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Fokus Südosteuropa

Serbien - ein Paradies für Oligarchen

Serbiens Wirtschaft wird von einer Handvoll so genannter Tycoons kontrolliert. In der Milosevic-Ära zu Geld und politischem Einfluss gekommen, schotten sie bis heute wichtige Branchen vor unliebsamer Konkurrenz ab.

Karte von Serbien, das von einer Bärentatze ergriffen wird (Grafík: DW/AP)

Ein Land fest in Händen weniger Tycoons

Miroslav Miskovic tritt auf wie ein seriöser Geschäftsmann: Stets tadellos gekleidet, das graue Haar sorgsam gescheitelt, die Brillengläser getönt. Ein Geschäftsmann ist Miskovic auch - an seiner Seriosität allerdings scheiden sich die Geister. Der 65-Jährige gilt als der reichste Mann des Landes mit einem Privatvermögen von 2,8 Milliarden Dollar. Sein Konzern, die "Delta-Holding", erwirtschaftet geschätzte zehn Prozent des serbischen Brutto-Inlands-Produkts. Somit gehört Miskovic zu jener Handvoll Tycoons, die wichtige Branchen in Serbien fest im Griff haben.

Aufschwung ausgebremst

Miroslav Miskovic und der ehemalige EU-Komissar Olli Rehn schütteln sich die Hände (Foto: Delta Holding)

Miroslav Miskovic auch beim ehemaligen EU-Komissar Olli Rehn bekannt

"Sie arbeiten in Bereichen, die nicht dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, wie Telekommunikation, Einzelhandel. Sie haben in vielen Fällen Monopolpositionen. Miskovic verfügt etwas über 70 Prozent der Einkaufsfläche in Belgrad, das ist de facto ein Monopol", sagt Michael Ehrke, das Belgrader Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung leitet. Er hat gerade eine Studie verfasst über die Macht der Oligarchen. Und diese Macht hat konkrete Folgen: So müssen etwa die serbischen Verbraucher beim Einkaufen für viele Produkte deutlich mehr bezahlen, weil der Preiswettbewerb ausgehebelt ist. Unliebsame Konkurrenz aus dem Ausland halten sich die einheimischen Bosse mithilfe ihrer politischen Kontakte gerne vom Hals. Und so kommt auch die serbische Wirtschaft insgesamt nicht in Schwung. Denn statt die Exportindustrie anzukurbeln, konzentrieren sich die Magnaten lieber auf den gesicherten heimischen Markt.

WAZ kapituliert

Geschäftsführer der WAZ-Gruppe Bodo Hombach im Porträt (Foto: dpa)

Bodo Hombach enttäuscht über serbisches Geschäftsgebahren

Als Opfer dieses politisch-industriellen Komplexes sieht sich auch Bodo Hombach, der Geschäftsführer des Essener Medienkonzerns WAZ. Sein Versuch, in Serbien Fuß zu fassen, ist gerade mit lautem Getöse gescheitert, zuletzt an der missglückten Übernahme einer serbischen Boulevardzeitung. Bei diesem Deal hatten sich die Essener selbst mit zwielichtigen Mittelsmännern eingelassen, die sie am Ende sitzen ließen - auf Druck der Mächtigen, ist Bodo Hombach überzeugt. "Im Fall Serbien haben wir mit sehr viel Geduld, über zwei Jahre, vieles hingenommen, viel Gehässiges. Das zeigt, dass hier eine Gemengelage ist zwischen Oligarchen und staatlichen Stellen, die kaum aufzulösen ist. Vor der haben wir resigniert und gesagt: Unter solchen Bedingungen wollen wir nicht mehr Investor sein", so Hombach.

Milosevics Erbe

Milosevics Porträt hinter einem zerrissenen Vorhang (Foto: AP)

Die Folgen der Milosevic-Ära noch heute erkennbar

Die meisten Oligarchen haben in der Milosevic-Ära den Grundstein gelegt für ihren Aufstieg. Sie unterhielten beste Beziehungen zum Belgrader Diktator, verdienten an den Privatisierungen und vor allem den Kriegen in dessen Amtszeit kräftig mit. Michael Ehrke von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Belgrad dazu: "Die Tycoons - man könnte sie als Kriegsgewinnler bezeichnen. Und diejenigen, die am Krieg gewinnen, sind auch am Krieg interessiert. Man könnte sie also auch als Leute bezeichnen, die sicherlich nichts gegen diese Kriege unternommen haben."

Als Milosevic stürzte, wechselten die Magnaten geschmeidig die Seiten. Und stehen seitdem, wenn die Gerüchte stimmen, auf den Spenderlisten fast aller Parteien in Serbien - entsprechend will es sich kaum ein Politiker mit den Finanziers im Hintergrund verderben. Langsam allerdings könnte sich das ändern. So ließ aufhorchen, als Serbiens Präsident Boris Tadic vor kurzem, an die Adresse der Oligarchen gerichtet, von "unanständigem Reichtum" sprach: "Es gibt Menschen, die allzu großen Reichtum besitzen, der nicht das Ergebnis der Arbeit dieser Menschen ist. Und diese Menschen verfügen über diesen Reichtum in besonders arroganter Art und Weise: Sie ignorieren soziale, gesellschaftliche oder staatliche Probleme. Sie kümmern sich ausschließlich um sich selbst und ihr eigenes Vergnügen. Und sie haben keine soziale Verantwortung."

Schon musste Konzernboss Miskovic eilig Meldungen dementieren, er wolle seine Firmen alle verkaufen und sein Geld ins Ausland bringen. Doch ob Tadics Äußerungen tatsächlich konkrete Folgen haben für die serbischen Dunkelmänner - dazu hat der Präsident wohlweislich nichts gesagt.

Autor: Christoph Peerenboom

Redaktion: Mirjana Dikic

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