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Welt

Senegals gespaltenes Verhältnis zu Frankreich

In diesem Jahr feiern 17 afrikanische Länder den 50. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Eines davon ist Senegal. Sein Verhältnis zu Frankreich ist bis heute eng, aber auch zwiespältig.

Soldaten der französischen Kolonial-Armee im Senegal (Foto: AP)

Soldaten der französischen Kolonial-Armee im Senegal

Die resolute Stimme des Lehrers hallt durch den kahlen Klassenraum, in dem der Putz langsam von den Wänden bröckelt. Etwa 60 Mädchen und Jungen drängen sich in spartanischen Holzbänken. Die Luft ist schon am frühen Morgen dick und staubig. Dennoch sind alle Schüler der Abschlussklasse hundertprozentig bei der Sache.

Lehrer Diallo unterrichtet Kolonialgeschichte (Foto: Klaudia Pape)

Ibou Diallo unterrichtet Kolonialgeschichte

Geschichtsunterricht im Gymnasium Blaise Diagne in Dakar. Auf dem Programm steht das Ende der Kolonialzeit. Und das interessiert die Schüler brennend. "Ich bin Senegalese", sagt der eigentlich schüchterne Papa Diop selbstbewusst, "und da will ich natürlich die wichtigen Ereignisse aus der Geschichte meines Landes kennen." Was nicht selbstverständlich sei, wirft Lehrer Ibou Diallo ein. "Unsere Vorfahren mußten noch die französische Geschichte lernen". Da sei von "unseren Vorfahren, den Galliern" die Rede gewesen, von "Jeanne d'Arc und Napoleon".

Erst in den 70er und 80er Jahren wurden die Schulbücher der afrikanischen Realität angepasst und Themen wie die Kolonialzeit in die Lehrpläne aufgenommen. Heute wissen und interpretieren die Schüler, was damals geschah: "Die Franzosen haben zwar auch Gutes getan. Aber sie sind vor allem gekommen, um unser Land und unsere Rohstoffe zu nehmen. Auch deshalb sind wir bis heute ein Entwicklungsland".

Überbleibsel aus der Kolonialzeit: ein alter Eisenbahnwaggon (Foto: Klaudia Pape)

Überbleibsel aus der Kolonialzeit: ein alter Eisenbahnwaggon

Auswirkungen der Kolonialzeit

Lehrer Diallo sieht das ähnlich: "Wir leben auch noch nach 50 Jahren Unabhängigkeit mit den Auswirkungen der Kolonialzeit". Die Kolonialherren hätten die Senegalesen zum Beispiel gezwungen, nur noch Baumwolle und vor allem Erdnüsse anzubauen. Resultat: "Ausgelaugte Böden, Abhängigkeiten als Rohstoffexporteur, altertümliche Landwirtschaftsmethoden, kaum Industrie". Senegal, darüber ist der Mann mit der ruhigen Ausstrahlung wirklich fassungslos, sei noch nicht einmal in der Lage das zu produzieren, was die Menschen konsumieren. "Wie soll man sich da entwickeln?"

Französisch-Unterricht in der Vorschule Sainte Marie de Hann (Foto: Klaudia Pape)

Französisch-Unterricht in der Vorschule Sainte Marie de Hann

Die Landwirtschaft sei nur ein Problem, die Sprache ein weiteres, meint Diallo und verweist auf die umliegenden Grundschulen. Die kleinen Senegalesen, die zuhause Wolof, Peul, Diola oder andere einheimische Sprachen sprechen, mühen sich dort mit dem Französischen ab. "Wir Afrikaner sind die einzigen, die nicht in ihrer Muttersprache lernen", erklärt Lehrer Diallo. "Was natürlich bedeutet, dass die Schüler inhaltlich vieles nicht erfassen". Auch das habe Auswirkungen auf die Entwicklung des Landes.

Immer noch abhängig von Frankreich?

