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Fokus Osteuropa

Serbisch-kosovarischer Dialog ohne internationale Vermittler

Erstmals seit Jahren haben sich serbische und kosovo-albanische Journalisten getroffen und über ihre Zusammenarbeit gesprochen. Spannend wird besonders die Zeit nach der endgültigen politischen Klärung des Kosovo-Status.

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Was wird in Zukunft über das Kosovo berichtet?

"Wir müssen unsere Vorurteile aus dem Weg räumen und mit fairer Berichterstattung beginnen, weil das die einzige Möglichkeit ist, uns einander anzunähern", so Muhamet Hajrullahu, Journalist des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) aus dem Kosovo. Seinen Worten lauschen aufmerksam mehr als 20 Journalisten aus Serbien und dem Kosovo, die sich – ohne internationale Vertreter – kürzlich im südserbischen Skigebiet Kopaonik trafen. Ziel des Treffens war es, die Zusammenarbeit der Journalisten aus Serbien und dem Kosovo zu verbessern.

Journalistische Standards sind Mangelware

Nadezda Gace, Vorsitzende des Unabhängigen Journalistenverbandes Serbiens (NUNS), berichtet der Deutschen Welle, dass bislang der Berichterstattung über "die Anderen" nur "sehr schlechte" Standards zugrunde lagen. Den Journalisten zufolge sei ein Grund dafür, dass die Kollegen aus dem Kosovo und Serbien unzureichend miteinander vernetzt seien. Für Zeljka Jeftic, Journalistin der Belgrader Zeitung Blic, liegt der Hauptgrund für die schlechte Berichterstattung jedoch darin, dass die Journalisten nicht dazu bereit seien, gängige journalistische Standards anzuwenden. "Ich glaube, die meisten Medien in Serbien wie im Kosovo haben sich praktisch in den Dienst der Interessen ihres Landes gestellt", sagt Jeftic.

Berichterstattung von Vorurteilen beeinflusst

Alle Journalisten, die sich für die drei Tage in Kopaonik einfanden, nahmen eigentlich an einem Treffen unter der Bezeichnung "Kosovo und Serbien – Zusammenarbeit der Medien nach der Lösung des Kosovo-Status" teil. Andrej Nosov, Vorsitzender der Nicht-Regierungsorganisation Initiative der Jugend für Menschenrechte aus Belgrad, die das Treffen veranstaltete, sagte DW-RADIO, seine Organisation arbeite bereits seit vier Jahren intensiv daran, Journalisten aus dem Kosovo und Serbien miteinander zu verbinden.

Bei der Analyse der Medien in Serbien und im Kosovo hätten sie festgestellt, dass sich Journalisten häufig von Mythen, tagespolitischen Ereignissen, Hasstiraden und Rassismus leiten ließen. Daher sei es erforderlich, "vordringlich neue Verbindungen zu schaffen und einen neuen Standard zu etablieren: Ein Journalist ist ein Journalist. Seine ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung oder was auch immer sind seine Privatsache", fordert Nosov.

Journalisten-Austausch und Hospitationen geplant

Für Eviliana Berani vom Journalistenverband des Kosovo ist die Grundvoraussetzung für die Verbesserung der Zusammenarbeit dieser beiden Regionen genau das, was in den ganzen letzten Jahren gefehlt hat: die direkte Kommunikation zwischen den Journalisten und den Berufsverbänden. "Die Menschen müssen häufiger über die gemeinsamen Probleme sprechen. Wir müssen uns gegenseitig unsere Ideen präsentieren und sehen, ob Bedarf besteht für ein spezielles Projekt in Form einer engeren Zusammenarbeit", sagt Berani.

Nadezda Gace zufolge entwickeln sich die Beziehungen unter den Medien und den Journalisten bereits in eine positive Richtung. Als Beispiel dafür nannte sie, dass sich in Kopaonik erstmals nach vielen Jahren Vertreter von Journalistenverbänden aus Serbien und dem Kosovo getroffen hätten. So habe NUNS dem Journalistenverband des Kosovo auch eine konkrete Form der Zusammenarbeit angeboten. "Wir von NUNS sind der Meinung, dass es unerlässlich ist, dass Kollegen aus Serbien längere Zeit in kosovarischen Redaktionen verbringen", sagt Gace. "Gemeinsam mit Kollegen aus dem Kosovo sollen sie ein Thema bearbeiten, das dann sowohl in kosovarischen Medien und in einer serbischen Tages- oder Wochenzeitung veröffentlicht wird. Das Gleiche ist auch für den Hörfunk und das Fernsehen geplant", so die NUNS-Vorsitzende. Ein Austauschprojekt soll jeweils zwei Wochen dauern.

Erlahmt das Medien-Interesse nach der Statusklärung?

Einige Journalisten vertreten die Meinung, dass das Medieninteresse für die Gegenseite sinken wird, wenn erst der endgültige Status des Kosovo feststeht. Zeljka Jevtic befürchtet, dass die Zusammenarbeit stetig abnehmen wird, sollte das Kosovo eine bedingte Unabhängigkeit erhalten. Dann würden die Medien in Serbien das Interesse an der Region verlieren. "In Serbien gibt es heute auch keine Geschichten mehr darüber, wie Serben im kroatischen Slawonien oder Knin leben", sagt Jevtic. "Vielleicht wird das Kosovo in der ersten Zeit nach der Status-Lösung noch interessant sein, vornehmlich in politischer Hinsicht: ob die Serben das Kosovo verlassen oder dort bleiben, ob sie genug zu essen haben und so weiter. Die Geschichten werden weniger, sobald sie nicht mehr von politischem Interesse für die Politiker in Belgrad sind", vermutet die Belgrader Journalistin.

Es gibt noch viel zu berichten

Andere dagegen sind optimistisch. Einer davon ist Muhamet Hajrullahu. Er glaubt, dass nach der Statusklärung zahlreiche regionale Themen aufkommen werden, die bisher in den Hintergrund der Status-Frage geraten seien. "Zum Beispiel Integration, Wirtschaft, Handel", zählt er auf und fordert: "Ein Journalist muss unabhängig davon, ob er aus Pristina oder Belgrad oder von woandersher ist. Er muss mit den Kollegen aus der Nachbarschaft zusammenarbeiten, wenn er über ein regionales Thema berichten will." Nadezda Gace stimmt Muhamet Hajrullahu in diesem Punkt vollends zu. Eine klare politische Lösung des Kosovo-Status würde auch zu einem klaren Bild in den Medien beitragen. "Wenn die Dinge klar und deutlich sind, ermöglichen sie auch eine bessere Zusammenarbeit", sagt die NUNS-Vorsitzende.

Zelimir Bojovic, zurzeit Kopaonik
DW-RADIO/Serbisch, 17.4.2007, Fokus Ost-Südost