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Wissen & Umwelt

Sepsis - unerkannt oft lebensgefährlich

Ist ein roter Strich am Arm ein Zeichen für eine Blutvergiftung? So einfach ist das nicht. Die Diagnose einer Sepsis ist schwierig - oft kommt sie zu spät. Das kann im schlimmsten Fall sogar tödlich sein.

Seit sieben Jahren ist Rolf Thiel in einer ambulanten Reha-Maßnahme. Er hatte eine Blutvergiftung, eine Sepsis. Zweimal war der ehemalige Bergmann verschüttet und deshalb mehrmals an der Schulter operiert worden. So auch 2007. "Man hat mir gesagt, dass es mir abends gegen sechs Uhr eigentlich noch ganz gut ging. Aber nachts um Zwölf ist mein Körper dann wohl zusammengebrochen und ich kam auf die Intensivstation", erzählt Thiel. Dann ging alles ganz schnell: es kam zu Nierenversagen, er musste an die Dialyse, lag eine Zeit lang im Koma.

Ein recht typischer Verlauf einer Sepsis - von einem Moment auf den anderen kann eine lebensbedrohliche Situation entstehen. Jede Stunde zählt. Wird die Sepsis sofort erkannt, liegt die Überlebenschance bei 80 Prozent. Nach etwa sechs Stunden sinkt sie auf 30 Prozent. Neuesten Zahlen zufolge sterben jedes Jahr allein in Deutschland mehr als 60.000 Menschen an einer Blutvergiftung. Weltweit wird die Zahl auf acht Millionen geschätzt.

Risiko Immunschwäche

Eine Sepsis ist eine Infektion. Dabei gelangen Krankheitserreger ins Blut und befallen dann die Organe. Normalerweise wird der Körper mit einer Entzündung relativ gut fertig und wehrt sich gegen die gefährlichen Keime. Bei älteren Menschen aber oder bei Personen, die eine schwere Operation hinter sich gebracht haben, ist das Immunsystem meist stark geschwächt.

Immunsystem (Foto: bzga).

Menschen mit geschwächtem Immunsystem gehören zur Risikogruppe

Auch Patienten, deren Abwehrkräfte etwa durch eine Krebstherapie beeinträchtigt sind, gehören zur Risikogruppe. Die meisten Infektionen sind lokal begrenzt, betreffen beispielsweise die Lunge und können dann zu einer Lungenentzündung führen. Der Patient bekommt Antibiotika und erholt sich meist innerhalb weniger Tage. Bei Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, kann die Situation innerhalb weniger Stunden umschlagen.

"Der Erreger entfernt sich dann vom ursprünglichen Infektionsherd. Das kann zum Beispiel ein entzündeter Zeh sein", erklärt Frank Martin Brunkhorst vom Universitätsklinikum in Jena. "Von dort gelangen die Erreger in die Blutbahn und in die Organe. Im schlimmsten Fall kommt es zu Organversagen. Diesen Übergang zu erkennen, ist sehr schwierig", so der Sepsis-Experte. Es gebe keine eindeutigen Grenzen.

Beim Übergang von einer lokalisierten Infektion auf eine sogenannte systemische Infektion gehe dann häufig wertvolle Zeit verloren, so der Sepsis-Experte und beschreibt eine typische Situation. "Der Bereitschaftsarzt wurde gerufen, und zu dem Zeitpunkt war der Patient noch relativ stabil. Die Ehefrau hatte vielleicht noch Fieber gemessen. Ihr Mann hat noch Auskunft über seine Beschwerden geben können. Und eine halbe Stunde später ist er plötzlich verwirrt. Der Blutdruck sinkt, und er muss als Notfall ins Krankenhaus gebracht werden." Viel Erfahrung sei nötig, um da die richtige Diagnose stellen zu können.

Sepsis ist nicht gleich Sepsis

Eine Sepsis verläuft in vier verschiedenen Stadien. Das erste ist eine Infektion, die lokal begrenzt ist. Daraus kann dann eine Sepsis werden, danach eine schwere Sepsis, "das heißt, dass zum Beispiel die Niere nicht mehr richtig arbeitet, die Lunge, die Leber", erklärt Brunkhorst. Und dann gibt es den septischen Schock. Dabei versagt das Kreislaufsystem komplett.

Warum es bei Rolf Thiel zu einer Sepsis kam, ist nicht klar. Vielleicht war es eine der vielen Spritzen, die ihm ins kranke Schultergelenk gesetzt worden waren. Vielleicht war es eine unsaubere Blutkonserve. Bakterien im Krankenhaus? Drei Wochen lag Rolf Thiel auf der Intensivstation. Insgesamt verbrachte er etwa zwei Monate in der Klinik. Er hatte Glück im Unglück. Sein Glück: Er hat überlebt. 50 Prozent aller Patienten sterben infolge einer Sepsis. Sein Unglück: Nichts ist mehr wie es einmal war. Wenn er zwei Etagen laufe, müsse er sich danach erst einmal ausruhen.