Der senegalesische Soziologe Momar Diop (Foto: Klaudia Pape)

Der senegalesische Soziologe Momar Diop

Diallos Kollegen aus Forschung und Wissenschaft bedauern vor allem, dass Senegal nicht wirklich unabhängig von Frankreich sei. "Wir leben in einem System des Neokolonialismus", sagt etwa der Sozialwissenschaftler Momar Diop. Und der Ökonom Baye Diagne listet auf: Der afrikanische Franc sei an die französische Währung gekoppelt, die Wirtschaft werde von französischen Unternehmen bestimmt, Einfuhren aus Frankreich deckten einen Großteil des senegalesischen Marktes ab. "Das ist eine gefährliche Sackgasse". Auch die Geschichtsprofessorin Penda Mbow sieht nach wie vor den Einfluß Frankreichs auf die Kultur ihres Landes: "Wir haben es nie geschafft, etwas völlig Autonomes zu schaffen. Deshalb sind wir mittelmäßig geblieben".

Im Zentrum von Dakar liegt – gut abgesichert - ein palastähnlicher Bau: die französische Botschaft. Hier arbeitet in einem geräumigen Büro mit Atlantikblick Jean-Luc Le Bras, Direktor für die Französisch-Senegalesische Zusammenarbeit. Le Bras ist ein stattlicher, jovialer Mann, der seit Jahrzenten in Afrika arbeitet und mit jedem Satz signalisiert, dass er weiß, wovon er spricht. Jetzt sagt er diesen: Natürlich hätten die Franzosen in und nach der Kolonialzeit Fehler gemacht, aber nicht nur die Franzosen. Nach 50 Jahren Unabhängigkeit könnten die Senegalesen die Gründe für aktuelle Schwierigkeiten nicht mehr nur in der Kolonialzeit suchen.

Jean-Luc Le Bras aus der französischen Botschaft in Dakar (Foto: Klaudia Pape)

Jean-Luc Le Bras von der französischen Botschaft in Dakar

Und dann spricht Le Bras noch über die zwiespältigen Gefühle der Senegalesen. Einerseits gebe es Aversionen gegen Franzosen, die aber glücklicherweise nie Ausmaße angenommen hätten wie zum Beispiel in der Elfenbeinküste. Andererseits wollten die Senegalesen – paradoxerweise – oft beides: "sowohl ein bisschen weniger als auch ein bisschen mehr Frankreich". Ständig erhalte er etwa Anfragen nach französischen Mitarbeitern in Ministerien und Organisationen. Und wenn die Botschaft ein Visum für einen Studenten ablehne, dann werde der oft wütend, weil er glaubte, er habe ein Recht darauf, in Frankreich zu studieren.

Träume vom Auswandern

In vielen Punkten geben die Senegalesen dem Franzosen Le Bras sogar recht. Für die wirtschaftliche Misere machen viele heute vor allem ihre eigene politische Elite verantwortlich, die es nicht geschafft habe, für bessere Lebensbedingungen zu sorgen. Und genau deshalb wollen zum Beispiel alle Schüler der Abschlussklasse am Gymnasium Blaise Diagne so schnell wie möglich nach Frankreich. Hier im Senegal, da sind sie sich einig, "gibt es keine vernünftige Ausbildung, keine Jobs und keine Perspektive".

Manche Senegalesen versuchen in kleinen Fischerbooten nach Europa zu fliehen (Foto: Klaudia Pape)

Manche Senegalesen versuchen in kleinen Fischerbooten nach Europa zu fliehen

Lehrer Ibou Diallo versucht trotzdem seine Schüler davon zu überzeugen, im Senegal zu bleiben. Er wirkt kämpferisch und einsam zugleich, wenn er ihnen sagt: "Seht mich an. Ich bin jetzt hier seit 15 Jahren Geschichtslehrer mit einem Gehalt, das zum Leben nicht reicht. Aber was würde es dem Land nützen, wenn ich nach Frankreich ginge, um dort junge Franzosen auszubilden? Ich werde hier gebraucht." Und dann kommt Diallos wichtigste Botschaft, auch wenn er weiß, dass die nicht bei jedem Schüler ankommt: Die Deutschen hätten ihr Land aufgebaut, die Franzosen ihr Land und die Amerikaner ihres. "Und wer soll den Senegal aufbauen, wenn alle Senegalesen weglaufen?"

Autorin: Klaudia Pape
Redaktion: Katrin Ogunsade

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