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Wissen & Umwelt

Serengeti - bedrohte Ikone

Tansania plant eine Überlandstraße durch die Serengeti, einen der bekanntesten Nationalparks der Welt. Die größten Tierwanderungen der Erde kämen zum Erliegen. Und der Naturschutz weltweit wäre in Frage gestellt.

Serengeti-Nationalpark (Foto: Dagmar Röhrlich)

Die Serengeti - ein Tier- und Touristenparadies

Es ist viel, was auf dem Spiel steht. Und der Schaden wäre wohl irreparabel, sagen die Projektgegner. Es sind nicht nur Umweltschützer, sondern auch Wissenschaftler, die in der geplanten Straße durch die Serengeti eine kaum dagewesene Bedrohung für den Naturschutz sehen – nicht nur in Afrika. Im September haben sich 27 Forscher im britischen Wissenschaftsmagazin Nature verzweifelt an die Öffentlichkeit gewandt. Derlei Warnungen reißen nicht ab: Tansanias Regierung erhält einen Beschwerdebrief nach dem anderen. Und mehr als 30.000 Unterstützer hat die Facebook-Kampagne des amerikanischen Earth Island Institute schon angezogen.

Ein internationaler Weckruf ist erhallt, den auch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) nicht verstummen lassen will. Sie hofft ebenfalls, dass Tansanias Präsident Jakaya Kikwete von der 2005 versprochenen Straße, die 2012 gebaut werden soll, doch noch absieht. Die Trasse würde die Frankfurter Forscher den Erfolg ihrer Arbeit vor Ort kosten, die Mitte der 1950er Jahre mit Bernhard Grzimeks Forschungen und seinem Oscar-prämierten Film 'Serengeti darf nicht sterben' begann. "Jetzt droht das Wunder der Serengeti zu sterben", beklagt Christof Schenck, Geschäftsführer der ZGF. "Und damit eine Ikone des weltweiten Naturschutzes. Wenn wir sie nicht erhalten können, was dann?"

Impala-Antilopen (Foto: picture-alliance/Bildgentur online)

Impala-Antilopen gehören zu den häufigsten Tieren in der Serengeti

Der Serengeti-Highway - was geplant ist

Die Sorgen sind groß, weil der Ende Oktober wiedergewählte Kikwete der armen Landbevölkerung östlich und westlich des Nationalparks keine einfache Straße, sondern den Serengeti Highway versprochen hat: eine zweispurige Trasse, die Musoma am Ufer des Viktoriasees im Norden Tansanias mit Arusha im Osten verbinden soll. Da die Route auch Ruanda, Burundi und den rohstoffreichen Ost-Kongo mit dem Indischen Ozean verbinden würde, ist ein dichter Auto- und Lkw-Verkehr wahrscheinlich. "Gutachten rechnen mit circa einem Auto pro Minute", sagt der Bioinformatiker Joseph Ogutu, Mitautor des Nature-Artikels.

53 Kilometer der Strecke sollen durch die Serengeti führen. Durch den Park, von dem jedes Jahr rund zwei Millionen Gnus, Zebras und Antilopen in das kenianische Schutzgebiet Masai Mara wandern und dabei den Mara-Fluss überqueren. Hunderte Tier-Dokumentationen haben dieses beeindruckende Schauspiel festgehalten und mit ihm Afrikas Tierwelt bekannt gemacht. "Nun ist das gesamte Ökosystem bedroht", sagt Christof Schenck. Die Straße würde viele Unfälle provozieren , fürchten ihre Gegner, und wäre darüber hinaus ein Einfallstor für Wilderer und Haustier-Krankheiten, die sich auf Gnus und Zebras übertragen. "Mit steigendem Verkehr ist ein Zaun unausweichlich", sagt Schenck. "Und der bedeutet das Ende der großen Wanderungen." Simulationen des australischen Hydrologen Eric Wolanski zeigen, dass die Zahl der Gnus von 1,3 Millionen auf bis zu 200.000 Tiere schrumpfen würde. Auch Wildbrücken über die Trasse könnten nicht helfen, da die Tiermassen für sie zu groß seien, kritisieren die Wissenschaftler.

Safari Touristen beobachten Löwen (Foto: picture-alliance/dpa)

Ganz nah dran! Safari-Touristen bringen viel Geld ins Land

Ökologische Kettenreaktionen

Fehlen die grasenden Herden, finden nicht nur Löwen, Geparden und die seltenen Wildhunde weniger Beute – und gehen im Bestand zurück. Auch die Landschaft verändert sich: Gras schießt empor, Bäume wachsen. Aus der Savanne wird Buschland. Auch die ökonomischen Verluste wären bedeutend, denn der Naturtourismus ist eine wichtige Einnahmequelle Tansanias. 23 Prozent der Devisen verdankt das Land dem Fremdenverkehr.

Die Befürworter der Autobahn argumentieren mit der wirtschaftlichen Entwicklung der armen Gebiete am Rande des Parks. "Die Bewohner dieser Region brauchen Entwickung", betont der stellvertretende Umweltminister. 480 Millionen Dollar soll der Bau der Straße kosten. Das Geld kann Tansania alleine nicht aufbringen; woher es kommen soll, ist unklar. Tansanischen Berichten zufolge soll China das Projekt unterstützen, um sich einen direkteren Zugang zu Ostafrikas Rohstoffquellen zu sichern. Doch die Quellenlage ist unübersichtlich, die Informationspolitik der Regierung kaum vorhanden.

Ein Ausweg: die alternative Trasse im Süden

Bisher hat der internationale Druck Präsident Kikwete nicht zum Einlenken gebracht. "Derzeit gibt es keine Anzeichen für einen Umschwung", beklagt Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Dennoch gebe er die Hoffnung nicht auf, dass das Weltnaturerbe noch gerettet werden kann. Dafür hat Schenck Gründe: Bis zum 1. Februar 2011 muss Tansania gegenüber der Unesco eine Stellungnahme abgeben. Sieht die UN-Organisation den Welterbe-Status bedroht, stuft sie die Serengeti herab und macht sie zu einem offiziell gefährdeten Weltnaturerbe. "Das wäre ein gewaltiger Schuss vor den Bug für Tansania", erklärt Schenck.

Die Regierung selbst will noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu den Straßenplänen auswerten. Ihre Hoffnungen gründen die Projektgegner aber vor allem auf die vorgeschlagene Alternativroute: eine Trasse, die den Park im Süden umgehen würde, zwar 25 Kilometer länger ist, jedoch durch weniger hügeliges Gelände führt. Und ökonomische Vorteile bietet: "Von der Südroute hätten rund 2,3 Millionen Menschen etwas, durchfährt man die Serengeti im Norden, wären es nur etwa 431 000", erklärt Markus Borner, Afrika-Direktor der ZGF. Eine Koalition aus Wissenschaftlern, Umweltschützern, westlichen Regierungen und Tourismusverbänden wie der Tanzania Association of Tour Operators werben für die Südroute. Auch Kenia versucht, den Nachbar umzustimmen. Denn das Land fürchtet um die Einnahmen, die der Wildtier-Tourismus im berühmtesten Teil der Serengeti, der Masai Mara, einbringt.

"Wir fordern die westlichen Staaten auf, Tansania bei der Finanzierung der Südroute zu helfen", sagt Christof Schenck. "Das wäre ein Zeichen, dass die Weltgemeinschaft den Naturschutz Ernst nimmt."

Autor: Torsten Schäfer
Redaktion: Judith Hartl