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Welt

Serbien befreit sich von einer großen Last

Seit 1995 war der meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Europas untergetaucht. Nun ist Serbiens Ex-General Mladic in seiner Heimat gefasst und soll dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt werden.

Der bosnische General und mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic (2.v.l.), umgeben von UN-Blauhelmsoldaten während des Bosnien-Krieges auf dem Flughafen von Sarajewo (Foto: AP)

Hier noch Chef der bosnisch-serbischen Armee: General Ratko Mladic

"Im Namen der Republik Serbien teile ich mit, dass Ratko Mladic verhaftet wurde", sagte Serbiens Präsident Boris Tadic am Donnerstag (26.05.2011) in einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Belgrad. Jetzt könne Serbien "ein unrühmliches Kapitel" seiner jüngeren Geschichte abschließen und den Weg zu einer "vollständigen Versöhnung" auf dem Balkan beschreiten. Mladic werde an das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien überstellt, sagte der Staatschef weiter: "Der Prozess der Auslieferung läuft bereits mit seiner Festnahme."

Das Tribunal in Den Haag legt Mladic Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs (1992-1995) zur Last.

Serbiens Präsident Boris Tadic während einer Pressekonferenz im Juli 2010 (Foto: AP)

Hofft nun auf die Einladung nach Europa: Serbiens Präsident Boris Tadic

Zugriff im Haus eines Verwandten

Details zur Festnahme wollte Tadic nicht preisgeben. "Das werden die Vertreter der Sicherheitsbehörden tun", sagte er. Serbische Medien berichten, Mladic sei im Norden des Landes dingfest gemacht worden. Der Geheimdienst habe den Gesuchten um neun Uhr früh im Dorf Lazarevo bei der Stadt Zrenjanin gefasst - und zwar im Haus eines Verwandten. Polizei und Geheimdienst hätten die Operation bereits um sechs Uhr früh begonnen, wird der Bürgermeister der Gemeinde zitiert.

Präsident Tadic hatte den Zugriff auf den meistgesuchten europäischen Kriegsverbrecher als Ergebnis einer "vollständigen Kooperation" Serbiens mit dem Tribunal in Den Haag dargestellt. Dort wurde die Verhaftung des meistgesuchten Verdächtigen mit Erleichterung aufgenommen. Serbien habe damit "eine seiner internationalen Verpflichtungen erfüllt", sagte der Chefankläger des Tribunals, Serge Brammertz, während eines Besuchs in Kroatien.

Mladics Flucht verhinderte Serbiens Gespräche über EU-Beitritt

Ein Zeitungsleser hält die serbische Zeitung 'Blic' in den Händen. Die Schlagzeile lautet: 'Mladic opkoljen' - 'Mladic umzingelt' (Foto: AP)

Mladic galt schon 2006 als "umzingelt"

Die Ermittler des UN-Kriegsverbrechertribunals hatten Belgrad in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, nicht genug für eine Festnahme von Mladic und anderen flüchtigen Kriegsverbrechern zu unternehmen. Noch am Tag der Verhaftung wurde ein Bericht von Brammertz an den US-Sicherheitsrat veröffentlicht. Darin heißt es, die Anstrengungen Serbiens seien "unzureichend". Dies untergrabe die "Glaubwürdigkeit und die Stärke" des Engagements Belgrads, vollständig mit dem Tribunal zu kooperieren.

Dass Mladic bislang auf der Flucht war, galt als bedeutendes Hindernis für Gespräche über einen EU-Beitritt Serbiens. Dementsprechend stellte Belgrad umgehend klar, dass nun als Gegenleistung für die Verhaftung ein zügiger EU-Beitritt erwartet wird. "Ich hoffe, die Türen stehen jetzt offen", sagte Präsident Tadic.

"Schlächter vom Balkan"

Fast 16 Jahre lang war Mladic auf der Flucht und hatte die internationale Gemeinschaft vorgeführt. Der als "Schlächter vom Balkan" bekannte frühere Chef der bosnisch-serbischen Armee wird sich vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien in Den Haag wegen seiner Rolle bei der Ermordung tausender Zivilisten während des Bosnienkrieges verantworten müssen. Unauslöschlich ist Mladics Name mit dem Massaker von Srebrenica verbunden. Vielen Serben gilt der heute 69-Jährige dagegen noch immer als ein Held.

