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Krise der Fakten - Krieg der Meinungen

Serbiens Troll-Truppen

Serbiens Regierungspartei beeinflusst offenbar mit eigens eingesetzten Trollen die öffentliche Meinung im Internet. Sie bejubeln den Ministerpräsidenten und diffamieren Kritiker. Das berichten mehrere Medien.

"Die Festung" - so nennt Marija ihren ehemaligen Arbeitgeber. Die Serbin hat für die in Belgrad regierende Fortschrittspartei gearbeitet, als sogenannter Troll, bezahlt aus der Staatskasse. Marija heißt in Wirklichkeit anders, will ihren Namen aber aus Angst nicht nennen. Der serbischen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Newsweek" hat sie zahlreiche Details über ihre Arbeit erzählt. Ihre Hauptaufgabe: im Internet die Politik von Premier Aleksandar Vučić in ein positives Licht stellen.

Gerüchte über diese geheime "Troll-Armee" gibt es schon lange. Doch jetzt sprechen immer mehr ehemalige Mitarbeiter öffentlich über ihre Arbeit - auch Recherchen verschiedener Medien und Stiftungen decken zahlreiche Details auf.

Die Trolle treten in Foren, auf Kommentarseiten und in den Sozialen Netzwerken auf, getarnt als "normale Bürger". Sie bejubeln die Regierung und verteufeln Andersdenkende. "Es fiel mir schwer, das zu machen und verschiedene Affären zu fabrizieren, obwohl ich wusste, dass es Lügen waren", so Marija in der "Newsweek".

Serbien Wahlkampf Partei SNS Aleksandar Vucic (picture-alliance/dpa/K. Sulejmanovic)

Premier Vučić: Mit dem Einfluss auf Medien und Soziale Netzwerke festigt er seine Macht

Was an ihrer Geschichte besonders erschreckt, sind die Details, die sie über das Ausmaß der Strukturen erzählt. So soll es in vielen Städten "Troll-Kontingente" geben sowie versteckte Büros. Es habe einen Dienstplan mit Schichtarbeit gegeben und Mitarbeiter, die alles überwachten, so Marija. Und dabei konnte man offenbar gutes Geld verdienen: "Wir waren alle offiziell als Beamte irgendwo in der öffentlichen Verwaltung angestellt", sagt sie. Das Gehalt: ab 370 Euro im Monat aufwärts. Das entspricht dem monatlichen Durchschnittslohn in dem armen Balkanland. "Als Troll zu arbeiten, bedeutete für mich das Überleben. Einen richtigen Job konnte ich nicht finden, das war meine einzige Einkommensquelle", sagt Marija, die mittlerweile im Ausland lebt.

Vučić - Zuständiger für Propaganda und Zensur

Regierungschef Aleksandar Vučić und seine Fortschrittspartei kamen vor fünf Jahren an die Macht und verbuchten seitdem zahlreiche Wahlsiege - sowohl auf Landes-, als auch auf lokaler Ebene. Vučić kennt sich aus im sozialen wie politischen Belgrad - der Hauptstadt Serbiens. Nicht nur, weil er dort geboren und aufgewachsen ist. In den 1990er-Jahren sammelte er zudem Erfahrungen in der Propaganda und Zensur. In den letzten Jahren des Milošević-Regimes, als der Kosovo-Krieg tobte, war der angriffslustige Nationalist Vučić Informationsminister. Wobei diese Bezeichnung eher beschönigend ist. Denn im Grunde war er für Propaganda und Zensur zuständig.

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Das Geschäft mit den Fake News

Sein Comeback mit der neuen Partei feierte er aber als pro-europäisch gesinnter Politiker, der sich angeblich geändert habe und bereit sei, Tag und Nacht für die Zukunft seines Volkes zu arbeiten. Die von der EU verlangten Reformen zieht er unermüdlich durch, auch der Dialog mit der ehemaligen Südprovinz Kosovo geht endlich voran. Von Brüssel aus gesehen ist Vučić vor allem ein Politiker, der eins tut - er liefert.

