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Fokus Osteuropa

Serbien: Sportliche Erfolge, aber kaum staatliche Sportförderung

In vielen Ländern rühmen sich Politiker gerne mit den Erfolgen großer Sportler. Das ist auch in Serbien so. Doch trotz einiger herausragender Athleten: die Politik tut wenig zur Förderung des Sports im Lande.

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Auch Politiker wollen punkten

Obwohl Serbien ein vergleichsweise kleiner Staat ist, haben serbische Sportler in letzter Zeit beachtliche sportliche Erfolg feiern können, allen voran die Tennisspieler. Die Erfolge verwundern jedoch. In Serbien wird nur wenig in die Förderung von Spitzensportlern investiert. Die ganze Nation verfolgte in den vergangenen Wochen gebannt vor ihren Fernsehgeräten die Turniererfolge der Tennisspieler Novak Djokovic, Jelena Jankovic oder Ana Ivanovic, die zur Weltelite im "weißen Sport" gehören. Der Beginn der Karriere dieser Sportler fand unter ungünstigen Umständen statt. Ana Ivanovic zum Beispiel hatte zunächst noch nicht einmal einen Tennisplatz für das Training zur Verfügung. Sie übte damals in einem leeren Schwimmbecken. Novak Djokovic, die heutige Nummer 3 der Weltrangliste, erzählt immer noch davon, dass es derzeit in ganz Serbien keine einzige richtige Spannmaschine für Tennisschläger gibt.

Kuriose Wettrennen der Politiker

Diese Umstände hindern serbische Politiker nicht daran, eine Art kurioses Wettrennen zu veranstalten, wenn es darum geht, wer am schnellsten ein offizielles Glückwünsch-Telegramm an erfolgreiche Sportler verschickt. Professor Ljubisa Rajic von der Philologischen Fakultät in Belgrad kritisierte diese Praxis. Die Politiker hätten kein moralisches Recht auf Entsendung solcher Glückwünsche. Sie verfolgten dabei nur ihre eigenen Interessen und Karrierepläne, so Rajic im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Die Erfolge der Sportler sind ihre eigenen Erfolge, das sind weder Erfolge des serbischen Staates, noch Erfolge der serbischen Regierung. Nur diejenigen Politiker, die sich um die Entwicklung des Jugendsports, des Freizeitsports kümmern, die erkannt haben, wie wichtig sportliche Bewegung für die Gesundheit der Bevölkerung ist, nur sie dürfen von sich behaupten, sie hätten etwas für den Erfolg getan. Davon gibt es bei uns aber nicht sehr viele", sagt der Belgrader Wissenschaftler.

Profiklubs erhalten Geld - Amateure gehen meist leer aus

Rajics These ist einfach: Die Politiker in Serbien können gar nicht dafür "verantwortlich" sein, dass die serbischen Tennisspieler, Wasserballer, Basketballer oder andere Sportler in ihren Disziplinen gewonnen haben. Die Politiker hätten nämlich absolut nichts getan, um diese Erfolge zu ermöglichen, erläutert er. Die Rahmenbedingungen für die sportliche Entwicklung der Bevölkerung Serbiens seien nicht gut, behaupten viele Kritiker. Als "Hauptschuldige" werden das Ministerium für Jugend und Sport bzw. die zuständige Ministerin Snezana Samardzic-Markovic angesehen. Das Ministerium gebe Geld für professionelle Sportklubs aus. Amateure hingegen gingen meist leer aus, behaupten die Kritiker. Die Ministerin hat zwar angekündigt, die Gesetzeslage an die EU-Normen anzupassen: "Die Ergebnisse dieser Entwicklung werden erst in einigen Jahren sichtbar", fügte sie aber hinzu.

Ljubisa Rajic von der Belgrader Universität findet, das Ministerium solle sich nicht in den professionellen Sport einmischen, es gehe schließlich um kommerzielle Aktivitäten. "Ich persönlich bin der Meinung, dass Fußballklubs wie Partizan oder Crvena Zvezda (Roter Stern) oder beliebige andere professionelle Sportbetriebe unter die Kompetenz des Wirtschafts- und nicht wie bisher des Sport-Ministeriums fallen sollten. Solche Klubs sind in der Tat wirtschaftliche Unternehmen, und ich sehe überhaupt keinen Grund dafür, dass der Staat in diese Klubs Geld investiert", so Rajic.

Geld, so der Wissenschaftler, fehle dafür an anderer Stelle. Die aktuellen Daten über den Gesundheitszustand serbischer Schüler seien vernichtend, berichtet der Philologe: "Die meisten Schulen stellen ihre Sportflächen und Hallen nicht den Schülern zu Verfügung, sie vermieten sie, damit die Schulen daraus finanziellen Nutzen ziehen können".

Die Debatte, die zur Zeit in der serbischen Öffentlichkeit über die Sportförderung talentierter Jugendlicher geführt wird, zeige, wie wichtig eine richtige Sportpolitik sei, betont Rajic in einem Gespräch mit der Serbischen Redaktion der Deutschen Welle. Sie beginne mit der Förderung im Vorschulalter. Weitere Förderungen seien während der Schulzeit und danach im Erwachsenen-Amateurbereich notwendig. Diese Kette sei die Voraussetzung für spätere Erfolge im Profi-Bereich, so Rajic.

Glückwünsch-Telegramme sehr beliebt in der Region

Serbien ist dabei kein isoliertes Beispiel in der Region. Im benachbarten Kroatien sind die Glückwünsch-Telegramme genauso beliebt. Ein Beispiel hierfür: Nachdem die Hochspringerin Blanka Vlasic vor kurzem bei der Leichathletik-Weltmeisterschaft in Osaka die erste WM-Goldmedaille in der Geschichte für ihr Land holte, gab es wahrlich eine Flut solcher Telegramme. Präsident, Ministerpräsident, Parlamentspräsident, Bürgermeister und unzählige andere Funktionäre gratulierten der Weltmeisterin. Dass Vlasic in ihren jungen Jahren keine guten Trainingsbedingungen hatte, dass ihr Vater alleine ein Vermögen in die Karriere seiner Tochter steckte und dabei kaum Hilfe von der staatlichen Sportförderung erhielt, darüber wurde nicht viel gesagt. Statt dessen beschloss die kroatische Regierung kurzerhand, der 23-jährigen Sportlerin, ihrem Vater und ihren Trainern die Goldmedaille mit einer zusätzlichen 48.000 Euro-Prämie zu verschönern.

Ivica Petrovic, Belgrad
DW-Radio/Serbisch, 10.9.2007, Fokus Ost-Südost