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Europa

Serbien versinkt in Lethargie

Die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic brachte den Reformprozess zum Stillstand. Seine politischen Nachfolger sorgen für Missmut und Protest im In- und Ausland. Ein Kommentar von Klaus Dahmann.

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Es sind wenige Momente, von denen man mit Recht sagen kann, dass die gesamte serbische Bevölkerung aus ihrer Lethargie erwacht. Der Sturz des Diktators Slobodan Milosevic im Herbst 2000 war so einer. Euphorisch trugen damals Hunderttausende in Belgrad und anderen serbischen Städten eine Epoche zu Grabe, die die ganze Region in Kriege gestürzt und Serbien Ächtung und Armut gebracht hatte. Es waren Tage, in denen sich plötzlich eine Aufbruch-Stimmung Bahn brach, die auch die größten Skeptiker im Ausland erfasste.

Vom Machtmenschen zum Märtyrer

Doch persönliche Streitereien innerhalb der DOS-Regierung blockierten die Politik - insbesondere die taktischen Ausbremsungs-Manöver zwischen Zoran Djindjic und seinem national-konservativen Widersacher Vojislav Kostunica. Vor allem aber blieb der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung so minimal, dass ihn kaum jemand im Portemonnaie spürte. Viele sanken wieder in die alte Lethargie zurück.

Bis zu jenem zweiten - diesmal tragischen - Moment: dem Attentat auf Ministerpräsident Djindjic am 12. März letzten Jahres. Da war nicht mehr von einem machtbesessenen Politiker die Rede, da bezeichneten ihn viele plötzlich als Märtyrer der Demokratisierungs-Bewegung. Selbst Vergleiche mit Englands Richard III. waren zu vernehmen. Kein Zweifel: Der mehrwöchige Ausnahme-Zustand, den die serbische Regierung nach dem Attentat ausrief, hätte ohne diesen Schock wohl kaum Erfolg gehabt. Mit Unterstützung der Bevölkerung gelang ein breiter Schlag gegen die organisierte Kriminalität im Lande.

Streit statt Demokratie

Nur: So tief der Schock auch gewesen ist - wer in Serbien heute nach einer nachhaltigen Wirkung der letztjährigen Sympathie-Welle für Zoran Djindjic und seine Politik sucht, findet nicht viel. Das so genannte demokratische Lager hat nach dem Ende des Ausnahme-Zustands schnell wieder auf Alltagstrott umgeschaltet: Streit, Streit und nochmals Streit. Dass Einigkeit unter den demokratischen Kräften nach wie vor ein wertvolles Gut ist, um den von Djindjic begonnenen Reformprozess zu verteidigen, haben sie offenbar noch immer nicht begriffen. Und ihr Gehabe ähnelt nach wie vor eher dem einstiger kommunistischer Apparatschiks als dem moderner europäischer Spitzenpolitiker.

Man kann Zoran Djindjic sicher vorwerfen, beim Polit-Poker kräftig mitgemischt zu haben. Dennoch war er ein Mann mit Prinzipien - auf ein so gefährliches Spiel mit dem Feuer, wie es derzeit Vojislav Kostunica mit Milosevics Sozialisten betreibt, hätte sich Djindjic nicht eingelassen. Kostunica tritt derzeit jene Mehrheit in der Bevölkerung, die sich zu Djindjics Ziel eines demokratischen, stabilen und friedlichen Serbien bekennt, mit Füßen.

Abschied von Visionen

In Serbien droht wieder Lethargie einzukehren. Davon profitieren die radikalen Kräfte: Die Partei von Vojislav Seselj ist als stärkste Fraktion ins Parlament eingezogen. Aber auch die organisierte Kriminalität hat die Zeichen der Zeit erkannt. Die Ermordung eines Hauptzeugen im Prozess gegen die Djindjic-Attentäter vor wenigen Tagen hat zwar Schlagzeilen gemacht, aber ein Sturm der Empörung ist in der Bevölkerung nicht losgebrochen.

In dieses Bild passt auch, dass zum ersten Jahrestag des Djindjic-Mords keine offiziellen Gedenkveranstaltungen stattfinden. Kostunica führt also den persönlichen Kampf gegen Djindjic weiter fort, indem er das Attentat als Ereignis abhakt, das doch besser der vergessenswerten Vergangenheit angehören sollte. Und will damit offenbar auch vergessen machen, dass Djindjic der einzige Politiker in der jüngeren serbischen Geschichte war, der eine klare Zukunfts-Vision für sein Land hatte. Eine Vision, die er konsequent verfolgte. Und die auch für seine Nachfolger ein Leitbild sein sollte.

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