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Fokus Osteuropa

Serbische Studenten auf Entdeckungsreise in Deutschland

Acht von zehn jungen Serben waren noch nie im Ausland. Eine deutsche Initiative will das ändern und hat Studierende nach Deutschland eingeladen. Die erste Gruppe war nun zu Gast – und machte erstaunliche Erfahrungen.

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Studienziel Deutschland

Die Idee für das Projekt "Willkommen in Deutschland", in dessen Rahmen insgesamt 200 Studenten aus Serbien die Bundesrepublik besuchen werden, entstand im Oktober vergangenen Jahres. Damals besuchte eine Delegation des BMZ unter Leitung der Parlamentarischen Staatssekretärin Karin Kortmann die serbische Hauptstadt Belgrad. Im Gespräch mit Vertretern der deutschen Botschaft und den dort ansässigen deutschen politischen Stiftungen stimmte man darin überein, dass es einen deutsch-serbischen Jugendaustausch geben müsse.

"Eines der großen Probleme des Landes besteht ja bekanntlich darin, dass die jungen Menschen kaum Kontakte außerhalb ihres Landes pflegen können, weil entsprechende Regelungen in der EU gelten, die sehr restriktiv sind und es praktisch unmöglich machen, dass junge Menschen einmal außerhalb der Grenzen erfahren, welche Entwicklungen und Möglichkeiten sich in Europa eröffnen," erklärt Leo Kreuz, Leiter des Bereichs Südosteuropa beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Kaum Auslandserfahrungen für junge Serben

Auch in Gesprächen mit jungen Serben und serbischen Politikern wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass gerade junge Menschen die Welt außerhalb der Grenzen Serbiens kennen lernen. Schließlich haben acht von zehn jungen Serben ihr Land noch nie verlassen, so eine Erhebung des serbischen Regierungsbüros für EU-Integration. Diese Isolation rührt noch aus der Zeit des Regimes von Slobodan Milosevic. Das bedeutet auch, dass die Erstwähler bei den Parlamentswahlen in diesem Januar in ihrer Kindheit und Jugend nur dieses Regime kennen gelernt haben. Serbischen Politikern zufolge sind sie eine leichte Beute für nationale und radikale Kräfte. Deshalb betont Staatssekretärin Karin Kortmann: "Wir wollen ein erweitertes Europa, wir wollen Menschen, die nicht engstirnig national orientiert denken, sondern den weiteren Blick haben. Es ist wichtig, dass sie diese Weite erfahren so lange sie noch jung sind und so wissen, es tut sich mehr als sie im eigenen Land erfahren."

Wertvolle Erfahrungen

Bei den serbischen Studenten ist der Besuch in Deutschland gut angekommen. "Ich finde, die Deutschen sind sehr freundlich. Und ich habe nur schöne Erfahrungen gesammelt. Der Lebensstandard ist sehr hoch. Allerdings hat mich schon überrascht, dass sich dieses Land nicht besonders von Serbien unterscheidet. Insbesondere die Natur, die man aus dem Bus oder dem Zug sieht, ist fast genau so, als wenn Sie durch Serbien fahren", sagt Milena Markovic, Studentin aus dem zentralserbischen Nis.

Boris Belek kommt aus Novi Sad, sein Resümee der Reise lautet: "Wir haben sehr viel gelernt. Das ist etwas Wertvolles, das wir auf keine andere Art erhalten können, als ins Ausland zu fahren und mit den Leuten zu sprechen. Deshalb sind dieses Projekt und diese Reise sehr viel besser als irgendeine touristische Reise. Wir haben nicht nur die Geschichte und Kultur kennen gelernt. Darüber hinaus haben wir direkt mit den Leuten gesprochen, die Entscheidungen treffen, aktiv in ihrer Umgebung sind. Mit Leuten, die hier leben. Die Gespräche und Diskussionen mit ihnen sind für uns außerordentlich wichtig."

Zerstörte Illusionen

Milena will nach ihrer Rückkehr zu Hause erzählen, "dass der Unterschied gar nicht so groß ist, wie man bei uns häufig annimmt. Wir stellen uns Westeuropa als eine Art El Dorado vor. Dieses El Dorado existiert offenbar nicht mehr. Das heißt, auch Deutschland hat seine Probleme."

Nikola Tomic, Student aus dem westserbischen Pozega und Aktivist einer NGO, die sich mit dem Aufbau der Zivilgesellschaft und dem Schutz von Menschenrechten befasst, betrachtet die deutsche Gesellschaft eher kritisch. Er räumt zwar ein, dass die Deutschen in der Praxis viel von Menschenrechten und dem Schutz von Minderheiten halten. Aber, so sagt Nikola: "Tiefgründiger betrachtet haben sie auch Probleme mit Minderheiten. Insbesondere mit den Türken und ihrer Integration in die Gesellschaft. Allerdings hat Deutschland sei 1945 bis heute enorme Fortschritte gemacht. Besonders im Hinblick auf die Vergangenheitsbewältigung, dem Erkennen und Zugehen auf Menschen einer anderen Nationalität."

Einhellig sind die Jugendlichen aus Serbien der Meinung, dass die Reise nach Deutschland sie noch mehr dazu angespornt hat, sich zu Hause zu engagieren und auch die Menschen in ihrer Umgebung zu mehr Engagement anzuregen.

Mirjana Dikic
DW-RADIO, 9.5.2007, Fokus Ost-Südost