Zwei Frauen trauern über den Särgen von exhumierten und identifizierten Opfern des Massakers von Srebrenica (Foto: AP)

Unauslöschlich mit dem Namen Mladics verbunden: Das Massaker von Srebrenica

Mladic wurde nicht nur als mutmaßlicher Chefplaner des Srebrenica-Massakers gesucht, bei dem am 11. Juli 1995 mehr als 8000 moslemische Jungen und Männer ermordet wurden; die Tat war das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der bullige General wird auch verantwortlich gemacht für die dreieinhalb Jahre andauernde Belagerung von Sarajevo mit weiteren 10.000 Toten. Im Juli 1995 wurde er vom Tribunal in Den Haag angeklagt und seit 1996 mit internationalem Haftbefehl gesucht.

"Wesentlicher Beitrag zur Gerechtigkeit"

Ratko Mladic 1996 bei einem Truppenbesuch (Foto: AP)

Der Ex-General ist heute noch für viele Serben ein Held

Geboren wurde Mladic am 12. März 1943 im ostbosnischen Bozinovici. Er war zwei Jahre alt, als sein Vater von den faschistischen kroatischen Ustascha-Milizen getötet wurde. Doch sein Hass richtete sich später vor allem gegen die Muslime. Sie "spießen Serben auf, verbrennen sie bei lebendigem Leibe, kreuzigen sie und stechen ihnen die Augen aus", wurde er einmal zitiert. Mladic handelte stets im Namen eines "Groß-Serbien" und machte sich beim früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic überaus beliebt. Doch im Gegensatz zu Milosevic, dem in Den Haag der Prozess gemacht wurde und der 2006 vor einer Urteilsverkündung im Gefängnis verstarb, gelang es Mladic jahrelang, seinen Häschern zu entgehen.

Aus deutscher Sicht rückt Serbien mit der Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers einem möglichen EU-Beitritt näher. Nun biete sich die Chance für eine wahrhaftige und rechtsstaatliche Aufarbeitung der abscheulichen Verbrechen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das sei gleichzeitig die beste Grundlage für eine Versöhnung und eine europäische Zukunft der Region. Außenminister Guido Westerwelle wollte nicht darüber spekulieren, warum die Suche nach Mladic so lange gedauert habe. Entscheidend sei, dass jetzt ein "ganz wesentlicher Beitrag" zur Gerechtigkeit geleistet worden sei, sagte Westerwelle in Berlin. Der Minister erinnerte an die Opfer des Massakers von Srebrenica und deren Angehörige: "Einer ihrer mutmaßlich schlimmsten Peiniger kann jetzt zur Verantwortung gezogen werden."

Wichtiger Schritt in Richtung Europa

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen beurteilte die Festnahme Mladics als "wichtigen Schritt" des Balkans Richtung Europa. Rasmussen erinnerte daran, dass Mladic "eine Schlüsselrolle in einigen der schwärzesten Episoden auf dem Balkan und in der europäischen Geschichte" gespielt habe. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso bekräftigte am Rande des G8-Gipfels in Deauville die europäische Perspektive Serbiens. Der Präsident des Europaparlaments, der Pole Jerzy Buzek, beglückwünschte die serbischen Behörden. "Die Festnahme ist eine gute Nachricht für Serbien, die Stabilität der Region und gibt dem serbischen Beitrittsprozess zur EU neuen Antrieb", sagte Buzek. Die Festnahme sei ein "überzeugender Beweis", dass Serbien mit dem Tribunal in Den Haag zusammenarbeiten wolle.

Goran Hadzic, mutmaßlicher Kriegsverbrecher und früherer Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina, auf einem Foto von 1991 (Foto: AP)

Als einziger Angeklagter des UN-Tribunals noch auf der Flucht: Goran Hadzic

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International begrüßte die Festnahme Mladics. Es habe mehr als 15 Jahre gedauert, ihn zu fassen, erklärte der Amnesty-Rechtsexperte Widney Brown. Nun aber könnten die Menschen, die gelitten hätten, endlich darauf hoffen, dass er vor Gericht zur Verantwortung gezogen werde. Die serbischen Behörden müssten nun ihre Anstrengungen verstärken, den noch flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrecher Goran Hadzic zu fassen. Der frühere Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist nun der einzig verbliebene flüchtige Angeklagte auf der Liste des Tribunals in Den Haag.

Autor: Rolf Breuch (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Martin Schrader

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