Schlimme Langzeitfolgen

Auf der Intensivstation werden Sepsis-Patienten meist künstlich beatmet und oft in ein künstliches Koma versetzt. Wenn der Patient dann wieder aufwacht, setzten häufig Panikattacken ein, erklärt Brunkhorst. " Die Patienten sind später sehr anfällig für die Entwicklung eines posttraumatischen Belastungssyndroms, PTSB. Das ist eine Störung, die auch bei Soldaten vorkommt, die Schlimmes erlebt haben. Beim Sepsis-Patienten können Muskel- und Nervenschwächen hinzukommen.

Video ansehen 02:57

Wie gefährlich eine Sepsis ist (16.04.2014)

"Was wir zunehmend beobachten, ist eine kognitive Dysfunktion", so Brunkhorst. "Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurden Langzeitbeobachtungen angestellt. Die Patienten hatten einen deutlichen kognitiven Abbau im Kurz- und Langzeitgedächtnis." Über bestimmte Tests habe man sie dann mit Alzheimerpatienten verglichen.

"Bei einigen Probanden grenzten die Werte schon an Alzheimer. Wir forschen momentan daran, dass bei einer Sepsis offenbar bestimmte Entzündungsauslöser auch ins Hirn übertragen werden und dort eben bestimmte Hirnzellen schädigen", sagt Brunkhorst

Zu den Spätfolgen bei Rolf Thiel gehören Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. "Wenn ich bestimmte Sätze lese, muss ich sie zwei- oder dreimal lesen, damit ich sie zusammenfügen kann und Zusammenhänge verstehe. Ich bin kopfmäßig nicht mehr so gut wie früher, und ich fühle mich mindestens zehn Jahre älter. "

Hygiene und Impfung

Zu etwa zwei Drittel aller Sepsis-Fälle kommt es im Krankenhaus. "Eine Sepsis ist gewissermaßen ein Tribut, den wir für unsere medizinischen Erfolge zahlen müssen", sagt Brunkhorst. "Die moderne Hochleistungsmedizin ist durchaus in der Lage, Leben zu verlängern, aber sie geht dabei ein hohes Risiko ein. Es gibt riesige Wundflächen bei Patienten, die große Operationen überstanden haben." Für Krankheitserreger ist das ein idealer Nährboden, das schwache Immunsystem tut ein Übriges. Oberstes Gebot sei Hygiene. "Da müssen wir besser werden. Wir wissen, dass wir zwanzig Prozent der Krankenhausinfektionen, die zu einer Sepsis führen, verhindern können", sagt Brunkhorst. Dazu müsste das Personal noch besser geschult und sensibilisiert werden.

Hirnaufnahme der Uniklinik Leipzig (Foto: dpa/lsn).

Eine Sepsis kann das Gehirn schädigen

Ein anderer wichtiger Punkt seien vorsorgliche Impfungen, die verhindern können, dass einige Infektionskrankheiten überhaupt ausbrechen. "Wir haben zum Beispiel die saisonale Grippeimpfung. Die wird noch nicht flächendeckend durchgeführt. Ganz wichtig ist die Impfung gegen die bakterielle Lungenentzündung, die Pneumokokken. Da gibt es ein riesiges Defizit."

Brunkhorst empfiehlt Heimbewohnern, sich regelmäßig impfen zu lassen, auch Menschen über 60 und Menschen mit Risikofaktoren. "Wir müssen natürlich nach Wegen suchen, wie wir diese Patienten trotz Abwehrschwäche stabilisieren können. Wir forschen daran, das Abwehrsystem besser zu verstehen, es zu beeinflussen, zu modulieren, zu kontrollieren. Und wir versuchen, dafür neue Medikamente zu entwickeln."

Beratung und Hilfe

Rolf Thiel hat sich bei der Deutschen Sepsis-Gesellschaft Hilfe geholt, hat sich beraten lassen und über die gefährliche Erkrankung Sepsis informiert. Er habe gemerkt, dass er nicht alleine ist und hat andere Möglichkeiten ausprobiert, die für ihn neu waren. "Wie etwa zu einem Psychiater zu gehen. Das sind ja immer Dinge, die man gerne aufschiebt, weil man sich nicht traut."

Betroffene haben einen Telefondienst eingerichtet. Dort können Patienten jederzeit anrufen und auch Angehörige können dort Hilfe bekommen. Rolf Thiel und seine Familie mussten ihr Leben umstellen, der heute 50-jährige Familienvater muss damit klarkommen, dass er seit seinem 43. Lebensjahr Frührentner ist. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sei eben noch nicht alles vorbei, so Thiel. "Wenn man so eine Sepsis durchgemacht hat, Nahtod-Erlebnisse hatte und auf der Intensivstation war, dann sind das schon schlimme Erfahrungen."

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