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Welt

Seliger Óscar Romero: Lateinamerika feiert

Erst Kommunist, dann Heiliger: 35 Jahre nach seinem Tod wird El Salvadors Nationalheld Óscar Romero seliggesprochen. Zu der Zeremonie am Samstag werden neun Staatschefs und eine halbe Million Gläubige erwartet.

In seiner Heimat El Salvador wird Erzbischof Óscar Romero als Nationalheld und Vorkämpfer für Frieden und Gerechtigkeit verehrt. Staatschef Salvador Sánchez Cerén sieht in der Seligsprechung den Beginn einer neuen Epoche: "Lateinamerika hat jetzt endlich einen Heiligen! Möge sein Vorbild zur Veränderung des Landes beitragen", sagte er der einheimischen Presse.

Für Sánchez Cerén, ehemaliger Kommandant der früheren Guerilla Gruppe FMLN, geht damit der Kalte Krieg auch in Lateinamerika zuende. Denn die angebliche Bedrohung durch den Kommunismus, die in den 70er und 80er Jahren dazu führte, dass die USA massiv Militärjuntas in der Region unterstützten, gehöre endgültig der Geschichte an.

"Óscar Romero ist ein Gigant der Geschichte Lateinamerikas", meint auch Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa, der an der Zeremonie am 23. Mai teilnimmt. Mit der Seligsprechung würde den bisher missachteten Märtyrern Lateinamerikas endlich Anerkennung und Gerechtigkeit widerfahren.

Die Seligsprechung des Erzbischofs von San Salvador kommt spät. Und dennoch löst sie bei der politischen Linken und den Anhängern der Befreiungstheologie in Lateinamerika Genugtuung aus. Denn sozialrevolutionäre Priester und Bischöfe, die die Armut ihrer Gläubigen nicht als Gott gegeben hinnehmen, sondern mit Gottes Hilfe lindern wollen, hatten bislang im Vatikan nur wenig Fürsprecher.

Die Wahl von Papst Franziskus 2013 leitete eine kirchenpolitische Wende ein. Nach der Wiederannäherung zwischen Kuba und den USA sendete der erste Latino auf dem Heiligen Stuhl ein weiteres Signal der politischen Versöhnung aus: Erzbischof Óscar Romero, am 24. März 1980 während einer Messe erschossen, gilt nicht mehr als Revolutionär oder Kommunist, sondern als heiliger Vorkämpfer für Menschenrechte.

Kanonische Kehrtwende

"Die Seligsprechung von Óscar Romero kommt einer neuen Interpretation des Martyriums gleich", meint

der brasilianische Befreiungstheologe und Autor Leonardo Boff

. "Auch jemand, der mit seinem Leben die Armen verteidigt, ist heilig".

El Salvador Gedenktafel Bürgerkriegsopfer (Foto: EPA/STR)

Gedenken an die Opfer: Während des Bürgerkriegs in El Salvador (1980 -1992) kamen rund 70.000 Menschen ums Leben

Für den ehemaligen Franziskanerpriester Leonardo Boff, der 1992 vom Vatikan mit einem Lehrverbot belegt wurde, ist dies ein später Triumph: "Endlich haben wir einen politischen Heiligen, einen Heiligen der Befreiungstheologie für die Armen!". Dies erkläre auch, warum so viele Staatsoberhäupter an der religiösen Zeremonie teilnähmen. Denn Romero sei ein "politischer Heiliger".

Außerhalb des Vatikans wird Romero schon lange als Ikone für Frieden und Gerechtigkeit verehrt. 2011 kniete US-Präsident Barack Obama am Grabstein des "Bischofs der Armen" nieder. Die Vereinten Nationen widmeten Romero einen Ehrentag. Das Parlament von El Salvador ernannte ihn 2000 zum "Hochgeschätzten Sohn", und britische Abgeordnete nominierten ihn für den Friedensnobelpreis.

Anerkennung für "rote" Bischöfe

Papst Franziskus hob nicht nur die Blockade gegen die Seligsprechung von Óscar Romero auf. Er kündigte auch an, die Seligsprechung eines weiteren Systemkritikers zu prüfen: Dom Hélder Câmara. Der "Rote Bischof von Recife" wetterte bereits in den 1950er Jahren gegen die soziale Ungerechtigkeit und leistete Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur (1964 – 1985).

In seinen Predigten entlarvte Hélder Câmara die gesellschaftliche Doppelmoral: "Wenn ich den Armen zu Essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen, aber wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, schimpfen sie mich einen Kommunisten“, lautet eines seiner geflügelten Worte.

Brasilien Helder Camara Erzbischof

Rot und rebellisch: Auch Dom Hélder Câmara, ehemaliger Bischof von Recife, soll selig gesprochen werden

Óscar Romero, Dom Hélder Câmara, Gustavo Gutiérrez, Jon Sobrino und Leonardo Boff - die Begründer der Befreiungstheologie aus Lateinamerika leisteten nicht nur Widerstand gegen die Militärdiktaturen in ihrer Region und forderten soziale Gerechtigkeit. Sie stellten auch eine Frage, die bis heute immer wieder aufs Neue beantwortet werden muss: Kann der christliche Glaube die Gesellschaft verändern?

Geräuschloser Einsatz für die Armen

Der brasilianische Erzbischof von Maringá, Anuar Battisti, beantwortet diese Frage eindeutig mit "Ja". "Natürlich gibt es noch Pfarrer und Bischöfe, die sich für die arme Bevölkerung einsetzen, doch sie äußern sich nicht mehr so radikal wie damals", sagt er im Gespräch mit der DW. Die Zeiten, in denen in Kirchengemeinden der soziale Kampf ausgerufen wurde, seien "endgültig vorbei".

Für Bischof Battisti unterstreicht die Seligsprechung Romeros die Vision von Papst Franziskus. Dazu gehört die Vorstellung von einer "bescheidenen Kirche, die auf Pomp verzichtet und an der Seite der Armen stehen" solle. "Der Einsatz für benachteiligte gesellschaftliche Gruppen verläuft heute geräuschlos", sagt Battisti. "Es gibt keine offene Konfrontation mit Regierungen oder dem politischen Establishment mehr".

Oscar Romero Erzbischof El Salvador 1977 (Foto: AP)

"Kirche lebt in einer politischen Welt. Und wenn sie sich - wie Jesus - den Armen zuwendet, dann hat sie auch gar keine andere Wahl!" - Zitat von Oscar Romero vom 2.2.1980

Doch der jahrzehntelange Kampf gegen Befreiungstheologen, Linkskatholiken und Reformer hat tiefe Wunden gerissen. Die geplanten Seligsprechungen wirken daher für viele Linke wie Balsam, auch wenn sie spät kommen.

Die politische Linke in Lateinamerika hofft darauf, dass Romeros Heiligenschein künftig auch auf sie abstrahlt. In Salvador, Nicaragua und Honduras finden zurzeit T-Shirts mit den Konterfeis von Salvador Allende und Che Guevara neben Óscar Romero reißenden Absatz. Vielleicht reiht sich künftig auch Papst Franziskus in die Riege der Revolutionäre ein.

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