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Europa

Serbische Studenten lernen Albanisch

Kosovo und Serbien unterschrieben am 19. April 2013 ein Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen. Jenseits der politischen Ebene kommen sich Bürger beider Länder durch das Sprachenlernen näher.

Nach dem Kosovo-Krieg hatten die Serben kein Interesse daran, Albanisch zu sprechen - und genauso wenig wollten die Albaner im Kosovo Serbisch lernen. 2014 - sechs Jahre nachdem das Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hat - wollen an der Universität in Belgrad nun aber immer mehr Studenten Albanisch lernen. Zum Beispiel der 22-jährige Serbe Damjan Filipović: Als er sich vor drei Jahren für das Studienfach Albanologie entschied, habe seine Familie überrascht, aber nicht ablehnend reagiert, erzählt er. Vor allem seine Freunde hätten den Kopf geschüttelt, ohne zu verstehen, was ihn dazu trieb, sich der albanischen Sprache zu widmen. "Natürlich hatten sie ihre Vorurteile gegenüber den Albanern, viele denken aber heute anders".

"Es hat mich sehr interessiert, mehr über das albanische Volk zu wissen", sagt Damjan. "Viele in meinem Land kennen die Albaner nicht, obwohl wir seit Jahrhunderten nebeneinander leben." Dazu sei gekommen, "dass nur wenige Leute in Serbien Albanisch sprechen"

Persida Asllani im Gespräch mit ihren Studenten (Foto: Persida Asllani)

Persida Asllani (rechts) im Gespräch mit serbischen Studenten

Das scheint sich mittlerweile zu ändern - gerade durch junge Studenten. Das bestätigt Persida Asllani aus Albanien, die für ein Jahr als Gastprofessorin Albanische Literatur und Kultur an dem Lehrstuhl für Albanologie der Universität Belgrad unterrichtet. Sie sagt, dass sich in diesem Jahr die Zahl der serbischen Studenten, die an der Belgrader Universität Albanisch lernen, verdoppelt habe im Vergleich zu früheren Jahren. Bis zu 60 neue Studenten seien hinzugekommen.

Albanisch-Kenntnisse als Pluspunkt für Bewerbungen

Zwar ist das zahlenmäßig nicht besonders viel - doch die symbolische Bedeutung dieser Studienentscheidungen ist nicht zu unterschätzen: Denn dieses Interesse an der Sprache und Kultur des Anderen bringt die Verständigung zwischen Albanern und Serben voran. Die Beweggründe der Studenten sind ganz unterschiedlich, sagt Persida Asllani. Aus Gesprächen mit ihnen weiß sie, dass einige Balkanologen werden möchten. "Andere kommen, weil sie nur für dieses Fach einen Studienplatz bekommen haben. Nachdem die ersten Zweifel verschwunden sind, merken wir, dass sie die Sprache für sich entdecken und genauso aktiv wie die anderen sind." Einige hätten sich für Albanisch entschieden, weil sie sich davon bessere Jobchancen erhoffen würden: "Für Bewerbungen um Stellen in der lokalen oder zentralen Verwaltung, im Handel oder im Kulturbereich scheint die albanische Sprache ein Vorteil zu sein."

Gerade diese praktischen Gründe überzeugten auch Valentina Bahtijari (Artikelbild: links), Albanisch zu studieren. Die junge Serbin steht kurz vor dem Studienabschluss und hofft auf eine Stelle als Übersetzerin und Dolmetscherin in Belgrad. Für sie steht fest: Viel mehr Studenten aus Serbien sollten diese Sprache lernen. "Sie hat hier eine besondere Bedeutung und es gibt konkrete Gründe dafür, warum Serbien die albanische Sprache braucht: Erstens sind wir die Nachbarn der Kosovaren. Zweitens war der heutige Staat Kosovo früher eine Provinz Serbiens, und viele Serben leben noch heute dort. Auch das touristische Interesse an Albanien wird gerade geweckt."

Der Kosovo-Krieg und seine Folgen für das Sprachenlernen

Kosovo-Albaner auf der Flucht vor serbischen Truppen im Jahr 1999 (Foto: dpa)

Die Erinnerungen an den Krieg sind noch präsent: Kosovo-Albaner auf der Flucht (1999)

Wie sieht es aber mit dem Interesse für die Sprache des Anderen auf der kosovarischen Seite aus? Der Dekan der Philologischen Fakultät der Universität Priština, Sedat Kuçi, sagt, dass im Kosovo die Wunden der Vergangenheit immer noch frisch sind. Während des Kosovo-Krieges im Jahr 1999 wurde der Lehrstuhl für jugoslawische Sprachen der Universität Priština, an dem Serbisch gelehrt wurde, abgeschafft. Die junge Generation der Albaner im Kosovo spreche heute gar kein Serbisch, sagt Kuçi - obwohl Serbisch immer noch eine der offiziellen Sprachen im Land ist. Dennoch wurden nicht alle Brücken abgerissen. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Belgrader Universität wurde erreicht, dass im Sommer serbische Studenten am Seminar für Sprache und Literatur in Priština Albanisch lernen können. Seit drei Jahren werden diese Sommerkurse veranstaltet. Diese Begegnungen zwischen kosovarischen und serbischen Studenten sieht Dozentin Persida Asllani als besonders gute Investition in die Zukunft: "Mit den erworbenen Kenntnissen und den Erlebnissen aus dem Land sind diese Studenten die erste Brücke für einen vollständigeren Austausch und eine Kommunikation, die sich nicht nur auf die kulturelle Ebene beschränkt."

Optimismus in Priština

Auch der seit Jahren geführte politische

Dialog zwischen Priština und Belgrad

hat positive Folgen für die Universitäten: Das Interesse an der serbischen Sprache erwacht langsam wieder in Priština. Der Dekan der Philologischen Fakultät in der kosovarischen Hauptstadt hofft, für das kommende Wintersemester 2014 die Akkreditierung für Balkanologie zu bekommen. Im Rahmen dieses Studienfachs würde auch die serbische Sprache und Literatur unterrichtet werden. Durch mehr Werbung für dieses Fach möchte er erreichen, dass Studenten nicht nur die Bedeutung des Serbischen, sondern auch die der anderen balkanischen Sprachen für ihren Werdegang verstehen: "Der junge Staat Kosovo braucht Menschen, die diese Sprachen kennen und sprechen, nicht nur die Universität. Kosovo braucht diesen kulturellen Austausch mit den Nachbarn - und dazu gehört auch Serbien. Die jungen Leute sollten diese Sprachen lernen, um ihre Jobperspektiven nach dem Studium zu erweitern."

Der Dekan in Priština glaubt, dass dieses Interesse an den Sprachen der Nachbarn weiterhin wachsen wird. Vielleicht helfen serbische Studenten wie Damjan Filipović und Valentina Bahtijari dabei, die Mauern der Sprachlosigkeit schneller zu überwinden. Sie und ihre Kommilitonen haben Priština schon mehrmals besucht und dort nicht nur ihre Albanischkenntnisse verbessert, sondern auch neue Freunde gefunden.

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