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Welt

Serbien: "Jugo-Nostalgie" - Titos Blauer Zug

Von Sarajewo bis Belgrad greift eine "Jugo-Nostalgie" um sich - eine Sehnsucht nach dem früheren Jugoslawien. Die Serbische Eisenbahn machte deshalb den privaten Zug des einstigen Staatschefs Tito wieder flott.

Schaffner vor der Blauen Lokomotive des Zuges bläst in eine Trillerpfeife

Einst Privatgefährt des Diktators, heute Touristenattraktion

Er rollt in eine Bahnstation in Belgrad ein - der berühmte Blaue Zug, mit dem der jugoslawische Präsident Marschall Josip Broz Tito auf unzähligen Auslandsreisen unterwegs war. Und obwohl er 25 Jahre in einem staubigen Depot stand, hat der leuchtend blau lackierte Zug weder außen noch innen etwas von dem kommunistischen Glanz der Tito-Zeit verloren.

Seine Waggons, Empfangssalons und Schlafwagen sind alle in ihrem alten Zustand und mit ihrer ursprünglichen Ausstattung erhalten: dunkle Holztäfelung, dicke luxuriöse Teppichböden und elegante Möbel im Stil der 50er Jahre. Als der Blaue Zug 1947 ausschließlich für Tito gebaut wurde, galt er als einer der luxuriösesten der Welt.

Reisen in eine bedeutende Vergangenheit

Passagiere schauen aus den Zug-Fenstern

Ein Stück Geschichte erfahren - Passagiere in Titos Zug

Heute lässt die serbische Eisenbahngesellschaft Touristen dafür zahlen, dass sie in dem Zug fahren können. Reiseführer Slobodan Stetic begleitet die Reisenden bei ihrer Fahrt in die Vergangenheit. Stetic kennt den Blauen Zug in- und auswendig. Am liebsten mag er Titos Privatwaggon. "Wenn wir Titos Empfangssalon betreten, gefällt mir das Gefühl von der Bedeutung meines Landes damals, als Tito an der Macht war", sagt Stetic. "Die Menschen kamen zu Tito, um ihn nach seinem Rat zu fragen; wirklich wichtige und führende Persönlichkeiten aus der ganzen Welt schätzten Tito als einen intelligenten Staatsmann, als eine Person mit großer Weisheit."

Der ehemalige Machthaber Tito liebte seinen Zug und brachte es auf mehr als 400.000 Kilometer, die er in ihm unterwegs war. Manch einer behauptet sogar, dass Tito schon die Nacht vor seiner Abreise im Zug verbrachte, wenn dieser noch im Depot stand.

Geschichte nacherleben

Eine Gruppe amerikanischer Rentner hat es sich in einem Waggon an einem Konferenztisch bequem gemacht. Die Touristen sind von dem kommunistischen Staatschef, der sein Volk im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis verteidigte, fasziniert. Für zwei Stunden können sie jetzt wie Tito im Blauen Zug reisen. "Es ist wunderbar", sagt Gloria Lennart aus Kalifornien. "Es ist so eindrucksvoll, sich vorzustellen, dass Menschen wirklich in diesem Zug fuhren und sich hier trafen, wo der berühmte Tito Konferenzen abhielt und schlief - es ist wirklich sehr bewegend."

In den Jahren 1947 bis 1980, während Tito an der Macht war, empfing er viele Größen der Welt im Blauen Zug: Arafat, Breschnew, Nehru, Nasser, Mitterand, Brandt, Gaddafi. Viele Staatsoberhäupter hatten sogar ihren eigenen Waggon, wie die britische Königin Elisabeth II.

Ein beliebter Staatsmann, der Diktator

Josip Broz Tito

Josip Broz Tito

Durch seine auf Ausgleich zwischen dem Ostblock und dem Westen zielende Politik erwarb sich Tito auch außerhalb Jugoslawiens Ansehen, besonders bei westlichen Regierungen. Er verfolgte eine von der Sowjetunion unabhängige Politik und galt als einer der führenden Staatsmänner der Bewegung der Blockfreien Staaten. Innenpolitisch regierte Tito autoritär, trotzdem gab es eine relative Freiheit in der Gesellschaft, in der Kunst und der Kultur.

Die Jugoslawen hatten damals ein gutes Leben, sagt Reiseführer Stetic. Sie waren anders als die übrigen Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Zum Beispiel konnten Jugoslawen ohne Einschränkungen und ohne Visa sowohl in den Osten als auch in den Westen reisen. "Tito war ein charismatischer Führer; und er war ein gewiefter Spieler, er verstand es, gleichzeitig auf zwei Stühlen zu sitzen", sagt Stetic. "Er wusste zwischen Ost und West zu lavieren; das Volk liebte ihn, obwohl er ein Diktator war."

1980 starb Tito und das Machtvakuum wurde nie wieder richtig gefüllt. Als Jugoslawien in den 90er Jahren in sechs unabhängige Republiken zerbrach, durchlebten die Menschen auf dem Balkan einen der blutigsten ethnischen Kriege Europas. Heute sind die Beziehungen untereinander immer noch gespannt. Aber die aufkeimende "Jugo-Nostalgie" und die Erinnerung an die Zeiten Titos verbindet die Menschen.

Symbol für jugoslawische Werte

Karte Beograd Serbien

Bis zu Titos Tod hat Marija Petrovic fünf Jahre lang als seine Köchin im Blauen Zug gearbeitet. Sie erzählt, sie habe wirklich mit Freude für Tito gearbeitet. Er habe einfache Speisen geliebt - und Süßes. Und ständig habe es Lob gegeben. Nach dem Mittagessen sei er immer in die Küche des Zugs gekommen, um sich bei seinen Mitarbeitern zu bedanken. Die Köchin erinnert sich noch deutlich an den Tag, als Tito starb. "Es war ein bewegender Augenblick," sagt Petrovic. "Seine sterblichen Überreste wurden nämlich im Blauen Zug von Ljubljana nach Belgrad transportiert. Ich war dabei. Ich erinnere mich an die Ortschaften, durch die wir fuhren. Alle Menschen weinten. Das waren sehr bewegende Augenblicke."

Eisenbahnreisen in Zügen aus einer vergangenen Zeit werden bei Touristen zunehmend beliebter. Die "Jugo-Nostalgie" im Blauen Zug ist da keine Ausnahme. Sicherlich wolle heute niemand mehr ernsthaft ein vereintes Jugoslawien, sagt der Touristenführer Slobodan Stetic. Aber den Blauen Zug wieder aufs Gleis zu setzen, bedeute mehr, als einen alten Zug flott zu machen und aus dem Depot zu bringen.

"Wir hoffen in Zukunft der Europäischen Gemeinschaft beizutreten. Aber die Werte des früheren Jugoslawiens zu bewahren, hat einen symbolischen Charakter", sagt Stetic. "Und so geht von diesem Zug auch eine Botschaft aus: Schaut zurück auf das, was wir gemeinsam erreicht haben, und bringt das beste davon in die EU, wenn die Zeit gekommen sein wird. Der Symbolwert dieses Zuges ist riesig."

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