandenen Telefonanschlüssen, dem Wireless Lan und dem Faxgerät. Und mit Wehmut denke ich an unsere kleine ARD-Außenstelle in Gaza zurück, wo wir während des israelischen Rückzugs aus dem Gazastreifen hochmoderne DSL-Leitungen hatten - wenn nicht gerade Stromausfall war. ... Fortsetzung folgt ...