Seine Kritiker werfen ihm hingegen einen autoritären Regierungsstil, die Vergabe von Jobs an treu ergebene Anhänger und eine fast absolute Kontrolle der Medienlandschaft vor. Schlüssel für seine anhaltende Popularität seien dabei die landesweiten Fernsehsender, die alle auf Regierungslinie gebracht wurden, sagt Mihailo Tešić, Belgrader Marketing-Experte und Blogger. Fünf Stunden am Tag schauten die Serben Fernsehen, so der Experte, und damit im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel. 

Mehrere hundert Trolle

Laut einer Studie der Denkfabrik "Neues politisches Denken Serbiens" informiert sich nur gut ein Viertel der Bevölkerung vorrangig online. Angesichts dessen erscheint die Größe der "Troll-Truppe" der Regierungspartei relativ groß. Die Netzexpertin AstroG, die ebenfalls nicht mit ihrem echten Namen genannt werden will, geht von mehreren hundert Mitarbeitern aus. AstroG hat sich selbst zur Aufgabe gemacht, die Fake-Accounts der Truppe offen zu legen. Doch die Trolle nutzten tausende Identitäten, so AstroG.

Politische Gegner und Andersdenkende hätten diese "Troll-Armee" längst durchschaut und für diese nicht viel mehr als Spott übrig, so die Netzexpertin. Die Trolle würden vor allem die Texte einiger gut besuchter Portale kommentieren. "Dort wollen sie den Eindruck vermitteln, dass die Bürger restlos die Regierungspolitik unterstützen. Damit alle anderen resignieren", meint der Marketingexperte Tešić.

Auch AstroG weiß durch ihre Recherchen, dass die Regierungstrolle sehr gut organisiert sind. "Die Auftraggeber geben täglich Befehle: Wer sind heute die Hauptfeinde und wie sollen sie angegriffen werden? Wer sind die Helden, die man feiern soll? Was soll verschwiegen und was hingegen lauthals verkündet werden?" Die Mitarbeiter seien in Arbeitsgruppen unterteilt - manche füllen mit ihren Beiträgen die Kommentarspalten von Onlineportalen, andere wiederum tummeln sich vorwiegend auf Facebook und Twitter", so die Kennerin der Szene.

So könnten sie das weniger informierte Publikum täuschen und Themen setzen. Aktivisten, Oppositionelle und kritische Journalisten werden als "westliche Fremdagenten" beschimpft und als Störenfriede, die den Weg für einen Staatsstreich ebnen.

Wie Gaming

Intern sollen die Troll-Truppen ihre Aktivitäten wie ein Spiel regeln. Das weiß man von den Insidern, die serbischen Medien davon berichteten. So soll es mehrere Plattformen geben, auf denen die Schichtführer Befehle austeilen und die Trolle dann eintragen können, wie viele Kommentare, Likes und Tweets, sie abgesetzt haben. Sie sollen den Insiderangaben zufolge nach einem Punktsystem bewertet werden. Von diesem hänge auch ihr Platz in der Hierarchie sowie ihr Gehalt ab. 

Belgrad Serbien Ausstellung Unzensierte Lügen (picture-alliance/dpa/T. Brey)

Kritische Medienbeiträge ließ die Regierungspartei ausstellen unter dem Überschrift: "Unzensierte Lügen"

Die Belgrader Stiftung SHARE, die sich der Erforschung Neuer Medien widmet, hat erforscht, wohin die Schaffung dieser parallelen Wirklichkeit führt. In den vergangenen Jahren dokumentierte sie hunderte der Beleidigungen, Drohungen und Lügen in den Sozialen Netzwerken. Immer wieder hätten die Lügen auch Folgen in der "echten" Welt, berichtet die Stiftung, Entlassungen seien ein Beispiel dafür. "Wir haben anfangs geglaubt, dass die Sozialen Netzwerke ein Fundament der Demokratie sein können, dass sie die Öffentlichkeit vom Informationsmonopol der klassischen Medien befreien. Das war eine falsche Annahme", so der Programmdirektor der Stiftung Đorđe Krivokapić zur DW. "Wenn wir keine Freiheit im realen Raum haben, können wir auch im digitalen keine haben."

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